Dolby Atmos und Lossless Audio Was Sie über Apples neuen Sound wissen müssen

Mit High-End-Klang und 3D-Audio will Apples Musikstreamingdienst jetzt Hifi-Genießer anziehen und sich von der Konkurrenz abheben. Das klingt gut, braucht aber Vorbereitung.
Apples Music-App mit Titeln in 3D-Audio

Apples Music-App mit Titeln in 3D-Audio

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Mitte Mai hatte Apple angekündigt, sein Streamingangebot Apple Music kräftig aufzubohren. High-End-Hörer locken will das Unternehmen jetzt mit Musik im Lossless-Format, dessen Klangqualität der von Musik-CDs entspricht, sowie mit einem Hi-Res-Lossless-Format, dessen Qualität an die von Studioaufnahmen heranreicht. Tausende Titel im Raumklangformat Dolby Atmos sollen derweil alle Kundinnen und Kunden ansprechen. »Fernsehen hat HD bekommen – Musik bekommt jetzt 3D«, kommentiert Zane Lowe den technisch bemerkenswerten Schritt. Den 3D-Sound betrachtet der Apple-Manager und Radiomoderator als Nachfolger des Stereoformats.

Dass moderne Aufnahmen mit Dolby Atmos räumlicher und fetter klingen als bisher, liegt nahe. Dazu kann man sich etwa »7 rings« von Ariana Grande anhören. Der Synth-Bass greift hier tief ins unterste Register, die Synthesizer-Arpeggios brillieren weit darüber kristallklar und die Stimme der Sängerin scheint wie angenagelt genau dazwischen zu stehen.

Noch beeindruckender aber ist, wie sehr sich alte Aufnahmen durch den 3D-Sound verändern.

Regen fällt, überall

Ein plastisches Beispiel liefert »Riders on the Storm« von The Doors, ursprünglich eine analoge Achtspur-Aufnahme von 1971 . Die Stereoversion in Ultra HD, wie sie auf Amazon Music zu hören ist, klingt schon sehr gut. Doch die Dolby-Atmos-Variante bei Apple Music ist, wie man in Hamburg sagt, ein ganz anderer Schnack.

Kommen die Gewittergeräusche, die dem Titel als Kulisse dienen, in der Stereoversion noch direkt aus der Mitte, während die Gitarre streng nach rechts, das E-Piano nach links gemischt ist, spannt die 3D-Version bei Apple einen ganz anderen Rahmen auf. Man scheint mitten im Gewitter zu stehen. Gitarre und Piano sind zwar noch immer auf links und rechts verteilt, scheinen aber enger zusammenzurücken. Die Dynamik des glockigen Fender-Rhodes-Pianos ist deutlich intensiver. Vor allem aber geht der von Elvis Presleys Bassist Jerry Scheff gespielte Bass viel tiefer runter.

Auf welchen Geräten Dolby Atmos läuft

Um Musik im Dolby-Atmos-Format anhören zu können, benötigt man zunächst einmal ein Abo bei Apple Music, das zwischen 4,99 und 14,99 pro Monat kostet. Nicht fehlen darf außerdem ein Apple-Gerät, auf dem die aktuelle Version von Apples Music-App läuft. Vorläufig sind das ausschließlich iPhones, iPads und Macs, später soll auch die Apple-Music-App für Android entsprechend angepasst werden.

Auf Apple-Kopfhörern und einer Reihe von Beats-Modellen läuft Dolby Atmos dann automatisch. Wer das neue Format auf Kopfhörern eines anderen Herstellers erleben möchte, muss in den Einstellungen unter Musik/Dolby Atmos auf Immer eingeschaltet umschalten. Aber auch auf den eingebauten Lautsprechern der Geräte lässt sich Dolby Atmos anhören, was zumindest auf den größeren iPads und MacBooks auch ganz passabel klingt. Da ist es nur logisch, dass das auch mit den HomePod-Lautsprechern klappt. Dasselbe gilt, wenn man die Musik von einem Apple TV 4K aus über einen Receiver auf externe Lautsprecher ausgibt.

