Neue Forschungs-App Facebook forscht seine Nutzer ganz offiziell aus

Keine Kinderforschung mehr: Nach der Einstellung umstrittener Research-Projekte hat Facebook nun eine neue App veröffentlicht, die das Verhalten von ausgewählten Smartphone-Nutzern analysieren soll.

Dominic Lipinski / DPA

Mit einer neuen App namens "Study" will Facebook mehr über digitale Verhaltensmuster herausfinden. Nutzer, die den Konzern etwa auswerten lassen, welche Apps sie wie häufig nutzen, werden dafür von Facebook bezahlt.

Frühere Facebook-Apps, die das Verhalten der Nutzer zu Forschungszwecken getrackt hatten, waren eingestellt worden, nachdem Medien Facebooks fragwürdiges Vorgehen damit enthüllt hatten. "Study" soll nun alles richtig machen: Einer Mitteilung des Konzerns zufolge ist Facebook bewusst, "dass bei dieser Art von Forschung klar sein muss, wofür sich die Menschen anmelden, wie ihre Daten gesammelt und verwendet werden und wie sie sich jederzeit abmelden können." Die App ist Facebook zufolge neu entwickelt worden und unterscheide sich von ihren Vorgängern.

Fotos, Videos, Nachrichten oder Passwörter werde Facebook nicht auswerten. Stattdessen analysiert die Forschungs-App die Anwendungen, die auf dem Telefon installiert sind, wie viel Zeit Nutzer mit welchen Apps verbringen, die Herkunftsländer der Nutzer, den genutzten Gerätetyp und die Art der Netzwerke. Facebook will so Informationen über Wettbewerber sammeln, aber auch herausfinden, welche neuen Funktionen für das Unternehmen interessant sein könnten.

Nicht jeder Facebook-Nutzer kann teilnehmen

Wie hoch die Vergütung für Teilnehmer ist, wurde noch nicht bekannt gegeben. Facebook sucht mit Anzeigen nach geeigneten Probanden. Interessenten, die auf die Anzeige klicken, können sich durch die Beantwortung einiger Fragen für das Forschungsprogramm qualifizieren. Dann erhalten die Teilnehmer eine Einladung, mit der sie die App im Google Play Store herunterladen können. Zukünftig soll die App auch für Apple-Geräte verfügbar gemacht werden.

Bisher können nur Nutzer aus Indien und den USA am Forschungsprojekt "Study" teilnehmen. "Wir werden es weiter verbessern und in Zukunft auf weitere Länder ausweiten", teilte Facebook mit. Alle Teilnehmer müssen zudem älter als 18 Jahre sein.

Facebooks ehemalige Forschungs-App "Research" war heftig umstritten, weil sie auch von Minderjährigen genutzt wurde. Facebook bezahlte Nutzern im Alter zwischen 13 und 35 Jahren bis zu 20 Dollar im Monat, um sich Zugang zu deren Smartphone-Aktivitäten zu verschaffen. Ärger gab es auch, weil die entsprechende iPhone-App gegen die Richtlinien von Apple verstieß.

Die zweite mittlerweile eingestellte App "Onavo Protect" wurde von Facebook als kostenloser VPN für sicheres Surfen im Netz angeboten - doch nebenbei sammelte die App Daten über das Surfverhalten der Nutzer. Die neue App "Study" soll mit dem schlechten Image von Facebooks-Forschungsprogrammen brechen.

sop



insgesamt 9 Beiträge
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stolte-privat 12.06.2019
1. Ein Traum.....
...für die Stasi der ex-DDR: keine IM's, keine Wanzen, keine Richtmikrofone, keine Aktenberge. Stattdessen tragen die bespitzelten ihre Informationen selbst zusammen und lassen sie freiwillig auswerten. Erich Mielke lacht......
DominicW 12.06.2019
2. mit Stasi hat das nix zu tun.
was für ein unterqualifizierter Kommentar zur Stasi. In der sowjetisch besetzten Zone (sogenannte DDR) wurde alles und jeder überwacht. Leute, die diese App benutzen bekommen Geld dafür und werden nicht unfreiwillig überwacht. Ich bewundere jeden, der da mitmacht und dafür sorgt, dass Werbungen und Inhalte interessengerechter ausgespielt werden können. Wenn ich Werbung sehe, dann lieber welche die mich interessiert. Also Dank an die Entwickler und an alle die mitmachen.
Semmelbroesel 12.06.2019
3. Ich scheue..
..Facebook, wie der Teufel das Weihwasser.
manskyEsel 12.06.2019
4. FaceBook-Button bei Spiegel
Dass Spiegel immer noch den FaceBook-Button anbietet, ist angesichts solcher Berichte sehr fragwürdig.
Heinz Pust 12.06.2019
5. Sagenhaft
Ich finde es unglaublich, welche ungeheuerlichen Praktiken die Nutzer Facebook durchgehen lassen. Man stelle sich vor, irgend ein anderes Unternehmen der Welt würde die Kunden derart skrupellos ausspioniere und manipulieren. Die Proteste wären gigantisch. Alleine diese Passage spricht schon Bände: "Die zweite mittlerweile eingestellte App "Onavo Protect" wurde von Facebook als kostenloser VPN für sicheres Surfen im Netz angeboten - doch nebenbei sammelte die App Daten über das Surfverhalten der Nutzer." Sprich: Facebook gibt vor, dem Nutzer einen sicheren Kanal zu bieten, der aber in Wirklichkeit bewusst infiltriert wird und somit unsicher ist. Das ist eine solch dreiste und meiner Meinung nach schon kriminelle Täuschung des Kunden, dass es eigentlich ein ähnlicher Fall wäre wie die Betrügereien der Autofirmen beim Diesel. Aber offenbar befindet sich der Großteil der Facebook-Nutzer immer noch in einer Duldungsstarre und akzeptiert jede Schweinerei von Zuckerberg. Hauptsache, man verliert nicht den Zugang zur heiligen Kuh Social Media. Für mich persönlich ist Facebook der mit Abstand kriminellste IT-Konzern der Welt und eine Zerschlagung ist längst überfällig. Die "Forschungen", die Facebook betreibt und die immer wieder durchsickern, nehmen wirklich beängstigende Formen an. Man denke nur an die diversen KI-Projekte des Konzerns, die eine umfängliche Vollerfassung aller Nutzeraktivitäten incl. Bildanalysen beinhalten und eine damit einhergehende Manipulation dieser. Mal sehen, wie lange es dauert, bis man auch offizielle Kooperationen mit US Geheimdienst und Militär verkünden wird. Die Nutzer kartieren ihr Leben völlig freiwillig bis ins intimste Detail und jedes Unterdrücker-Regime der Welt kann auf Basis dieser Daten unliebsame Zeitgenossen perfekt verfolgen und unterdrücken. Und da für Facebook Datenschutz ein Fremdwort ist, wird man gegen klingende Münze sicherlich auch gerne Nutzerprofile an jeden liefern, der Interesse und genug Bargeld hat.
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