Sascha Lobo

Technik gegen Coronavirus Die eierlegende Wollmilch-App

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die Erwartungen an eine Corona-App sind in Deutschland viel zu hoch. Das digitale Hilfsmittel wird wesentlich weniger bringen als erhofft - trotzdem brauchen wir es dringend.
Smartphone-Nutzerin mit Maske

Smartphone-Nutzerin mit Maske

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Kay Nietfeld/ DPA

Alle reden aufgeregt von der Corona-App, aber das Problem ist nicht die Corona-App. Das Problem sind die eskalierenden Erwartungen an die App. Deshalb schlage ich vor, sie "eierlegende Wollmilch-App" zu nennen und auch so zu programmieren. Denn das ganze Land erhofft sich davon die Rundumlösung eines sozialen Problems durch eine Technologie.

Es rächt sich das Phänomen, das dem KI-Forscher Joseph Weizenbaum schon in den Sechzigerjahren begegnete. Je weniger eine Person eine Technologie versteht, desto mehr interpretiert sie hinein. Weizenbaum beschrieb, wie Teilnehmer an einem Experiment mit einem sehr simplen Chatbot anfingen, Gefühle für die Maschine zu entwickeln und ihr Eigenschaften zuzuschreiben, die messbar gar nicht vorhanden sein konnten.

Wie das Foto eines Wagenhebers im Kofferraum

Gegenwärtig droht der Corona-App ein Schicksal, wie es Virologen bisher ähnlich erdulden müssen: Alle Verantwortung für die Lösung der Probleme wird von großen Teilen der Öffentlichkeit an sie ausgelagert. Mit der App Spahns wird das alles in Ordnung kommen. Das ist magisches Denken. Die Heilserwartung an die Corona-App ist derart groß, weil sie Bevölkerung, Wirtschaft und Politik mit dem süßesten aller Versprechen lockt: Das ganze Generve hört auf, wenn sich erst alle die App installiert haben.

Das heißt keinesfalls, dass die App abzulehnen ist. Im Gegenteil: Obwohl alle Welt die App dramatisch überschätzt, brauchen wir sie. Ein kausaler Zusammenhang ist schwer herzustellen, aber: Von den zehn Ländern der Welt, die die Pandemie bisher am besten meistern, arbeiten  acht mit einer App. Das neunte Land, Neuseeland, wendet statt der App die härtesten noch demokratischen Maßnahmen der Welt an. Das zehnte Land ist Deutschland.

In so verschiedenen Ländern wie Israel, Taiwan oder Island sind Apps ein wesentlicher Bestandteil der Anti-Corona-Strategie. Allerdings nur genau das: ein Bestandteil. Anders als oft erhofft, ersetzt eine Corona-App nicht andere Maßnahmen. Sondern ergänzt und verbessert sie und erhöht so die Chance, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Auf dieser Basis hätten politische Lockerungsentscheidungen wahrscheinlich eine etwas geringere Wahrscheinlichkeit, zum kompletten Debakel zu werden. Aber in Zeiten der Pandemie bleibt ein Bundesligaspiel vor Publikum mit der Corona-App exakt so bescheuert wie ohne. Ohne Social Distancing, Hygieneoffensive und Maskenpflicht ist eine App ungefähr so nützlich wie das Foto eines Wagenhebers im Kofferraum, wenn man einen Platten hat.

Damit die App aber überhaupt funktionieren kann, ist richtige Kommunikation essenziell, wenn man eine gewisse Freiwilligkeit der Nutzung ins Konzept integrieren will. Dafür brauchen wir, vorsichtig gesagt, ein viel besseres öffentliches Erwartungsmanagement als bisher: Was kann die App und was nicht? Welches Problem wird durch die App gelöst? Und darauf aufbauend die wichtigste Frage aus Publikumssicht: Welche Hoffnungen darf man in die App setzen, ohne verlässlich enttäuscht zu werden?

