Entwicklerkonferenz Build So will Microsoft den Welt-Computer bauen

Think big: Microsoft will mit Computern komplexe Gespräche führen, die Arbeitswelt modernisieren - und dafür die bisherigen Grenzen zwischen seinen Produkten sprengen.

Microsoft-CEO Satya Nadella eröffnet die Build 2019
Elaine Thompson/ AP

Microsoft-CEO Satya Nadella eröffnet die Build 2019

Aus Seattle berichtet


Es läuft derzeit gut für Microsoft, und das ist Satya Nadella anzumerken. Der CEO hielt sich in seiner sogenannten Vision Keynote zum Auftakt der Entwicklerkonferenz Build am Montag nicht lange mit allgemeinen Tech-Visionen zur Weltverbesserung auf. "An die Arbeit" war vielmehr das unausgesprochene Motto seines Auftritts im Washington State Convention Center in Seattle.

Microsoft hat gerade erstmals einen Marktwert von einer Billion Dollarüberschritten, mit Cloud und maschinellem Lernen zwei tragende Säulen für seine Zukunft aufgebaut und zuletzt auch an Windows besser verdient als erwartet. Nadella machte den Eindruck, als wolle er diese Dynamik ausnutzen und die anwesenden Entwickler so schnell wie möglich mit Microsofts Werkzeugkästen ausstaffieren und zurück in ihre Unternehmen schicken, um die Arbeitswelt zu modernisieren. Microsofts Cloud-Dienst Azure solle dazu die Infrastruktur, nicht weniger als "der Computer der Welt" werden, sagte Nadella.

In seiner Vorstellung werden Menschen bald lange Gespräche mit Computern führen, Meetings in der Mixed Reality abhalten und gemeinsam an Projekten arbeiten, als säßen sie alle vor dem demselben Gerät, auch wenn sie über alle Welt verstreut sitzen und verschiedene Anwendungen vor sich haben.

Neues im Edge-Browser

Internet-Explorer-Modus im Edge-Browser
Microsoft

Internet-Explorer-Modus im Edge-Browser

Ironischerweise ist die wesentlich nähere Zukunft gleichzeitig ein Eingeständnis, dass viele Microsoft-Kunden noch immer ein Stück weit in der Vergangenheit leben. Nadella kündigte nämlich neue Funktionen für die kommende Version seines Edge-Browsers an, und die bemerkenswerteste ist, dass Edge einen Internet-Explorer-Modus bekommt.

Innerhalb von Edge wird sich nahtlos der alte Internet Explorer (IE) öffnen lassen. Damit können Unternehmen ihre noch an den Edge-Vorgänger angepassten Anwendungen innerhalb eines modernen Browsers nutzen. Das ist kein Nischenszenario, Microsoft zufolge nutzen noch 60 Prozent aller Unternehmen weltweit solche Alt-Programme.

Bisher mussten sie den IE parallel betreiben, nun verspricht Microsoft eine nahtlose Integration: Ein Link in Edge auf eine IE-basierte Anwendung öffnet sich im Edge-Fenster, Lesezeichen und andere Anpassungen bleiben erhalten. Nur ein kleines IE-Logo in der Adresszeile wird verraten, dass man gerade im Internet Explorer unterwegs ist.

Außerdem werden Edge-Nutzer aus drei neuen Privatsphäre-Einstellung auswählen können: unrestricted, balanced und strict werden sie auf Englisch heißen, also etwa uneingeschränkt, ausgewogen und strikt. Je nach Auswahl schränkt Edge ein, inwieweit Tracker den Nutzer durchs ganze Web verfolgen können. Im strikten Modus werden einige Websites möglicherweise unbrauchbar sein, obwohl er wie auch die anderen Modi keineswegs alle Werbeelemente blockiert. Warum diese Optionen besser sein sollen als die diversen Ad- und Skriptblocker-Add-ons, die mit den kommenden Edge-Generation kompatibel sein sollten, wurde allerdings nicht klar.

Mit einer Collections genannten Funktion bekommt Edge aber auch ein Werkzeug, das kein anderer Browser bietet. Sie ermöglicht es, Bestandteile aus mehreren Websites - Fotos oder Texte zum Beispiel - in ein neues Dokument zu überführen. Das kann unter anderem eine Word- oder Excel-Datei sein. Edge bringt alles ins passende Format, erstellt automatisch Fußnoten mit Links zu den Originalen und erstellt auf Wunsch sogar Tabellen aus Metadaten wie zum Beispiel Produktpreisen. Das Ergebnis lässt sich direkt aus dem Browser heraus als E-Mail verschicken.

Details zum Zeitplan nannte Microsoft allerdings nicht. Die neue Edge-Version, die auf der Codebasis von Googles Open-Source-Projekt Chromium läuft, können Entwickler bereits seit einigen Wochen testen. Wann sie allen Nutzern zur Verfügung gestellt wird, ist noch offen.

Fluid Framework: Kollaboratives Arbeiten weitergedacht

Automatische Echtzeit-Simultan-Übersetzung in "Fluid"
Microsoft

Automatische Echtzeit-Simultan-Übersetzung in "Fluid"

Zumindest noch in diesem Jahr will Microsoft ein Fluid Framework genanntes Entwicklungsumfeld veröffentlichen, mit dem kollaboratives, anwendungsüberschreitendes Arbeiten schneller und einfacher werden soll, als je zuvor.

Erinnert sich noch jemand an Google Wave? Das Projekt war vor zehn Jahren mit ähnlichem Ziel großem Tamtam gestartet, bereits 2010 aber wieder gestoppt worden. Microsofts Fluid Framework soll nun eine Art Wave auf Steroiden werden und "die Grenzen des Dokuments, wie wir es kennen, überschreiten", wie das Unternehmen mitteilte.

