Stadtplanung Wie Fitness-Apps Radwege besser machen sollen
Radfahrer in Mülheim an der Ruhr
Foto: Bernd Thissen/ dpaDie Schickhardtstraße in Stuttgart ist eine beliebte Strecke bei Autofahrern. Es ist eine der wenigen Routen, die den Süden der Stadt mit dem Westen verbinden. Daher ist meist viel Verkehr, zu Stoßzeiten gibt es lange Staus.
Dabei ist die Straße eigentlich als offizielle Fahrradroute gekennzeichnet und gilt als Radweg für Schüler der Schickhardt-Realschule. Doch einen Fahrradweg gibt es nicht. Wer nicht die Fahrt auf der Straße riskieren will, dem bleibt nichts anderes übrig, als den Gehweg zu benutzen.
Dabei würde ein Blick auf die Karte einer Fitness-App genügen, um solche Problemrouten zu erkennen. Das zumindest empfehlen Forscher aus den USA. Wissenschaftler des US-Gesundheitsministeriums fordern Städte dazu auf, sich bei der Planung auf Daten von GPS-Apps zu verlassen anstatt auf Bürgerbefragungen und Verkehrszählungen. In einer Untersuchung haben sie festgestellt , dass die aufgezeichneten Routen genauso aussagekräftig seien wie Umfragen zu Arbeitswegen.
Bei GPS-Daten kann man nicht schummeln
Laut den Wissenschaftlern haben GPS-Nutzerdaten mehrere Vorteile: Die Nutzer können nicht schummeln wie bei den Umfragen, die Daten sind aktuell und können auf bestimmte Ortsteile angepasst werden.
Um Radwege zu planen, müssten Städte auf detaillierte Informationen zurückgreifen, um zu erfahren, welche Routen häufig genutzt werden, heißt es in dem Bericht. Sie würden von "orts- und zeitbezogenen Daten profitieren". Fitness-Apps wie Strava, Runtastic und MapMyRide liefern diese Daten, da Sportler und Pendler die genaue Route, die Startzeit und die Geschwindigkeit aufzeichnen.
Die Heatmap zeigt die beliebtesten Radwege der Strava-Nutzer, Stadtplaner können die Karte kostenlos verwenden.
Foto: Strava"Es klingt durchaus interessant für uns, Radwege mit GPS-Daten zu planen", sagt Sven Matis, Pressesprecher der Stadt Stuttgart. Allerdings sei das noch Zukunftsmusik. Zudem müsse man eben auch Bürger berücksichtigen, die keine Routen mit dem Smartphone aufzeichnen. Die Radwege würden schließlich auch für Kinder geplant, die zur Schule fahren, und ältere Menschen, die zum Markt radeln.
Heatmaps bieten eine begehrte Datenbasis für Städte
Dabei sind die sogenannten Heatmaps eine durchaus interessante Quelle für Stadtplaner und vor allem kostenlos. Auf diesen Strava-Karten sind die Lieblingsrouten der Radler farblich hervorgehoben. Wer zusätzlich die Echtzeitdaten für ein Jahr auswerten will, der zahlt 70 Cent pro Athlet an das Unternehmen. Mehr als weltweit 70 Städte wie Seattle, Glasgow, Stockholm und Brisbane greifen bereits auf die Daten zurück , um den Bedarf an Fahrradwegen zu ermitteln.
Je höher die Bevölkerungsdichte in einer Stadt ist, desto genauer klappt die Auswertung. In stark besiedelten Stadtteilen ist die Chance auch höher, dass die Bürger mit Fitness-Apps ihre Wege aufzeichnen. Vor allem in Europa und den USA zeichnen Radler ihre Routen bei Strava auf und vergleichen Geschwindigkeit, gefahrene Kilometer und Höhenmeter. Laut "Guardian" melden sich auf der Plattform alle zwei Monate eine Million neue Nutzer an, mehr als sechs Millionen Radrouten laden die Mitglieder jede Woche hoch.
In Deutschland ist es bisher jedoch eher unüblich, auf GPS-Daten zurückzugreifen - obwohl große Städte wie Berlin, Hamburg und Stuttgart bei Umfragen zur Fahrradfreundlichkeit immer wieder unterdurchschnittlich abschneiden . Auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE teilt das Bundesverkehrsministerium mit, dass Radwege bisher nicht anhand von GPS-Daten geplant werden. Es werden allerdings Projekte gefördert, die künftig das Verhalten von Radfahrern für die Planung auswerten sollen .
Die Großstädte selbst ermitteln den Bedarf an Fahrradwegen meist noch anhand klassischer Methoden, in Gesprächen mit Verkehrsexperten, mit Umfragen und Verkehrszählungen. Das Problem: Diese Auswertungen dauern meist Monate und Verkehrszählungen beschränken sich auf Stichproben, die nur für bestimmte Wochentage gelten und höchstens punktuelle Ergebnisse liefern.
Strava sammelt Radfahrten auf der ganzen Welt. Vor allem in Europa und den USA kommen dabei viele Daten zusammen.
Foto: StravaDaher empfehlen die Forscher, auf GPS-Daten umzusteigen, und haben dafür in vier US-amerikanischen Städten die Strava-Daten mit Umfragen der Volkszählungsbehörde United States Census Bureau verglichen, die als Grundlage für die Radwegeplanung genommen wird. Diese Bürgerbefragung wird jeden Monat an etwa 250.000 zufällig ausgewählte Haushalte verschickt, die Ergebnisse werden jährlich veröffentlicht. Darin werden die Bürger unter anderem nach ihrem Weg zur Arbeit befragt.
Die Untersuchungen zeigen, dass die befragten Bürger die gleichen Wege mit dem Fahrrad nehmen wie die Athleten bei Strava. In Großstädten ist das nachvollziehbar, denn egal ob Sportler oder Pendler: Radler wählen den schnellsten und sichersten Weg, um heil durch die Stadt zu kommen.
Die Wissenschaftler weisen jedoch darauf hin, dass die Daten vor allem von technikbegeisterten Nutzern stammen. "Wie stark die Ergebnisse dadurch verzerrt werden, ist noch nicht erforscht", heißt es in dem Bericht.
Apps für Radfahrer: Sechs Anwendungen für unterwegs
Jörg Breithut sucht von Stuttgart aus nach Themen im Internet. Und schreibt sie dort auch wieder rein.
Blog Jörg Breithut