Erkenntnisse über Mark Zuckerberg "Ein nachdenklicher Mensch mit manchmal seltsamen Gedanken"

Tech-Geschichte im Zeitraffer: In einem neuen Buch rekonstruiert Autor Steven Levy den Aufstieg Facebooks - und dessen Skandale. Levy las sogar in Mark Zuckerbergs Notizen, die eigentlich vernichtet werden sollten.
Ein Interview von Markus Böhm
Mark Zuckerberg im Jahr 2007: Facebook war damals noch ein Start-up

Mark Zuckerberg im Jahr 2007: Facebook war damals noch ein Start-up

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Kimberly White / Reuters/ REUTERS

"Zuckerberg, 21, hofft, dass die MySpace-Kids zu seiner Seite wechseln." Sätze wie dieser standen Mitte der 2000er-Jahre in den "Newsweek"-Artikeln des bekannten Tech-Journalisten Steven Levy. Facebook war damals noch ein Start-up, aufgesetzt von Harvard-Studenten - MySpace das vielleicht coolste soziale Netzwerk des Planeten.

Heute wissen Jugendliche nicht mehr, was MySpace ist. Und fast alle nutzen Facebook oder Apps aus dem Facebook-Universum. Denn neben seinem gleichnamigen sozialen Netzwerk plus Messenger betreibt Facebook auch Instagram und WhatsApp. 2,9 Milliarden Menschen  loggen sich mindestens einmal im Monat in einen Facebook-Dienst ein, teilte kürzlich Mark Zuckerberg mit, der mit 35 schon lange zu den reichsten Personen der Welt zählt.

In seinem neuen Buch "Facebook - Weltmacht am Abgrund " zeichnet Steven Levy nun auf 688 Seiten Facebooks beispiellosen Aufstieg nach. Sein Werk basiere auf 300 Interviews mit derzeitigen und ehemaligen Facebook-Mitarbeitern sowie "sachkundigen Außenstehenden", schreibt Levy. Allein mit Zuckerberg traf er sich seit 2016 sieben Mal für Einzelinterviews. Der SPIEGEL hat mit Levy telefoniert.

Zur Person

Steven Levy, Jahrgang 1951, zählt zu den renommiertesten Tech-Journalisten. Er ist "Editor at large" beim Magazin "Wired", zuvor schrieb er unter anderem für "Newsweek". Levy hat mehrere Bücher veröffentlicht: Bevor er Facebook durchleuchtete, widmete er sich unter anderem dem Innenleben von Google. Als weiteres wichtiges Werk Levys gilt "Hackers: Heroes of the Computer Revolution", ein Buch, in dem er 1984 die Wurzeln und die zunehmende Bedeutung der Hackerszene dokumentierte.

SPIEGEL: Herr Levy, Ihre Arbeit am Buch begann, als Trump noch nicht gewählt und der Cambridge-Analytica-Datenskandal noch kein großes Thema war. Wann wurde Ihnen klar, dass bei Facebook eine Unternehmenskrise aufzog?

Steven Levy: Der Wendepunkt war eindeutig die Wahl 2016. Am Wahltag im November war noch nicht zu hundert Prozent abzusehen, wie dramatisch sich die Dinge ändern würden, aber es lag etwas in der Luft. Ich war damals im Raum, als Mark Zuckerberg zwei Tage später gefragt wurde, ob Facebook für die Wahl Trumps eine Rolle gespielt habe - er nannte das eine verrückte Idee. Eine interessante Position, dachte ich mir: Ich weiß nicht, ob er damit davonkommt. Es war aber auch nicht so, dass alle im Raum gestöhnt hätten. Es schien ziemlich plausibel. Es zeichnete sich dann aber bald ab, dass Facebook eine Zeit mit viel mehr Überprüfung von außen bevorstand. So ging es 2017 weiter und 2018 kam dann das Thema Cambridge Analytica hoch.

SPIEGEL: Was bedeuteten Facebooks Krisen für Ihre Arbeit?

Levy: Es war anders, auch ich wusste nicht im Voraus, was auf Facebook zukommen würde. Für Facebook war das alles ein Albtraum. Ich machte mir daher Sorgen, sie könnten aufhören, mit mir zu reden. Aber sie machten weiter.

