Luca, Recover, Barcov Brauchen wir eine neue App, wenn die Restaurants wieder öffnen?

Über die App Luca von Rapper Smudo wird derzeit viel geredet. Dabei ist sie nur eine von mehreren Check-in-Plattformen für Restaurants und Bars nach dem Lockdown. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Smudo mit Luca-App: Die Plattform erzeugt viel Wirbel – doch es gibt verschiedene Lösungen

Smudo mit Luca-App: Die Plattform erzeugt viel Wirbel – doch es gibt verschiedene Lösungen

Foto: Axel Heimken / dpa

Wann genau Restaurants wieder öffnen dürfen, ist unklar. Doch eine Sache ist sicher: Gäste müssen auch in Zukunft wieder ihre Kontaktdaten hinterlassen, damit Gesundheitsämter mögliche Corona-Infektionsketten nachvollziehen können. Mit der Zettelwirtschaft, die man noch im vergangenen Jahr erlebt hat, soll nun endgültig Schluss sein. Viele Gastronomen setzen auf digitale Lösungen.

Doch der Markt ist unübersichtlich. Allein in Deutschland gibt es zahlreiche Plattformen, die einen Check-in per QR-Code anbieten. Derzeit macht vor allem die App Luca von sich reden, die den Markt mit Promiunterstützung aufrollen will und derzeit viel Medienecho bekommt. Doch die App-Entwickler sind spät dran. Die Mitbewerber haben sich bereits zusammengetan und eine Allianz geschmiedet.

Wir erklären, was es mit den Programmen jeweils auf sich hat, welche Alternativen es zu Luca gibt und worauf Nutzerinnen und Nutzer beim Check-in achten sollten.

Muss ich bald viele verschiedene Apps herunterladen, wenn ich in Restaurants gehen will?

Nein. Wer Essen geht oder sich ein Konzert anhört, braucht selbst zum digitalen Check-in oft nur eine Handykamera. Damit wird ein QR-Code gescannt und eine Website mit einem Onlineformular geöffnet, in das der Nutzer seinen Namen, seine Adresse und seine Telefonnummer einträgt. Welcher Anbieter dahintersteckt, merken die Gäste oft gar nicht. Bei der App Luca ist das anders: Hier gibt es sowohl eine Web-App, die über den Browser genutzt werden kann, als auch eine Smartphone-App für iOS und Android. In jedem Fall aber müssen sich die Nutzer registrieren.

Warum wird um die App Luca so ein Hype gemacht?

Die App Luca erzeugt viel Rummel, weil der Rapper Smudo sie offensiv bewirbt. Seine Hip-Hop-Band Die Fantastischen Vier ist Teil der »Luca-Initiative« rund um die Berliner Entwicklerfirma Nexenio, einer Ausgründung des Hasso-Plattner-Instituts. Zudem betonen die Entwickler ihre enge Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern. Die sollen direkten Zugriff auf die Daten bekommen, statt erst beim Veranstalter oder Wirt anfragen zu müssen. Ein paar Ämter sind sogar bereits angebunden. »Wir wollten mit Luca nicht nur Zettel digitalisieren«, sagt Firmenchef Patrick Hennig im Gespräch mit dem SPIEGEL. Man habe nicht noch eine Erfassungs-App bauen wollen. »Davon gibt es genug«, sagt Hennig.

Die digitale Anbindung sei wichtig für den Rückkanal, um Nutzer per Push-Benachrichtigung zu warnen, sobald Daten vom Gesundheitsamt abgerufen werden oder ein Infektionsrisiko vorliegt. »Wir wollen die Nutzer über ein Risiko informieren, bevor sie auf den Geburtstag der 80-jährigen Oma gehen«, sagt Hennig. Der Haken: Von etwa 400 Gesundheitsämtern in Deutschland machen derzeit nach Angaben der App-Entwickler gerade einmal 40 mit. Das liegt unter anderem auch daran, dass die Behörden bei der Umstellung auf digitale Schnittstellen wie Sormas nicht hinterherkommen .

Welche Alternativen gibt es zu Luca?

Es gibt rund 20 Konkurrenzangebote für Check-ins in Restaurants, bei Konzerten und auf Messen in Deutschland. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) bietet etwa die Software Barcov an, das Großhandelsunternehmen Metro hat die Software Dish Guest veröffentlicht und auch Dienstleister wie QRoniton und Shapefruit buhlen um die Wirte in Deutschland. Luca scheint derzeit in der Favoritenrolle, doch ob sich am Ende überhaupt eine einzelne App durchsetzt, wird sich zeigen.

