Monochrom-Fotos Diese Apps machen aus Handy-Schnappschüssen Schwarz-Weiß-Kunstwerke

Nichts gegen Farbfotos, aber mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen lässt sich der Charakter eines Motivs oft besser herausarbeiten. Das Fachmagazin "c't" zeigt, wie das mit kostengünstigen Apps für Android und iOS geht.

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Von "c't"-Redakteurin Andrea Trinkwalder


Schwarz-Weiß-Fotos reduzieren Motive auf das Wesentliche: Linien, Kontraste, Struktur und feine Helligkeitsverläufe. Sie unterstreichen den Charakter porträtierter Personen, Szenen und Objekte. Viele Smartphone-Apps können Fotos entfärben. Einige reproduzieren auch den Look klassischer Filme und geben Raum für eigene Gestaltung.

Wichtige Basisfilter

Der einfachste Weg zum Schwarz-Weiß-Foto führt über den Sättigungsregler. Entzieht man den Farben die Sättigung, bleiben Graustufen übrig. Nur mit Glück entstehen dabei ausdrucksstarke Bilder. Ein Grund: Mitunter haben farblich stark kontrastierende Objekte wie eine pinkfarbene Rose und ihre grünen Blätter ein und denselben Helligkeitswert. Beim Entsättigen geht der Farbkontrast verloren, zurück bleibt kaum unterscheidbares Einheitsgrau.

In den für Android und iOS erhältlichen Bildbearbeitungs- und Monochrom-Apps Lightroom, Hypocam (beide als kostenlose Basisversion), Snapseed (kostenlos) und Dramatic Black & White (2,09 bis 3,49 Euro) kann der Anwender steuern, wie dunkel oder hell bestimmte Farbtöne wiedergegeben werden - mit digitalen Filtern, die optische Effekte nachahmen.

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Monochrom-Fotos auf Smartphone und Tablet gestalten: Schwarz-Weiß-Labor zum Mitnehmen

Analogfotografen schrauben Farbfilter vors Objektiv, die Licht in ihrer eigenen Farbe durchlassen und die Wellenlängen der Komplementärfarbe blockieren. Bildbearbeitungs-Apps simulieren diese Wirkungsweise: Ein Gelbfilter etwa hellt Gelb auf und dunkelt Blau ab, Orange- und Rotfilter verstärken diese Wirkung.

Die sogenannten Warmfilter machen deshalb nicht nur Rosen und Blätter unterscheidbar, sondern lassen auch den Himmel in Landschaftsfotos dramatischer wirken. Filter in kalten Farben wie Grün und Blau differenzieren die Vegetation in Landschaftsaufnahmen aus. Blaufilter verstärken Dunst und verleihen dem Foto dadurch mehr Tiefe.

Weitere wichtige Gestaltungsmittel bei der Schwarz-Weiß-Umsetzung sind Kontrast, Helligkeit, Filmkorn, Farbtönung sowie Farbakzente (Color Key).

Klassischer Film-Look

Hypocam bearbeitet vorhandene Fotos oder nimmt neue direkt als Monochrom-Bild auf. Vor der Aufnahme können Sie Belichtung, Kontrast und Farbfilter wählen.

In der kostenlosen Version gelingen mit wenigen Klicks ansprechende Schwarz-Weiß-Interpretationen. Einen Hauch Retro mit verblassten Farben und körniger Optik erzielen Sie per Fade-Regler sowie simuliertem Filmkorn einiger Silberhalogenid-Klassiker.

Zusätzliche Pakete mit Instant-Looks und Texturen kosten allerdings zwischen einem und 5,50 Euro. Größere Kritikpunkte sind das hakelige Beschneiden und Drehen sowie die fehlende Zoomfunktion: So lässt sich die Wirkung von Filmkorn- und anderen Texturen nicht beurteilen.

Drama und Tönung

Mit Dramatic Black & White kann man sich weiter von der natürlichen Vorlage entfernen als mit Hypocam: Dramatische Stimmung und akzentuierte Objekte sind das Ziel. Dazu leuchtet die App eine Szene mit Hilfe elliptisch geformter Spots komplett neu aus. Solche Spots können Sie in beliebiger Anzahl im Bild verteilen und interaktiv verändern. Bereiche außerhalb der Spots werden abgedunkelt.

Anders als bei Hypocam lässt sich die Farbe der Tönung frei wählen und deren Intensität einstellen - was den Charakter des Motivs noch besser unterstreicht: Warme, dezente Töne unterstreichen romantische, nostalgische Anmutung, kühles Grün und Blau wirkt technisch und futuristisch, in Kombination mit hartem Kontrast auch unheimlich.

