Realitätscheck Wie wichtig sind Notfallinformationen auf dem Handy?

Für Notfälle lassen sich auf Smartphones Informationen und Kontakte hinterlegen, die auch ohne Entsperren abrufbar sind. Doch welche Rolle spielt diese Funktion im Alltag von Rettungskräften?
Eine Frau in kritischem Zustand (Symbolbild): Auf fast allen Handys lassen sich Informationen wie Notfallkontakte hinterlegen

Eine Frau in kritischem Zustand (Symbolbild): Auf fast allen Handys lassen sich Informationen wie Notfallkontakte hinterlegen

Foto: Getty Images / iStockphoto

Als Netzwelt-Redakteur bittet mich hin und wieder jemand, ihn oder sie beim Einrichten eines neuen Smartphones zu unterstützen. Ich helfe dann beim Aufsetzen einer Display-Sperre, beim Ausschalten nervtötender Tastentöne und beim Löschen vorinstallierter, aber unnötiger Apps. Und noch etwas mache ich seit Jahren: Ich rate Menschen, sogenannte Notfallinformationen auf ihrem Smartphone zu hinterlegen. Das können Handynummern von engen Familienmitgliedern oder Freunden (»Notfallkontakte«) sein, aber auch persönliche Daten wie der eigene Name oder Hinweise zur Blutgruppe oder zu wichtigen Erkrankungen, Medikationen und Allergien.

So hinterlegen Sie selbst Notfallkontakte

Wie ein iPhone mit Notfallkontakten bestückt wird, erklärt Apple hier .

Und wie Sie Notfallkontakte auf Android-Handys hinterlegen, erklärt Google hier .

Das Besondere an diesen Notfallinformationen ist, dass sie vom Sperrbildschirm aus abrufbar sind, es bedarf keiner Eingabe der Pin oder anderen Entsperrung des Telefons. Ähnlich wie sich von jedem gesperrten Handy ein Notruf absetzen lässt (bei dem oft auch der Standort mit übermittelt wird, mehr dazu hier), macht es die Funktion etwa möglich, die Notfallkontakte anzurufen – wenn sie denn hinterlegt wurden.

So finden Sie auf fremden Smartphones etwaige Notfallinformationen

Um auf einem modernen, nicht ohnehin entsperrten Smartphone die Notfallinformationen abzurufen, reicht es meistens, den Bildschirm zu aktivieren und einmal von unten nach oben über das Display zu wischen. Dann tippt man im Fall neuerer Android-Versionen auf dem Sperrbildschirm auf »Notruf« und dann auf »Notfallinformationen abrufen«. Bei Apple-Geräten tippt man zuerst auf »Notfall« und dann auf »Notfallpass«. Ist der jeweils zweite Schritt nicht möglich, da ein solcher Button fehlt, hat der Handybesitzer keine Informationen hinterlegt oder sich dagegen entschieden, sie auf dem Sperrbildschirm anzuzeigen.

Das alles klang und klingt für mich nach einem Feature, das in schlimmen Situationen Zeitvorteile bietet: etwa, indem Rettungskräfte so früh wie möglich erfahren, welche Medikamente eine Person nimmt oder wen sie in so einer Situation gern informiert oder an ihrer Seite wüsste. Zugleich stellt sich die Frage, ob die Informationen auf dem Handy im Alltag von Retterinnen und Rettern überhaupt beachtet werden.

Um darauf eine Antwort zu bekommen, habe ich drei Organisationen kontaktiert, die sich mit Notfällen auskennen: die Johanniter-Unfall-Hilfe, das Deutsche Rote Kreuz und den Deutschen Feuerwehrverband.

Meine erste Erkenntnis daraus: So offensiv wie ich in meinem Bekanntenkreis wirbt keine der Organisationen für das Feature. Der Tenor war eher: Schaden kann es nicht, Notfallinformationen zu hinterlegen. Viel erwarten sollte man davon aber auch nicht.

Zudem sollte man sich bewusst sein, dass die sehr persönlichen Angaben zu Krankheiten nicht zwangsläufig nur bei Sanitätern oder Ärzten landen können. Auch alle anderen Personen, die das Handy einmal in die Finger bekommen, könnten sie abrufen.

Aber helfen die Daten Retterinnen und Rettern zumindest weiter?

Zunächst ist das Handy meist egal

Nach Auskunft von Carsten-Michael Pix vom Deutschen Feuerwehrverband spielen Daten auf Handys für den Rettungsdienst bislang »eine untergeordnete Rolle«. Was auf dem Smartphone gespeichert sei, sei in den ersten 30 bis 40 Minuten nach Auffinden einer Person in einer Notlage »sekundär«, so Pix. Von den Notfallsanitätern müssten solche Informationen weiter validiert werden. Oft sei unklar, wie aktuell die Angaben sind.

Für hilfreich hält Pix die digitalen Notfallangaben eher für die Notaufnahmen der Krankenhäuser oder für die Polizei. Der Feuerwehrexperte schränkt aber ein: »Für alle Beteiligten ist die Kenntnis des Tools entscheidend, die ist sicherlich auch stark unterschiedlich ausgeprägt.«

So sieht der sogenannte Notfallpass auf dem iPhone aus: Befüllen lässt er sich über die Health-App, indem man oben rechts auf den grauen Button mit seinen Initialen tippt und dann auf »Notfallpass«. Im nächsten Menü tippt man dann auf »Bearbeiten«

So sieht der sogenannte Notfallpass auf dem iPhone aus: Befüllen lässt er sich über die Health-App, indem man oben rechts auf den grauen Button mit seinen Initialen tippt und dann auf »Notfallpass«. Im nächsten Menü tippt man dann auf »Bearbeiten«

Foto: Apple

Auch Annkatrin Tritschoks vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) berichtet, dass Smartphonedaten am ehesten bei der Anamnese-Erhebung Verwendung finden. Wenn die Rettungskräfte vom Patienten oder einer dritten Person erfahren, dass auf dem Smartphone medizinisch relevante Informationen zugänglich sind, würden sie in der Regel berücksichtigt, sagt sie. Angehalten, aktiv nach Daten auf dem Handy zu suchen, seien Ersthelfende nicht: Sie sollten sich auf die Erste-Hilfe-Maßnahmen konzentrieren.