Das schreibt Levy im Buch über Facebooks Wachstum und Skandale

"Das Unternehmen profitiert von und leidet unter dem Erbe seiner Ursprünge, seinem Hunger nach Wachstum und seiner ebenso idealistischen wie erschreckenden Mission. Seiner Kühnheit – und der seines Führers – verdankt es seinen Erfolg. Doch diese Kühnheit hatte einen hohen Preis.

Nahezu jedes Problem, mit dem Facebook während der Post-Wahljahr-Krisen konfrontiert war, war eine Folge von zwei Faktoren: der nie da gewesenen Natur seiner erklärten Mission, die Welt zu vernetzen, und des kühnen Eifers, dieses Ziel so schnell als möglich voranzutreiben. Die Schwierigkeiten, mit denen Facebook in den letzten drei Jahren zu kämpfen hatte, wurzelten durchweg in Entscheidungen, die in den Anfangsjahren des Unternehmens getroffen worden waren, meist zwischen 2006 und 2012, als es darum ging, die Welt mit Lichtgeschwindigkeit zu vernetzen – im Bewusstsein der Tatsache, dass man sämtliche möglichen Kollateralschäden später würde beheben müssen."

(Alle Buch-Zitate in diesem Artikel stammen aus der deutschen Fassung von Levys Buch, die am 2. März 2020 erscheint)

SPIEGEL: Wie geheimniskrämerisch ist Facebook grundsätzlich, etwa verglichen mit Google oder Apple?

Levy: Niemand ist verschlossener als Apple. Die Verschwiegenheit von Facebook hingegen ist interessant, weil sie bei manchen Dingen sehr offen sind und bei anderen nicht so sehr. Es kam vor, dass ich Interviews mit Leuten geführt habe, die später das Unternehmen verließen, aber weiter mit mir gesprochen haben. Es war nicht so, dass sie mich zuvor angelogen hatten, aber ich stieß so auf weitere Ebenen. Hinter fast allen Entwicklungen bei Facebook steckten komplexere Geschichten.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Levy: Als ich Mark 2006 zum ersten Mal traf, war er für mich nur einer von vielen Interviewpartnern. Er war auch kein besonders guter Kommunikator. Er starrte mich einfach an, wenn ich ihm eine Frage stellte. Ich wusste damals noch nicht, wie er Facebook umbauen würde. Er war erst 21, aber in der Lage, sich etwas nie Dagewesenes vorzustellen: ein Informationssystem, über das sich theoretisch jeder erreichen ließe und in dem es zu jedem Informationen gab. Das war spektakulär, er schrieb seine Vision dafür in ein privates Notizbuch. Ich kam später an einige Seiten daraus , obwohl Mark es hatte vernichten wollen.

Das schreibt Levy im Buch über seine allererste Begegnung mit Mark Zuckerberg im März 2006

"Wie 21 wirkte Zuckerberg nicht. Was mich aber wirklich irritierte, war seine Reaktion auf meine ersten Fragen, ein paar lockere Schüsse aus der Hüfte, die mir verdeutlichen sollten, worauf sein Unternehmen abzielte. Mark starrte mich einfach nur an. Und sagte kein Wort. Die Zeit schien stillzustehen. Ich war baff. Der Typ war doch der CEO des Ladens! Hatte er einen Anfall? War er Autist? Oder hatte ich etwas geschrieben oder gesagt, was ihn gegen mich eingenommen hatte?

Damals hatte ich keine Ahnung, dass dieses Verhalten für Zuckerberg völlig normal war. Ich reihte mich ein in die Bruderschaft all derer, die von Mark Zuckerbergs tranceartigen Schweigephasen kalt erwischt wurden. In den Jahren darauf hat er offensichtlich an diesem Problem gearbeitet und gibt jetzt vergleichsweise persönliche Interviews."

SPIEGEL: Als Zuckerberg 2018 vor dem US-Kongress aussagte, wurde er im Netz häufig als Roboter verspottet. Wie wäre so ein Auftritt wohl im Jahr 2006 gelaufen?

Levy: Es hätte das Internet zum Erliegen gebracht. Wenn Mark nach einer Frage nichts sagt, denkt er nach, verarbeitet er - das habe ich über die Jahre gelernt. Er ist auch eine Person, die dir eine Frage beantwortet und dich dann Minuten später, während du längst das Thema gewechselt hast, noch einmal darauf anspricht, weil er mit der Antwort nicht zufrieden ist.