Mit Snapseed Farbakzente setzen

Beim Color Key nimmt man Objekte durch Radieren von der Schwarz-Weiß-Umsetzung aus. Beispiele sind knallrote Dessous auf entfärbten Körpern, roter Klatschmohn vor langweiligen Beet-Strukturen und goldene Saxofone in den Händen lustvoll blasender Jazzer im schwarzen Anzug. Setzt man die Technik sinnvoll und dosiert ein, entfaltet sie eine feine Wirkung.

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Das Foto des Salinengebäudes haben wir im Bildbearbeitungs-Allrounder Snapseed zunächst per Accentuate-Look verstärkt und anschließend per Schwarz-Weiß-Filter in Graustufen gewandelt. Die Vorgabe Kontrast in Kombination mit dem Gelbfilter arbeitet den Farbunterschied zwischen Backsteinwand und den typischen Schlackensteinen am besten heraus. Der Kontrast wurde etwas verringert, um die leicht abgesoffenen Holzelemente zurückzuholen. Künstliches Korn ist hier fehl am Platz, es würde die Schlackentextur zerstören.

Sämtliche Filter lassen sich in Snapseed lokal mit Hilfe eines Maskierungspinsels abschwächen oder ganz zurücknehmen - ideal, um die Originalfarbe stellenweise wieder freizulegen.

Öffnen Sie dazu das Ebenenmenü rechts oben und blenden Sie über den Eintrag Änderungen ansehen den Filterstapel ein. Dort wählen Sie Schwarz-Weiß und das Pinselsymbol in der Mitte. Das Foto erscheint zunächst wieder farbig, per Klick auf das Filter-Icon lässt sich die Schwarz-Weiß-Umsetzung wieder aktivieren. Mit den Pfeiltasten stellen Sie die Deckkraft des Pinsels in vier Stufen ein. Um die Originalfarbe der Wand und der Holzelemente freizulegen, habe ich die Deckkraft auf null gesetzt, den Ausschnitt stark vergrößert und die Bereiche dann sorgfältig markiert. Die Qualität der Maske lässt sich via Vorschausymbol kontrollieren.

Feintuning mit Lightroom

Adobes Fotoentwickler Lightroom Mobile gibt es in einer kostenlosen und dennoch sehr umfangreichen Basisversion. Hier steht das professionelle, aber auch etwas zeitintensivere Abstimmen von Hand im Vordergrund.

Die Schwarz-Weiß-Umsetzung verbirgt sich im Abschnitt Farbe: Die Option SW entsättigt das Bild, die Schaltfläche Mix führt zum mächtigen Farbmischer. Hier kann man sehr differenziert die Helligkeit für die Umsetzung der Grundfarben Rot, Orange, Gelb, Grün, Türkis, Blau, Violett und Magenta justieren. Wem dafür die Vorstellungskraft fehlt, der greift zum interaktiven Tool und ändert die Helligkeit eines Bereichs - etwa den Himmel - einfach per Fingertipp ins Bild und Wischen nach unten/oben oder links/rechts. Lightroom errechnet daraufhin automatisch, wie hell jede einzelne der im Himmelsblau enthaltenen Grundfarben wiedergegeben werden muss.

Helle und dunkle Bereiche lassen sich getrennt voneinander tönen (Split Tone), was mehr kreativen Spielraum gewährt als die schlichten Färbungen der anderen Apps. Die professionellen Belichtungs-, Kontrast- und Strukturfilter steuern exakt, wie weich oder hart das Monochrom-Bild ausfällt. Dem kostenlosen Lightroom Mobile fehlen gegenüber der lizenzierten Version unter anderem Funktionen zur selektiven Korrektur und Reparatur; außerdem synchronisiert es sich nicht mit der Desktop-Version.