In einem Video demonstrierte Microsoft das Konzept anhand eines Dokuments, an dem gleichzeitig mehrere Menschen an verschiedenen Orten auf der Welt und mit verschiedenen Anwendungen arbeiten. Eine Person bearbeitete eine Excel-Tabelle in Microsofts Cloud, eine andere innerhalb einer E-Mail. Die Änderungen werden dabei praktisch in Echtzeit für alle sichtbar.

Die Menschen werden sich, wenn es nach Microsoft geht, bei der Arbeit auch von "intelligenten Agenten" unterstützen lassen können. Klingt nach dem fiesen Agent Smith aus den "Matrix"-Filmen, aber Fluid-Bots sollen zum Beispiel ganz harmlos Inhalte in andere Sprachen übersetzen, während sie eingetippt werden, oder passende Fotos für ein Projekt aussuchen.

Cortana soll intelligenter werden

Die "intelligenten Agenten" sollen das vorantreiben, was Microsoft seit Jahren "conversational AI" nennt, letztlich die Mensch-Maschine-Kommunikation in natürlicher Sprache. So soll die virtuelle Assistentin Cortana von neuen Algorithmen und Modellen profitieren, die ihr kontextbezogenes Verständnis ermöglichen.

Auch das konnte Microsoft allerdings nicht auf der Bühne demonstrieren, sondern nur als Konzept in einem Film. Es zeigte eine Frau, die eine mehrere Minuten lange Konversation mit ihrem Smartphone führte und Cortana dabei mehrere komplexe Aufgaben zur Kalenderverwaltung vorsetzte, mit ganzen 34-Dialogwendungen. Cortana musste also bei jeder Wendung den Kontext der Fragen und Befehle der Frau verstehen - bisher muss das als reine Zukunftsvision gelten. Zumindest in dieser Hinsicht war es eine "Vision Keynote": Keine der spektakuläreren Neuheiten, die Nadella und seine Mitarbeiter vorstellten, ist fertig oder auch nur mit einem konkreten Erscheinungstermin versehen.

Blick nach Mountain View

Kurz nach Nadellas Auftritt gab es am Montag noch zwei "technische Keynotes" mit weiteren Details vor allem für die anwesenden Entwickler. Am Dienstag hingegen wird es anders als im Vorjahr keine Keynote mehr geben - sondern einen Livestream vom Auftakt zu Googles Entwicklerkonferenz I/O. Es dürfte eine Art Zugeständnis vor allem an jene Entwickler sein, die Anwendungen sowohl für Windows, als auch für Android programmieren. Vielleicht können sich die beiden Unternehmen 2020 ja sogar darauf einigen, ihre Entwicklerkonferenzen nicht gleichzeitig zu veranstalten. Das wäre wahrhaft visionär.



insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
brooklyner 06.05.2019
1.
Microsoft? Ist das nicht die Firma, die dieses unsägliche Windows verbrochen hat, auf dem sich immer so Sekretärinnen und irgendwelche unteren Ränge abquälen? Na dann wird's ja was werden.
forcieren.hemmen 06.05.2019
2. Alle Tecfirmen ...
... müssen so besteuert werden, dass der Staat in der Lage ist, lebenslange Renten für dauerhaft durch die Digitalisierung freigesetzte Arbeitskräfte auszuzahlen. Schon die Energiekonzerne sind weltweit bis heute nicht für das hinterlassene ökologische Desaster zur Rechenschaft gezogen worden. Es wird Zeit, dass aufgepasst wird! "Fridays for Future" ist das Feigenblatt zweier Versager-Generationen, die sich mal schleunigst bei "Saturdays for Children" treffen sollten!
YvesBrunner 06.05.2019
3.
Klar, neue und mehr Steuern, genau davon braucht die Welt noch mehr. Als die Dampfmaschine und Industralisierung anfing, haben jede Menge Leute wie sie argumentiert. Gähn. Und die "Energie Konzerne" stellen die Energie her, die Sie jeden Tag benutzen. Damit wird jedes Produkt das Sie nutzen hergestellt. Wir sind alle dafür verantwortlich und ganz sicher nicht irgendwelche einzelnen Firmen oder Personen.
Die linke Kobra 06.05.2019
4. Sie liegen richtig !
Zitat von brooklynerMicrosoft? Ist das nicht die Firma, die dieses unsägliche Windows verbrochen hat, auf dem sich immer so Sekretärinnen und irgendwelche unteren Ränge abquälen? Na dann wird's ja was werden.
das ging los mit Windows unbrauchbar, dann kam mal 3.1, war nicht so schlecht, dann kam Windows NT (oh je), dann kam Windows 2000. Dann habe ich mich verabschiedet, dazwischen und danach gabs noch Nieten. Die Lizenzregelungen wurden immer so verändert, dass die Leute zuerst glaubten, etwas geschenkt zu bekommen, und danach wurden sie kriminalisiert und zur Kasse gebeten. Word war Bill Gates. Immer etwas nachgearbeitet, was die Konkurrenz konnte, und so gabs zig- kostenplichtige Updates für seinen Reichtum. Über Bill Gates braucht man mit mir nicht reden, der Reichtum spricht für sich. Das wäre was für Kühnert, Bill Gates enteignen, da wäre ich dabei.
rant.biden 06.05.2019
5. Wegen Linux
Die Menschen meiden Linux nicht einfach nur deshalb, weil es Schrott ist, sondern wegen des von seinen Benutzern geprägten, "deutschen" Images. Deshalb gewinnt Microsoft.
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