Zuckerberg bei einer Anhörung 2018: Im Netz wurde er als Roboter verspottet

Zuckerberg bei einer Anhörung 2018: Im Netz wurde er als Roboter verspottet

Foto: Andrew Harnik/ dpa

SPIEGEL: Hat die Öffentlichkeit ein falsches Bild von Zuckerberg?

Levy: Ich glaube, er hat ein moralisches Gespür, zugleich trägt er aber etwas sehr Wetteiferndes in sich. Er sagte oft, wenn bei Facebook etwas schieflief, dann, weil man zu idealistisch gewesen sein, nach dem Motto: Wir haben nicht damit gerechnet, dass so viel schlimme Dinge im Newsfeed auftauchen würden. Aber war das wirklich der Grund? Ums Geld gehe es ihm nicht, sagt er, und ich glaube das stimmt. Ihn spornt aber Konkurrenzdenken an. Als ich ihn darauf ansprach und ihm sagte, er sei extrem wettbewerbsorientiert, machte er eine seiner Pausen, gab mir letztlich aber recht.

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Titel: Facebook - Weltmacht am Abgrund: Der unzensierte Blick auf den Tech-Giganten
Autor: Steven Levy
Verlag: Droemer HC
Preis: 26 Euro
Seiten: 688
Übersetzt von: Gisela Fichtl, Elisabeth Liebl, Stephan Kleiner, Sylvia Bieker, Karsten Singelmann, Barbara Steckhan
Erscheint am: 2. März 2020
Für 26,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

09.02.2023 05.21 Uhr

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SPIEGEL: Der junge Zuckerberg liebte "Civilization" - ein Computerspiel, in dem es darum geht, ein Reich aufzubauen und zum Weltherrscher zu werden. Sind Sie auch auf Details gestoßen, die weniger gut ins Bild passen?

Levy: Ich fand manche der Challenges, die er sich viele Jahre lang selbst stellte, überraschend. Er ist ein nachdenklicher Mensch mit manchmal seltsamen Gedanken. Für 2011 etwa hatte er sich vorgenommen, sich vegetarisch zu ernähren - abgesehen von Tieren, die er selbst tötet.

Das schreibt Levy im Buch zu Zuckerbergs Jahresvorsatz 2011

"Eine seiner Nachbarinnen war damals Jesse Cool, eine renommierte Gastronomin, der das 'Flea Street Café' gehörte. (Das war das Lokal, in dem Zuckerberg zum ersten Mal mit Sandberg darüber gesprochen hatte, ob sie nicht zu Facebook kommen wolle.) Cool hielt im Hinterhof Hühner, und unter ihrer Anleitung tötete er eines davon in ihrer Küche und bereitete es später zu Haus zu. Mit der Zeit steigerte er sich zu Schweinen und Ziegen, die er auf einer Farm oder in einer staatlich geprüften Einrichtung schlachtete und dann zerteilen ließ, um das Fleisch einzufrieren und später für Freunde zu kochen. Bevor er einem Tier das Leben nahm, schwieg er einen Augenblick lang andächtig und legte ihm die Hand auf."

SPIEGEL: In Ihrem Buch "Hackers" haben Sie 1984 die sogenannte Hacker-Ethik formuliert, mit Grundsätzen wie "Alle Informationen sollten frei sein". Ist Mark Zuckerberg für Sie ein Hacker?

Levy: Es gab noch keinen CEO, der sich die Hacker-Ethik so ausdrücklich zu eigen gemacht hat wie Mark. Sie hat ihn stark beeinflusst, im Herzen ist er ein Hacker. Er würde wohl auch sagen, dass Facebook sich an der Hacker-Ethik orientiert, obwohl manches vielleicht nicht mehr so hackermäßig ist, weil Facebook eine große Firma in einer komplizierten Welt ist.

SPIEGEL: Facebook will künftig stärker auf Privatsphäre und Verschlüsselung setzen. Hat diese Entscheidung auch damit zu tun, dass viel aus Zuckerbergs Vergangenheit bekannt wurde, was nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war?

Levy: So ist es - er hat es mir gesagt. Er sagte mir, dass er seine Notizen vor diesem Hintergrund vernichtet habe und sich schäme, dass alte Chat-Nachrichten von ihm publik wurden.