Denn die Durchdringung wird im besten Fall nur etwas über 20 Prozent betragen (es sei denn, Apple und Google wenden Druck an). Das ist zwar auch schon etwas und bringt wertvolle Erkenntnisse, erst recht mit einer zusätzlichen Möglichkeit, freiwillig auch umfangreiche Daten zur Verfügung zu stellen. Aber es ist weit entfernt vom Wunschtraum der Epidemiologen und könnte Anlass für noch jede Knalltüte sein, sich als Großrevoluzzer aufzuspielen, der Merkel durch gezieltes Nichtwaschen seiner Hände von der "Corona-Diktatur" abhält . In nüchterner Betrachtung vereint eine Corona-App drei wesentliche Funktionen:

  • Sie macht zugänglich, was bisher kaum rekonstruierbar ist - zum Beispiel zufällige Begegnungen im Alltag.

  • Sie beschleunigt bisher analoge Prozesse, weil sie einen Teil der Arbeit der Gesundheitsämter digitalisieren kann.

  • Und, oft unterschätzt, sie dient der Beruhigung und der aktiven Miteinbeziehung der Bevölkerung, fast wie eine digitale Impfung, mit der man endlich persönlich etwas tun kann gegen Corona, die blöde Sau.

Es gibt kaum intimeres und gefährlicheres Wissen über Menschen

Um den Vorteil einer App als Laie zu begreifen, empfiehlt sich, die Pandemie zunächst als Informationsproblem zu betrachten. Wenn über jedem infizierten Kopf ab der ersten Minute ein rotes Lämpchen leuchten würde, wäre Corona rasch in den Griff zu bekommen. Die Information über den Corona-Status einer Person ist der ausschlaggebende Hebel für jede Strategie. Nicht zufällig gibt es eine auffällige Korrelation zwischen den Ländern, die am intensivsten testen und denen, die die Pandemie bisher am besten bewältigen. Mit dem Gedankenexperiment des roten Lämpchens wird aber auch sofort das grundrechtliche Problem deutlich: Es gibt kaum intimeres und gefährlicheres Wissen über Menschen als persönliche Daten zum Gesundheitszustand. 

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Die merkwürdige Diskussion um einen zentralen oder dezentralen Ansatz der App scheint auf diesem Komplex zu basieren, irgendwas mit Datenschutz halt. Die Bundesregierung ist dabei erst vor wenigen Tagen umgeschwenkt, was von den öffentlichen Verfechtern der dezentralen Lösung als eine Art Sieg gefeiert wurde. Diese hatten nach der ersten Entscheidung für die zentrale Speicherung delikater Daten einen etwas rührenden offenen Protestbrief geschrieben.

Aber der erste und wichtigste Grund für den Schwenk der Bundesregierung auf einen dezentralen Ansatz dürfte kein Brief gewesen sein, sondern die gemeinsame Entscheidung von Apple und Google, ohne Kompromisse auf diese Strategie zu setzen. Der zweite Grund dürfte gewesen sein, dass ohne öffentliche Akzeptanz alle App-Bemühungen hinfällig sind, was jede schreihälsige Diskussion zum potenziellen Fallstrick werden lassen kann.

Geradezu fundamentalistisches Datenschutzverständnis

Leider ist von allen Diskussionen um die App diejenige zum Thema Datenschutz am bittersten entgleist. Auf der einen Seite ist der Hinweis vor allem auf Datensicherheit und auf Reduktion der Missbrauchbarkeit wichtig. Auf der anderen Seite zeugen viele Wortmeldungen von einem geradezu fundamentalistischen Datenschutzverständnis, weil sie auf eine völlige Unwilligkeit zur Abwägung schließen lassen - mit der Zielposition: Mir ist der Schutz der heiligen Daten einer Person wichtiger als ihr schnödes Leben. Ich schlage für diese Fälle einen eigenen, DSGVO-konformen Grabstein vor: "Hier ruht eine Person mit einem Namen. Sie wurde geboren und ist gestorben, alle weiteren Informationen dürfen nach §28 Bundesdatenschutzgesetz nicht auf diesem Grabstein veröffentlicht werden. Fuck off (optional)."