Carsten-Michael Pix betont: »Sollte ein Patient nicht ansprechbar sein, so spielt der Name zunächst ohnehin keine Rolle.«

So sieht ein Menüpunkt namens »Sicherheit und Notfälle« in der neuesten Android-Version aus: Je nach Gerätehersteller können die Bezeichnungen und Auswahloptionen im Menü variieren

So sieht ein Menüpunkt namens »Sicherheit und Notfälle« in der neuesten Android-Version aus: Je nach Gerätehersteller können die Bezeichnungen und Auswahloptionen im Menü variieren

Foto: Google

Dass die Suche nach Handys in Notfallsituationen keine hohe Priorität hat, bestätigt Juliane Flurschütz von der Johanniter-Unfall-Hilfe. »Nach Verkehrsunfällen zum Beispiel können Handys irgendwo an der Unfallstelle liegen oder sie wurden durch den Unfall stark beschädigt«, gibt sie zu bedenken. »Sind mehrere Insassen des Fahrzeugs in den Unfall involviert, könnte eine Zuordnung schwierig werden und die Informationen sind nicht sicher zu verwerten.«

Einige Informationen sind ohnehin nicht nur auf dem Handy zu finden: Der Name einer Person etwa steht oft auf Karten im Portemonnaie, manche Menschen haben dort auch Blutgruppen-Ausweise. Und manchmal sammelt auch jemand anderes Daten über die Person. In Einsätzen bei Menschen mit pflegerischer Unterstützung greife die Johanniter-Unfall-Hilfe eher auf die Patientenakten des Pflegedienstes zurück als auf das Handy der Person, sagt Juliane Flurschütz. Manche Menschen hätten zu Hause auch eine sogenannte Notfalldose im Kühlschrank stehen (mehr dazu hier ).

Kennen Sie schon Notruf SOS und Notfall-SOS?

Unter dem Stichwort Notruf SOS beziehungsweise Notfall-SOS haben iPhones ab dem iPhone 8 aufwärts und viele aktuelle Android-Geräte übrigens noch eine Funktion, von der man gehört haben sollte. Wer sie aktiviert hat, kann damit zum Beispiel im Fall, dass ihm oder ihr schwarz vor Augen wird oder eine andere Notsituation eintritt, eine Art All-inclusive-Notruf auslösen.

Dafür muss mindestens fünfmal hintereinander auf die Seitentaste (iPhone) beziehungsweise die Ein-/Aus-Taste (Android) des Geräts gedrückt werden. Danach wird automatisch ein Alarmton abgespielt und der lokale Rettungsdienst angerufen. Außerdem informiert das Handy die Notfallkontakte darüber, dass ein Notruf abgesetzt wurde, und die Kontakte erhalten eine Information zum Echtzeitstandort des Geräts.

Mehr zu dieser Funktion unter iOS lesen Sie hier , mehr zu ihrem Android-Pendant hier. 

Es ist unklar, wie viele Menschen die Funktion nutzen

Notfallkontakte – in welcher Form auch immer – hält Flurschütz aber für wichtig, »besonders bei älteren Personen, Kindern oder bewusstlosen Patienten«. In Notfallsituationen vergäßen Patienten oft vor Aufregung ihre Medikamente oder eine vollständige Auflistung ihrer Erkrankungen, sagt sie: »Notfallkontakte können zusätzliche Informationen zum Patienten schnell übermitteln.«

Was sollte man über Sie wissen? Auf Android-Geräten lassen sich Informationen etwa zur Adresse, zur Blutgruppe, zu Medikamenten und zum Organspender-Status hinterlegen

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Foto: Google

Eine Schätzung, wie viel Prozent der Deutschen Notfallinformationen auf ihrem Handy hinterlegt haben, gibt keine der Organisationen ab. Die Tendenz der Antworten geht aber in die Richtung, dass die Funktion wenig bekannt ist und auch daher wenig genutzt wird. Auch von Apple und Google sind keine Zahlen zur Nutzung des Features im Betriebssystem zu bekommen.

So bleibt auch mir am Ende nur ein vages Fazit: Die Chance, dass Notfalldaten auf dem Handy von Rettungsdiensten überhaupt berücksichtigt werden und weiterhelfen, ist vorhanden, aber offenbar gering. Zugleich ist auch das Datenschutzrisiko der Funktion überschaubar, denn man selbst entscheidet, welche Angaben ohne Sperrcode sichtbar sind und welche nicht.

Niemand muss etwa die Namen seiner Notfallkontakte ausschreiben oder allzu private Informationen eintragen. Carsten-Michael Pix sagt, er selbst habe im Notfallpass nur seinen Namen und als Kontakt seine Ehefrau erwähnt. »Somit läuft im Fall der Fälle eine Suche nicht völlig ins Leere, gleichzeitig gebe ich aber nicht übermäßig sensible Daten preis.«

Und noch einen Vorteil hat es, überhaupt einen Notfallkontakt zu hinterlegen: Verliert oder vergisst man sein Gerät, können ehrliche Finderinnen und Finder so zumindest die dort erwähnte Bezugsperson kontaktieren.

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