App mit Mixed-Reality-Funktion Warum mir Ikea die Bude leer räumt

Ikea möbelt seine App auf: Eine Mixed-Reality-Funktion erlaubt es, reale Räume virtuell leer zu klicken – und sie dann mit Produkten der Kette zu befüllen. Ist das mehr als nur eine Spielerei? Der Test.

Muss nur ich dabei an »Die Sims« denken? Eine neue Software von Ikea ermöglicht es, Produkte der Schweden in virtuellen Räumen zu platzieren und so unkompliziert gute wie schlechte Einrichtungsideen zu testen, ganz ohne Möbelverschieben. Per iPhone-App oder im Browser kann ich Wände mit Alpakaköpfen zukleistern und Zimmer mit Billy-Regalen zustellen.

Vor allem am Touchscreen ist das Verschönern und Verschlimmern der Räume hakelig, doch Vertipper sind schnell korrigiert: Wirkt ein Sofa fehl am Platz, schiebe ich es einfach ans andere Raumende oder ersetze es per Auswahlmenü durch ein neues.

Einige entscheidende Unterschiede zum Häuserbefüllen in »Die Sims« aber gibt es: Erstens kommen hier durchweg alle Möbel von Ikea. Zweitens wird ihr Preis nicht in der Fantasiewährung Simoleon angezeigt, sondern in Dollar. Und drittens stand ich selbst in allen Räumen, die ich anschließend am Rechner neu möbliert habe. Anders wäre es auch gar nicht gegangen.

»Ikea Kreativ« nennt sich die neue Funktion, die vom Möbelhaus als Mixed-Reality-Anwendung deklariert wird, als Anwendung also, die die Kohlenstoffwelt mit den Möglichkeiten des Digitalen kombiniert. Ikea hat die Funktion direkt in seine Shopping-App integriert, zunächst für iPhone-Nutzer aus den USA. 2023 soll die Anwendung aber auch in Deutschland und für Android-Geräte zur Verfügung stehen.

Ihr Konzept klingt vielversprechend und für Ikea möglicherweise absatzfördernd. Mithilfe mehrerer auf bestimmte Art und Weise anzufertigender Fotos und entsprechender Handyfuchtelei (siehe Fotostrecke) erfasst die Software Räume, aus denen man anschließend das komplette Mobiliar oder Teile davon löschen kann – um den Raum dann mit Ikea-Produkten zu bestücken. Was einem gefällt, lässt sich sofort online bestellen.

Fotostrecke

Unsere Möbelspielereien mit der Ikea-App

Platzprobleme soll es keine geben, wenn die Möbel wirklich eintreffen: Ikea behauptet, die iPhone-App erfasse die reale Größe eines Raums mit einer Genauigkeit von 97 Prozent, die Möbel würden in realistischer Größe eingefügt. Wer nicht zentimetergenau planen muss, sollte also klarkommen. Klappt das alles wirklich?

Im Test überzeugte die Software meistens

Wir haben uns die App aus dem amerikanischen App Store geladen und getestet. Dabei hinterließ die neue Funktion einen guten Eindruck, ohne dass sie Wunderdinge vollbringt oder fehlerfrei wäre. So gibt es immer mal wieder Gegenstände, die die Software nicht korrekt als Teil der Einrichtung erfasst, sie lassen sich dann auch händisch nicht mehr aus dem Bild entfernen. Ikea Kreativ ist kein Photoshop-Ersatz.

Standardobjekte wie Fernseher, Sofas oder Tische erkennt die Software hingegen verlässlich. In den Scans verschiedener Hotelzimmer, die ich eigens für den Test angelegt habe, gelang es dem Programm fast immer, möblierte Orte überzeugend leer zu räumen. Dank eines »Hide all«-Buttons reicht dafür ein Klick.

Aufwendiger ist das Erstellen der Digitalumgebungen: Der Scanvorgang, der das Material für ein weitwinkliges, mehrdimensionales Bild liefert, dauert pro Raum ungefähr drei Minuten (wobei man die meiste Zeit davon damit verbringt, sich die immer gleiche, nicht abbrechbare Videoanleitung anzuschauen und Ikeas Entwickler dafür zu verfluchen). Anschließend werden die Daten auf einen Server von Ikea hochgeladen, wo sie binnen weiterer fünf bis zehn Minuten in eine mit Digitalmöbeln bepackbare Umgebung umgewandelt werden.

Die Schweden, das ist zu vermuten, dürften durch all die freiwilligen Scans eine Menge über die Wohnumgebungen ihrer Kundinnen und Kunden erfahren, vor allem was Raumgrößen angeht. Wie sehr Ikeas Datenexperten die Erkenntnis hilft, dass ich in einem Zimmer gleich 15 Alpaka-Bilder aufgehängt habe, ist dagegen ungewiss. Kaufen werde ich das Bild jedenfalls nicht.

Allgemein zielt die neue Funktion auf Menschen, die wirklich vorhaben, Räume einzurichten: Ausschließlich auf Klickspaß gemünzte Features bietet sie nicht, es geht um ernsthafte Raumplanung. Eingefügte Objekte lassen sich virtuell drehen und samt Größenanpassung in die Tiefe des Raums verschieben. Es ist jedoch nicht möglich, die Szenerie aus einem anderen Winkel zu betrachten.

Eine AR-App hat Ikea schon

Die Chance, über das Handy 3D-Objekte im Raum zu platzieren und sich um sie herumzubewegen, bleibt so vorerst Nutzerinnen und Nutzern einer älteren Ikea-App namens Ikea Place vorbehalten , die auf Augmented Reality basiert. Ikea Place beinhaltet jedoch weniger Objekte als Ikea Kreativ, und fürs Planen ganzer Einrichtungen taugt die ältere App kaum. Auch die Größenverhältnisse von Möbeln wirken in der neuen Anwendung realistischer.

Um die Möglichkeiten von Ikea Kreativ voll zu nutzen, benötigt man sowohl ein iPhone als auch einen Computer. Das Smartphone ist fürs Raumscannen notwendig, und die Option, kleine Dinge wie Wecker oder Teelichthalter auf Oberflächen abzustellen, bietet nur die Browservariante. Auch die Wandbilder findet man ausschließlich dort.

Grundsätzlich enthält die Software große Teile des Ikea-Sortiments, die Macher sprechen von »Tausenden« Produkten. Was bisher offiziell fehlt und nachgeliefert werden soll, sind Textilien, Küchenschränke, Wand- und Deckenmöbel sowie echte Pflanzen.

Unter dem Strich vermittelt das Tool der Schweden einen interessanten Eindruck davon, wie Ikea-Produkte in eigenen oder auch in Hotelzimmern aussehen würden, kombiniert mit der bisherigen Einrichtung oder ganz ohne sie. Noch praktischer aber wäre eine Software wie Ikea Kreativ, wenn sie sich nicht nur auf Möbel einer Firma beschränken würde. Das Konzept ist ordentlich umgesetzt, aber für mehr Kreativität und Abwechslung beim Gestalten müsste das Angebot über die Produkte der Schweden hinausgehen.

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