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Eine interessante Begleiterkenntnis: Seit Jahren werden amerikanische Digitalkonzerne durch viele Stimmen aus Politik, Medien und Gesellschaft nicht bloß zu Recht kritisiert, sondern regelrecht dämonisiert. Und doch sind Apple und Google die bisher verlässlichsten und am deutlichsten nutzerorientierten Instanzen im Corona-App-Getümmel. Zum Glück, denn ohne diese beiden ach so bösen Digitalkonzerne geht in Sachen App gar nichts. Sie kontrollieren zusammen weit über 95 Prozent aller Smartphones. Wer ein iPhone oder ein normales Android-Gerät nutzt, vertraut Apple und Google längst, egal was für bunte Worte aus dem Mund herausprasseln mögen.

Wir können uns glücklich schätzen, dass die Digitalkonzerne ihre zweifelsfrei vorhandene Hyperarroganz dieses Mal nicht zur Geltung gebracht haben. Jedenfalls bisher. Das häufig mit "Datenschutz" verwechselte Thema Datensicherheit übrigens verdient hier auch eine besondere Betrachtung. In Sachen Datensicherheit, etwa was Hackbarkeit angeht, vertraue ich Apple und Google etwa um den Faktor tausend mehr als der Bundesregierung. Ich glaube, dass die Bundesregierung das selbst sogar ähnlich sieht.

Man kann in diesem Kontext ruhig anmerken, dass die Bundesregierung bisher in Sachen App keinen allzu schlechten Job macht. Die eigene Position schnell und präzise zu ändern, das ist in der Politik nicht häufig und in der Digitalpolitik einhornhaft selten. Auch die Entscheidung, die beiden größten deutschen Digitalkonzerne federführend einzubinden statt hundert staatlich finanzierter, interessenzersplitterter Institute, erscheint zumindest nachvollziehbar. Wer sonst könnte eine Infrastruktur dieser Größenordnung quasi über Nacht bereitstellen?

Vielleicht wird sie sogar einigermaßen funktionieren

Allerdings brauchen Telekom und SAP dringend zusätzliche Fachkräfte, was etwa die sogenannte User-Experience angeht. Sonst wird man bei der Nutzung der App erst mal eine 19-stellige Anonymisierungsnutzerkennung mit mehr als zwei, aber weniger als drei Sonderzeichen eingeben müssen, gefolgt von einem zufällig erzeugten Hexadezimalcode zur rückwirkenden Verschlüsselung künftig erzeugter Standortdaten.

Beiden Konzernen fehlt tiefes Alltagswissen über die Digitalbedürfnisse des gewöhnlichen Publikums, weil Apps von Google jeden Tag Milliarden Mal verwendet werden, aber die deutsche Bevölkerung wie Mia, Ergün und Magdalena mit Telekom-Apps nur interagieren, wenn der Router nicht funktioniert. Und mit Apps von SAP nie. Die beiden deutschen Digitalkonzerne dürften keine guten, aber die derzeit am wenigsten schlechten Partner für die Corona-App sein. Nicht nur, was die Ressourcenlage angeht, sondern auch, weil erfolgreiche amerikanische Digitalkonzerne sich ab Werk in jedem Projekt so viel Macht nehmen, wie die Partner zulassen und manchmal noch etwas mehr. Da ist schiere Größe ein eindeutiger Vorteil.

Die Quintessenz lässt sich in anderthalb Sätzen zusammenfassen: Die Corona-App wird nicht bringen, was sich alle erhoffen, aber wir brauchen sie trotzdem dringend. Und vielleicht wird sie sogar einigermaßen funktionieren, denn jetzt, wo der Berliner Flughafen ernsthaft fertig geworden ist, erscheint mir in Deutschland nichts mehr unmöglich.