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Judith Horchert

Startmenü Hilfe, meine Corona-App spinnt - oder?

Judith Horchert
Ein Netzwelt-Newsletter von Judith Horchert

Liebe Leserin, lieber Leser,

schaut man in diesen Wochen in die Mailbox des Netzwelt-Ressorts, könnte man meinen, wir wären die inoffizielle Service-Hotline der Corona-Warn-App. Leserinnen und Leser schreiben uns von ihren Problemen mit der App, schicken uns Screenshots von Fehlermeldungen, zitieren aus ihren Smartphone-Einstellungen und fragen um Rat. An dieser Stelle möchten wir um Entschuldigung bitten, dass wir diese Mails oft nicht beantworten. In der Regel können wir auch gar nicht weiterhelfen.

Aber die Sache lässt uns doch stutzen: Beim Großprojekt Corona-Warn-App wurden mehrere Millionen Euro für Kommunikation und Werbung eingeplant - wie kann es da sein, dass so viele Nutzerfragen offenbleiben?

Zwar sind auf der Website zur App von SAP  häufige Probleme sowohl bei Apple-Nutzern  als auch bei Android-Nutzern  aufgeführt und es wird erklärt, ob und wie sie sich jeweils beheben lassen. Allerdings muss ich als Nutzerin – die auf der Seite aus unerfindlichen Gründen geduzt wird – schon ziemlich großes Interesse für die App und ihre Funktionsweise mitbringen, wenn ich Sätze wie diesen lesen und verstehen soll: "Dieser Hinweis unter 'Einstellungen' > 'Datenschutz' > 'Health' > 'COVID-19-Kontaktprotokoll' stammt von iOS und bedeutet, dass der Backend-Server noch keine Diagnoseschlüssel (Positivkennungen) an Dein Gerät versendet hat und die Corona-Warn-App damit auch noch keinen Abgleich mit den auf Deinem Gerät gesammelten Zufallscodes durchführen konnte."

Testszenario im Rahmen der Entwicklung der Corona-Warn-App

Testszenario im Rahmen der Entwicklung der Corona-Warn-App

Foto: HO/ Fraunhofer IIS/ dpa

Der Twitteraccount @CoronaWarnApp  scheint ähnlich weit entfernt vom durchschnittlichen Smartphone-Nutzer: "Die zahlreichen täglich über Twitter gemeldeten Fehler zur #CoronaWarnApp sind größtenteils bekannt und werden bereits untersucht", heißt es dort fast süffisant.  "Probleme werden zentral auf GitHub verwaltet. Sollte ein Ihnen bekannter Fehler dort noch nicht vermerkt sein, können Sie ihn dort melden." Es folgen Links zur Entwicklerplattform GitHub , die sich – noch dazu in englischer Sprache – hauptsächlich an Profis richtet.

Die Corona-Warn-App hingegen richtet sich an alle, die ein Smartphone besitzen, sie soll nach Wunsch der Regierung von so vielen Menschen wie möglich installiert werden. Und zwar auch von solchen, die sich herzlich wenig für Code und Softwareprobleme interessieren und die von GitHub noch nie gehört haben.

Rund 15 Millionen Mal wurde die deutsche Corona-App laut Robert Koch-Institut  inzwischen heruntergeladen. Man muss dabei aber bedenken, dass viele Menschen mehrere Handys nutzen, etwa dienstlich und privat, und dass einige die App vielleicht schon wieder deinstalliert haben. Wenn die Downloadzahlen weiter steigen oder zumindest nicht sinken sollen, sollten die Verantwortlichen vielleicht ihre Kommunikation überdenken.

Dass eine neue App Fehler und Macken hat, ist völlig normal - erst recht, wenn sie in so kurzer Zeit entstehen musste. Dass Nutzer Fragen dazu haben, ist aber ebenso normal. Und es sollte selbstverständlich sein, dass diese Fragen geduldig und verständlich beantwortet werden.

Also habe ich heute bei der Hotline angerufen, die mir von der Regierung bei technischen Fragen zur App empfohlen wird (0800 754 000 1). Ohne lange Warteschleife kam ich durch und konnte mein Test-Anliegen - die nicht sehr intuitive Anzeige der aktiven Tage  - gleich einer Mitarbeiterin schildern, die mir auch freundlich antwortete. Als ich jedoch von einer Fehlermeldung auf dem Handy meiner Kollegin berichtete und fragte, was es damit auf sich haben könnte, wusste sie nicht mehr weiter. Zwar gab sie ein paar Standardtipps, wie etwa eine Aktualisierung der App, schlug dann aber vor, dass meine Kollegin später noch einmal selbst anrufen soll. Bis dahin wolle sie sich schlaumachen, was das für eine Meldung sein könnte. Ein heimlicher Blick auf GitHub zeigt: Dort wird diese Fehlermeldung bereits seit Wochen diskutiert.

Seltsame Digitalwelt: Internetfreie Mittagspause

Foto: golero/ Getty Images

In diesen Sommerferien haben es Familien wie unsere nicht leicht: Reisen mussten gecancelt werden, und zu allem Überfluss sorgen Corona und Regenwetter auch noch dafür, dass sich sowohl gestresste Homeoffice-Eltern, als auch latent gelangweilte Ferienkinder immer wieder ins Haus verkriechen und sich dort ihren Winkel suchen müssen.

Wer möchte, dass zwischendurch alle zusammenkommen - etwa, um gemeinsam zu essen oder zu spielen -, hat folgende narrensichere Möglichkeit: Ist das Essen fast fertig oder das Spielbrett aufgebaut, muss man lediglich das Internet ausschalten - und ein paar Minuten zu warten. Nach und nach öffnen sich die Türen und lassen Homeoffice-Eltern wie Ferien-Teenager knurrend hervorkommen. Nach dem ersten Gemaule lässt sich eine entspannte WLAN-freie Mittagspause oder ein heiterer Familienabend verbringen. Schneller bekommt man zumindest unsere Familie nicht an einen Tisch.

Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

  • "EVE Online Player Stages Massive War To Honor His Fight Against Cancer"  (Englisch, 2 Leseminuten): Der langjährige "EVE-Online"-Spieler Christopher "Chappy78" Chapman bekommt eine ungünstige Krebsdiagnose und will sich mit eine Knall verabschieden - einer riesigen Weltraumschlacht. Die wunderbare Community tut ihm den Gefallen - es wird episch.

  • "Die lauschenden Lautsprecher"  (3 Leseminuten): Was hört der Smart Speaker im Wohnzimmer alles mit? Manchmal mehr als er soll, zeigen Recherchen des investigativen NDR-Formats STRG_F und der "Süddeutschen Zeitung".

  • "Spies, Lies, and Stonewalling: What It's Like to Report on Facebook"  (Englisch, zwölf Leseminuten): Einblicke in ein Unternehmen, das Ex-CIA-Mitarbeiter in seinem Sicherheitsteam beschäftigt? Wie schwierig es für US-Journalisten ist, über Facebook berichten zu müssen, beschreibt dieser Artikel des "Columbia Journalism Review".

Ich wünsche Ihnen eine erfreuliche Woche.

Judith Horchert

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