Optionen für Dolby Atmos auf einem iPhone

Optionen für Dolby Atmos auf einem iPhone

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Noch ist die Auswahl an Titeln, die man in dem raumfüllenden Format anhören kann, allerdings begrenzt. In Apples Dolby-Atmos-Angebot klaffen große Lücken. Songs von Depeche Mode und Radiohead etwa, liegen zwar Lossless vor, aber nicht im 3D-Audioformat. So bleibt abzuwarten, wie viele Alben tatsächlich in das neue Format umgewandelt werden. Jener Prozess nämlich sei keiner, den man automatisieren könne, warnt Apple-Manager Eddy Cue in einem »Billboard«-Interview : »Das erfordert einen Tontechniker und den Künstler, der sich zurücklehnt und zuhört, die richtigen Entscheidungen trifft und weiß, was zu tun ist.«

Lossless hat ein Hörerproblem

Beim Lossless-Format ist das anders. Hier startet Apple mit 20 Millionen Songs, die in Apple Music bereits in hochauflösenden Versionen abrufbar sind. Die so gesteigerte Klangqualität zu vermarkten, dürfte Apple allerdings schwerer fallen als Dolby Atmos. Schließlich ist das Gros der Musikhörerinnen und -hörer in den vergangenen zwei Jahrzehnten an komprimierte Musik gewöhnt worden.

Mit dem MP3-Format wurde Musik Mitte der Neunzigerjahre von physischen Datenträgern gelöst und internetkompatibel gemacht, was damals einen Boom von Musiktauschbörsen und Downloadportalen auslöste. Die von Plattenfirmen und Musikern gehasste Möglichkeit, Songs über das Internet zu teilen, war mit einem Verlust an Klangqualität erkauft worden, den viele gern gegen die scheinbar ubiquitäre Verfügbarkeit kostenloser Musik tauschten. Aber diese Zeiten sind Vergangenheit, seit Dienste wie Spotify Musikhören übers Internet legal ermöglichen – nur eben meist in reduzierter Qualität.

Angebote wie Qobuz, Prime Music HD und seit Dienstag Sonos Radio HD versuchen sei einiger Zeit, eine audiophile Kundschaft zu Streamern zu machen – allerdings immer gegen Aufpreis.

Nur Kabel können das

Kostenlos ist es zwar auch nicht – man muss ja Abonnent sein –, immerhin aber steht Apples Lossless-Angebot allen zahlenden Kundinnen und Kunden ohne Extragebühr offen und bietet ihnen CD-Qualität (Lossless) und so etwas wie Studioqualität (Hi-Res-Lossless), zumindest theoretisch.

Die ersten Hürden, die man nehmen muss, sind die Bandbreite und der Platzbedarf hochauflösender Musik. Apple rechnet vor, dass ein Drei-Minuten-Song im AAC-Format rund sechs Megabyte (MB) belegt, im Lossless-Format 36 MB und im Hi-Res-Lossless-Format 145 MB.

Welches Format darf es denn sein? Lossless Audio auf einem iPhone

Welches Format darf es denn sein? Lossless Audio auf einem iPhone

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Vor allem aber muss man sich bei Hi-Res-Musik von dem Gedanken verabschieden, sie kabellos hören zu können. Die von Kopfhörern genutzte Bluetooth-Technik komprimiert Musik, um die nötigen Datenmengen übertragen zu können. Man braucht also zwingend eine Kabelverbindung und zwar eine analoge. Apples AirPods fallen damit durch das Raster, denn die In-Ear-Headsets funktionieren nur per Bluetooth. Einzig die AirPods Max können Lossless Audio wiedergeben, wenn man sie über das optionale Lightning-auf-3,5-mm-Audiokabel anschließt. »Aufgrund der Analog-Digital-Umwandlung im Kabel wird die Wiedergabe jedoch nicht vollständig verlustfrei erfolgen«, warnt Apple allerdings.

Um Lossless-Audio wirklich ausnutzen zu können, braucht man also eher Kopfhörer eines Drittherstellers, die per Kabel an iPhone, iPad oder MacBook angeschlossen werden. Und will man seine Kopfhörer mit neueren iPhones und iPads verbinden, die keine Kopfhörerbuchse haben, braucht man einen Lightning- oder USB-C-auf-3,5‑mm-Kopfhöreranschluss-Adapter, den Apple für zehn Euro anbietet.

Möchte man Hi-Res-Lossless hören, ist neben einem guten Gehör und guten Kopfhörern ein sogenannter Digital-Analog-Wandler vonnöten. Solche Geräte gibt es für 99 Euro, man kann aber mühelos auch ein Vielfaches davon ausgeben.

Auf dem Apple TV 4K kann man über einen via HDMI angeschlossenen Receiver immerhin Lossless-Musik hören, nicht aber Hi-Res-Lossless. Immerhin: Für die HomePod-Lautsprecher, auch die angekündigten großen Modelle, hat Apple ein Update in Aussicht gestellt, das Lossless-Audio möglich machen soll. Einen Termin dafür gibt es aber noch nicht.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.