SPIEGEL: Wie sehr hasst Zuckerberg Sie wohl dafür, dass zu Ihrem Buch nun Schlagzeilen wie "Zuckerberg lässt sich vor seinen Reden von Mitarbeitern die Achselhöhlen föhnen" die Runde machen?

Levy: Da geht es darum, dass seine wichtigste PR-Managerin dies tat, um zu verhindern, dass er auf der Bühne viel schwitzte. Ich denke, wenn Mark das ganze Buch sorgfältig liest, wird er zugeben, dass es fair geschrieben ist. Und Facebook hat schon vor über einer Woche ein Exemplar bekommen - und noch haben sie nicht gesagt, dass sie nie wieder mit mir reden.

SPIEGEL: Verkaufen wollte Zuckerberg Facebook eigentlich nie, schreiben Sie - selbst dann nicht, wenn er sich mit damals noch viel größeren Unternehmen zu Gesprächen traf.

Levy: Mark hat viel Selbstvertrauen. Und 2006 hatte er das Gefühl, an der Schwelle zu etwas Großem zu stehen. Damals wollte er nicht an Yahoo verkaufen, weil er das Gefühl hatte, Yahoo würde nicht wissen, was es mit seiner Firma anstellen sollte. Später kaufte Yahoo dann Tumblr - und genau so war es. Ironisch finde ich, dass Mark sich später an die Gründer von Firmen wie Instagram und WhatsApp wandte, die genauso dachten wie er damals bei Yahoo. Bei ihnen aber schaffte es Mark, ihren Widerstand zu brechen und sie dazu zu bringen, ihre Firmen an Facebook zu verkaufen.

SPIEGEL: Zuckerberg versprach den Gründern, weiter die Kontrolle zu behalten. Heute ist keiner von ihnen mehr bei Facebook und die Apps sind enger verzahnt. War das abzusehen?

Levy: Diese Chefs waren sehr schlaue Leute. Sie mussten wissen, dass Marks Versprechen nicht für immer galt. Wenn du rund 20 Milliarden Dollar für eine Firma ausgibst [so viel zahlte Facebook für WhatsApp, Anm. d. Red], ist es doch klar, dass du über diese Firma mitentscheiden willst.

Das schreibt Levy im Buch zu WhatsApp

"Zuckerberg drängte weiter voran. Anfang 2017 forderte er, dass WhatsApp nach Menlo Park und auf den Classic Campus umziehen sollte. Koum und Acton [die Gründer von WhatsApp; Anm. d. Red.] fürchteten, dass sich ein Umzug negativ auf die Unternehmenskultur von WhatsApp auswirken würde. Ihre Angestellten waren eine andere Arbeitsatmosphäre gewohnt, die ganz anders war als der an einen trubelig-lauten und engen Schlafsaal in einer Jugendherberge erinnernden Spirit bei Facebook. Die eher in sich gekehrte, konzentrierte Stimmung bei WhatsApp mit der in Menlo Park zu verbinden würde Reibung erzeugen.

Die beiden sollten recht behalten. Immerhin gestand Zuckerberg den Leuten von WhatsApp ihre gewohnten, größeren Schreibtische zu und ließ sogar die Waschräume umbauen – die auf Privatsphäre versessenen WhatsApper wünschten Toilettentüren, die bis zum Boden reichten. Aber laut eines Berichts des 'Wall Street Journal' ging den Facebookern die Sonderbehandlung und die Vorstellung, dass diese Neuen etwas Besonderes waren, gegen den Strich."

SPIEGEL: Auf Deutsch heißt Ihr Buch "Weltmacht am Abgrund". Wie gut oder schlecht steht es wirklich um Facebook?

Levy: Einerseits steht Facebook im Bereich Regulierung vor einer großen Herausforderung. Mark würde da am liebsten seine eigenen Regeln aufstellen - das dürfte denjenigen, die Facebook regulieren wollen, missfallen. Anderseits wird Facebook weiter sein Geld machen. Die große Frage wird sein, ob jene Menschen, die das nächste Facebook bauen könnten, noch für dieses Unternehmen arbeiten wollen. Facebook hatte zuletzt einige größere Abgänge. Die talentiertesten Leute haben die Wahl, wo sie arbeiten - und sollten die sich schwertun, ihren Verwandten zu erklären, warum sie bei Facebook arbeiten, werden sie dort nicht bleiben.

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