Wie reagiert die Konkurrenz?

Es gibt vor allem Kritik am Konzept von Luca, das auf ein geschlossenes System mit Registrierungszwang setzt. Agenturchef Jan Kus schlägt mit der Initiative »Wir für Digitalisierung«  einen anderen Weg ein. Er selbst hat mit seinem Team die quelloffene Erfassungssoftware Recover entwickelt und versucht nun, alle Plattformen an einen Tisch zu bringen. Er vertritt inzwischen die Interessen 16 weiterer Onlinelösungen wie Darfichrein.de, Gastident und 2FDZ, die in den vergangenen Monaten bereits rund 12.000 Kunden und mehr als 8,5 Millionen Check-ins verbucht haben.

Von einem Alleingang hält Jan Kus nichts. Dem SPIEGEL sagt er: »Es ergibt keinen Sinn, eine einzige App für ganz Deutschland zu entwickeln.« Jeder Restaurantbetreiber sollte den Erfassungsanbieter selbst aussuchen dürfen. Außerdem sei es »Quatsch, dass jeder Gast in einer Bar verpflichtet ist, eine App wie Luca zu installieren«. Es gebe so viele Plattformen. »Es gefällt mir nicht, dass alle nur über Luca reden.« Laut Kus ist es aussichtslos, den Markt allein erobern zu wollen, denn »reich wird mit so einer Software niemand«.

Die Idee von Kus: eine Plattform, an die alle Anbieter andocken, um Daten gesammelt an die Gesundheitsämter zu schicken. Denn der IT-Experte kann sich nicht vorstellen, dass alle Gesundheitsämter bald nur noch mit Luca arbeiten. »Wir sehen doch, dass es nicht einmal mit Sormas funktioniert.« Laut Kus wird die Check-in-Sammelplattform gerade in seiner Heimatstadt Köln getestet. Das Pilotprojekt soll zeigen, ob sich die Idee umsetzen lässt.

Worauf setzen Wirte und Veranstalter?

Es herrscht derzeit völliger Wildwuchs. Je nach Bundesland sind die Anbieter verschieden stark vertreten. Auch die Verbände sind sich nicht einig. Sie setzen entweder auf eine eigene Lösung wie der Dehoga mit Barcov oder sind unsicher, was sie empfehlen sollen. Auch Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, will sich nicht festlegen. Er setzt vor allem auf Ticketdienste, die bereits bei Bestellung die Namen für eine Nachverfolgung sammeln und somit eine erneute Datenerfassung am Veranstaltungsort sogar entfallen könne.

»Wir empfehlen unseren Mitgliedern derzeit noch keine konkrete App«, sagt Michow dem SPIEGEL. Die Anwendung müsse aber Mindestvoraussetzungen erfüllen, wie die digitale Anbindung an Ticketanbieter und Gesundheitsämter. Die Entwicklung der App Luca verfolge der Verband mit großem Interesse. »Sie hat nach unserer Einschätzung mit weiteren Entwicklungsschritten das Potenzial, die vorgenannten Kriterien mittelfristig erfüllen zu können.«

Kann ich mich auch mit der Corona-Warn-App im Restaurant anmelden?

Nein. Es gibt zwar Gespräche zwischen App-Anbietern und der Regierung. Doch das Gesundheitsministerium wird wohl auch weiterhin darauf verzichten, die offizielle Corona-Warn-App mit einem Check-in aufzurüsten. Der Grund: Die Corona-Warn-App sammelt aus Datenschutzgründen alle Informationen pseudonym. Wer ein Restaurant betritt, muss hingegen seinen Klarnamen und die Adresse angeben. Das widerspricht dem Grundgedanken der Corona-Warn-App.

Stellt die Regierung eine offizielle Check-in-App zur Verfügung?