Mehr Auswahl für iOS

Mit Snapseed, Lightroom, Dramatic Black & White und Hypocam kann man sich ein feines und kostengünstiges Schwarz-Weiß-Labor auf Android- und iOS-Geräten einrichten. Für etwas mehr Geld eröffnen sich unter iOS weitere Möglichkeiten: Die künstlerisch angehauchte App Enlight (4,50 Euro), das auf Farbakzente spezialisierte Color Splash (1 Euro), Vintage Scene (2,30 Euro) für Retro-Look und Noir Photo (3,50 Euro) für dramatische Effekte.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
chk_23 18.08.2019
1. Nett
Nett, aber wenn es schon um Fotografie gehen soll, dann doch bitte richtig. Um eine Zeile des Artikels aufzunehmen: Der einfachste Weg zum Schwarzweiß-Foto führt über den Ilford Pan F (und FP 4). Anders gesagt: Natürlich kann man auf einem Keyboard "Geige" spielen, aber wer würde auf den Gedanken kommen damit im Orchester aufzutreten? Oder wer würde einen Sterne-Koch seine Zutaten bei Kentucky-Mc-Burger-Way kaufen lassen, ausschließlich?
keinblattvormmund 18.08.2019
2. Aus Handy-Schnappschüssen Schwarz-Weiß-Kunstwerke...
Wenn es sich um "Schnappschüsse" handelt, die womöglich noch mit einer schlechten Handykamera gemacht wurden, wird man niemals "Kunstwerke" daraus machen können. Wenn das Ausgangsmaterial schon schlecht ist, kann eine Software das nicht verbessern. Handy Kameras mögen ganz ansehnliche Schnappschüsse machen. Hochwertige Kameras, die einen deutlich höheren Dynamikumfang haben, Bilder im RAW Format erzeugen und über optisch hochwertige Objektive verfügen, werden einer Handykamera immer weit überlegen sein. Gegen physikalische Gesetze kann man auch mit einer Software nichts ausrichten. Also nichts mit Handy-Schnappschüsse zu Kunstwerken...
Sensør 18.08.2019
3. @1 - schon richtig, aber
Ich habe in jungen Jahren auch noch analoges Schwarz-Weiß Fotografieren gelernt. Schon damals hat man bestimmte Farbfilter verwendet, um z.B. den Himmel lebendiger zu machen oder den Konrtrast im Wald zu erhöhen. Dies hier ist nichts anderes, seit 20 Jahren gibt es in Photoshop eine Schwarzweißfunktion mit sechs Farbreglern, um stimmungsvolle SW-Bider zuerzeugen. Nur halte ich Handys oder Tablets mit den kleinen, wenig farbverbindlichen Spiegelbildschirmen nicht für sehr geeignet ;-)
aliof 18.08.2019
4. Ausgezeichnete Übersicht, Respekt vor dieser Arbeit
.. und super Beispiele. .. macht voll Spaß , den bildhaften Beschreibungen mit lang nicht mehr gehörten Adjektiven zu folgen. Dabei eine lebendige bildhafte Ausdrucksweise , die ebensolche Vorstellungsbilder hervorrufen! Sachlich umfangreich, leicht zu folgenden Mikro-Gliederungen. Inhaltlich nehme ich das gern als Anregung, demnächst mal wieder die schon vorhandenen Apps an Fotos anzuwenden. (Nachbemerkung : der Link für :: Lightroom Mobile ist allein https://helpx.adobe.com/de/lightroom-cc/how-to/lightroom-mobile.html . Warum wird der denn hier mit der ganzen Vorgeschichte, mit Such- und Weiterleitungs-IDs, mitgeliefert ?)
markus_wienken 18.08.2019
5.
Zitat von keinblattvormmundWenn es sich um "Schnappschüsse" handelt, die womöglich noch mit einer schlechten Handykamera gemacht wurden, wird man niemals "Kunstwerke" daraus machen können. Wenn das Ausgangsmaterial schon schlecht ist, kann eine Software das nicht verbessern. Handy Kameras mögen ganz ansehnliche Schnappschüsse machen. Hochwertige Kameras, die einen deutlich höheren Dynamikumfang haben, Bilder im RAW Format erzeugen und über optisch hochwertige Objektive verfügen, werden einer Handykamera immer weit überlegen sein. Gegen physikalische Gesetze kann man auch mit einer Software nichts ausrichten. Also nichts mit Handy-Schnappschüsse zu Kunstwerken...
Ist das Ausgangsmaterial schlecht wird auch eine Software keine Wunder bewirken können, etwas verbessern aber schon. Und natürlich wird man Smartphonekameras nicht mit "richtigen" Kameras mit z.B. Vollformat-Sensor vergleichen können. Mit den Kameras in den hochwertigen Smartphones allerdings lassen sich durchaus sehr gute Bilder produzieren, insbesondere im Bereich der Streetfotografie möchte ich das Smartphone nun wirklich nicht missen und auch im Bereich Makro habe ich mit Vorsatzlinsen mehr als brauchbare Ergebnisse hinbekommen. Ebenfalls im Bereich Architektur im urbanen Bereich bin ich mit meinem Smartphone nicht wirklich unzufrieden und ertappe mich dabei, dass ich je nach Gelegenheit und Fotoziel ab und an meine Olympus oder Fuji-Kamera auch schon mal zuhause lasse.
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