Nein. Check-in-Apps bieten ausschließlich kommerzielle Anbieter an. Für Informatikprofessor Ahmad-Reza Sadeghi von der TU Darmstadt kommt diese Entwicklung nicht überraschend. »Es ist zwar etwas irritierend, dass eine deutsche Rap-Gruppe sich nun um das Gesundheitswesen kümmern muss«, sagt Sadeghi im Gespräch mit dem SPIEGEL. Aber es sei hilfreich, dass nun Aufmerksamkeit für das Thema erzeugt wird. »Alles, was wir versucht haben, ist auf taube Ohren gestoßen.« Die Regierung habe Innovation von Anfang an verhindert, meint der IT-Experte. »Viele Entwickler und Start-ups haben sich daraufhin gedacht: Wir machen unser eigenes Ding.«

Start-ups wie Luca müsse man seiner Meinung nach unterstützen. Doch lieber hätte er so eine Lösung von den Städten gesehen – und die Regierung gemeinsam mit Kollegen im vergangenen Jahr darauf hingewiesen. »Eigentlich sollten Kommunen sich darum kümmern, dass Gäste und Konzertbesucher erfasst werden und die Daten beispielsweise an eine zentrale Stelle zur Weiterverarbeitung übermittelt werden«, sagt Sadeghi. »Wenn man das vernünftig plant, dann kann man so eine lokale digitale Infrastruktur in kurzer Zeit aufbauen. Auch für zukünftige Pandemien.«

Wie sicher sind meine Daten in Online-Gästelisten?

Sicherheitslücken auf Servern mit Kontaktlisten können weitreichende Folgen haben, wie sich im August vergangenen Jahres gezeigt hat, als Adressen von Tausenden Kunden entblößt wurden. Laut dem Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber sind gut gemachte digitale Lösungen dennoch besser als Datensammlungen auf Papier. Da es viele gute konkurrierende Apps auf dem Markt gebe, müsse man bei IT-Sicherheit und Datenschutz keine Abstriche machen, schreibt Kelber auf Twitter . »Wer den Fehler macht, mehr Daten zu sammeln als notwendig oder diese unnötig teilt, fällt mit seiner App raus.«

Ahmad-Reza Sadeghi warnt allerdings vor voreiligen Schlüssen. »Ich begrüße es, wenn Datenschützerinnen und Datenschützer klare Aussagen treffen«, sagt der Sicherheitsexperte. »Allerdings lässt sich eine schnelle verlässliche Aussage über die Sicherheit von Apps im öffentlichen Interesse nur bei Open-Source-Software treffen.« Die Sicherheit von Apps wie Luca müsse man zunächst einmal ausführlich testen, da hier der Quellcode nicht einsehbar ist wie bei einigen anderen Anbietern.

Worauf muss ich beim Datenschutz achten?

Nutzer sollten darauf achten, dass die Plattformen ihre Daten gut verschlüsseln. Die meisten Anbieter wie Luca und Recover geben an, Daten kodiert auf Smartphones und Servern abzulegen. Laut Datenschützern  dürfen Name, Telefonnummer und Adresse erst bei einer Anfrage des Gesundheitsamts entschlüsselt werden, wenn eine Covid-19-Erkrankung gemeldet wird und die Mitarbeiter die Infektionskette nachverfolgen. Außerdem sollte die Plattform zusichern, dass die Daten nach vier Wochen wieder gelöscht werden.

Was kostet mich der Check-in als Gast?

Nichts. Für Gäste ist der Online-Check-in bei allen Anbietern kostenlos. Die Kosten übernehmen Veranstalter und Restaurantbetreiber. Wer QR-Codes auf den Tischen im Restaurant verteilen will, muss meist einen monatlichen Beitrag zahlen. Software wie Barcov, Dish Guest und Shapefruit kosten Barbetreiber monatlich zwischen 10 und 35 Euro. Bei Großveranstaltungen wird es teurer: Bei Konzerten etwa mit bis zu 60.000 Personen verlangt die App Recover einen Festpreis von 1100 Euro.

Die App Luca wird derzeit noch von Investorengeld finanziert. Für Wirte und Gäste ist die Nutzung bislang kostenlos. Doch das wird sich wohl in Zukunft ändern. Schließlich arbeiten 60 Angestellte für die Entwicklerfirma. Ob kostenpflichtige Abos eingeführt werden, dazu wollen sich die Betreiber nicht äußern. Eine Sprecherin teilt mit, dass es Gespräche mit den Landesregierungen gebe, zumindest die Kosten für die Einführung der Software in den Gesundheitsämtern zu übernehmen.

Darf ich einen falschen Namen angeben?

Das ist keine gute Idee. Ein Name wie »Donald Duck« und »Spongebob Schwammkopf« in einem Formular kann sowohl auf Papier als auch in einem Onlineformular teuer werden: In der Regel liegt hier ein Verstoß gegen die Corona-Verordnung vor. Es ist den Bundesländern überlassen, wie hoch die Strafe ausfällt. In Baden-Württemberg etwa kostet es bis zu 250 Euro, wenn man einen falschen Namen im Restaurant angibt.