Boxkampf via Streaming-Apps Durchbruch der Live-Piraterie

Bis zu hundert Dollar zahlten Pay-TV-Nutzer für den Boxkampf Mayweather gegen Pacquiao. Viele andere sahen sich den Kampf umsonst an - über Twitters Streaming-App "Periscope". Es ist nicht der erste Fall von Live-Piraterie.

Manny Pacquiao (l.) gegen Floyd Mayweather: Ein Kampf, der Millionen Internetnutzer interessierte
REUTERS

Manny Pacquiao (l.) gegen Floyd Mayweather: Ein Kampf, der Millionen Internetnutzer interessierte


Filme wie "Avengers: Age of Ultron" sind dafür gemacht, in einem großen Kinosaal zwei Stunden lang für audiovisuelle Ganzkörpermassage zu sorgen. Trotzdem werden sogenannte "Cam"-Versionen von aktuellen Titeln - trotz aller Gegenmaßnahmen - verlässlich innerhalb kürzester Zeit nach dem Kinostart verfügbar und teils Hunderttausende Male heruntergeladen.

Der erste "Avengers"-Film beispielsweise wurde dem auf solche Fragen spezialisierten Blog "TorrentFreak" zufolge in den ersten Tagen nach dem Kinostart 2012 über eine halbe Million Mal als "Cam"-Version heruntergeladen.

Wie sehr diese abgefilmten, illegalen Kopien den Kassenerfolg neuer Titel beeinflussen, ist umstritten. "The Avengers" beispielsweise spielte 2012 trotz der "Cam" weltweit über 1,5 Milliarden Dollar ein und liegt damit auf Platz drei der umsatzstärksten Filme der Geschichte. Ärgerlich und schmerzhaft aber sind die illegalen Versionen für Hollywood in jedem Fall.

Nun kommt auf die Unterhaltungsbranche ein völlig neues Problem zu: Live-Piraterie. Für den am Wochenende ausgetragenen Boxkampf von Floyd Mayweather gegen Manny Pacquiao mussten Pay-TV-Nutzer in den USA hundert Dollar bezahlen, Sky-Kunden hierzulande immerhin 30 Euro. Doch es gab den Kampf auch kostenlos zu sehen - und zwar über "Periscope".

Boxen oder Schwertkampf?

Diverse US-Journalisten berichten freimütig, sie hätten den sogenannten Kampf des Jahrhunderts mit Hilfe von Twitters eben erst erworbener Video-Streaming-App gesehen. Die Zahl der kostenlosen Livestreams sei "fast überwältigend" gewesen, berichtet etwa "Mashable". Auch die Konkurrenz-App Meerkat wurde offenbar zu diesem Zweck genutzt.

Manche Nutzer filmten sich und ihre Freunde bei Boxpartys im Wohnzimmer, andere ihren Computermonitor oder ihren Fernsehbildschirm - ähnliche Live-Aufnahmen kennt man von wichtigen Fußballspielen, die nicht im Free-TV übertragen werden.

Zwar machten die Periscope-Betreiber offenbar immer wieder besonders populäre Streams dicht, schließlich verbieten die Nutzungsbedingungen des Dienstes Urheberrechtsverletzungen. Doch die Masse der freiwilligen Weiterverbreiter war augenscheinlich zu groß, um zahlungsunwillige Boxfans tatsächlich abzuhalten.

Der Boxkampf ist nicht der erste spektakuläre Fall solcher Echtzeit-Piraterie mit "Periscopes" Hilfe. Auch beim Start der fünften Staffel der HBO-TV-Serie "Game of Thrones" ließen offenbar viele Nutzer andere an ihrem persönlichen Fernseherlebnis teilhaben. "Livestreaming ist als Piraterierisiko nie so ernstgenommen worden wie Torrent-Sites oder Filehoster, aber es sieht aus, als ob sich das bald ändert", so Andrew Wallenstein, der stellvertretende Chefredakteur des Branchenblattes "Variety".

Tatsächlich ist die Echtzeit-Piraterie vermutlich vor allem ein Problem für all jene, die mit der Vermarktung von Live-Veranstaltungen Geld verdienen wollen. Gerade in diesem Bereich, in dem es eher ums Dabeisein als um audiovisuelle Perfektion geht, dürften die Pixeligkeit und der schlechte Ton einer vom TV-Gerät abgefilmten Übertragung weniger ins Gewicht fallen.

Schon bald werden die Unternehmen der Unterhaltungs- und TV-Branche an die neuen Dienste wohl mit einer alten Forderung herantreten: Vorab-Filterung von Inhalten statt der heute gängigen Praxis von "notice and takedown", also dem Löschen von Inhalten erst nach konkreten Hinweisen auf Urheberrechtsverletzungen.

"Variety"-Redakteur Wallenstein, dessen Sympathien zweifellos eher bei der Unterhaltungsbranche als bei Videopiraten liegen, kam bei einem Selbstversuch während des Boxkampfes jedenfalls zu dem Schluss: "Die Bildqualität von 'Periscope' ist stark. Würde ich mir so einen Special-Effects-lastigen Film ansehen? Nein, aber für so etwas wie Boxen ist es mehr als gut genug."

cis



insgesamt 68 Beiträge
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Stanley365 04.05.2015
1. Bei diesem völlig irrwitzigem Hype
und den gigantischen Preisgeldern nebst Werbeorgien muß man doch nicht mehr ganz bei Trost sein, wenn man auch noch Geld zahlt, um sich diesen Schwachsinn anzusehen. Die Veranstalter sollen doch bitte schauen, wie sie ihren Mist komplett durch Werbung finanziert bekommen. Wenn nicht, wär's kein Verlust.
serenity2012 04.05.2015
2. Hype
Wäre vor dem Kampf nicht so eine unsägliche maßlos übertriebene Hype darum gemacht worden, hätten sich wahrscheinlich nur Boxfans dafür interessiert - und diese wären dann auch bereit gewesen, einen fairen (!) Preis für PPV zu zahlen. Durch die Hype sind dann aber sicher auch Millionen mäßig Interessierte neugierig geworden, die aber keinen Bock hatten sich abzocken zu lassen und dann eben über Periscope zuschauten. Ich kann z.B. auch nicht verstehen, warum Sky nicht in der Lage ist, einzelne Bundesliga-Spiele für 1-2 Euro als PPV anzubieten. Jetzt stehen einige unglaublich spannende Spiele im Abstiegskampf an, doch kaum ein Fan von Hamburg, Stuttgart, etc. wird jetzt für drei Spieltage ein teures Abo abschließen. Die werden doch dann auch lieber auf Periscope und andere Streamingportale ausweichen, obwohl sie sicher bereit wären ein paar Euro für Top-Qualität und Legalität zu zahlen.
thsherlok 04.05.2015
3. 30 €?
Wer bezahlt denn für irgend ein exklusives Fernseherlebnis 30 €? Mir fiele nichts ein was einen derartigen Preis rechtfertigen würde. Würde mich mal interessieren ob sich das überhaupt gerechnet hat für die Pay TV Anbieter. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen das viele bereit waren dafür zu zahlen. Insbesondere dann nicht, wenn man schon für ein Sky Abo zahlt.
A. Schmidt-Ohren 04.05.2015
4. Umsonst?
Ich denke mal, die vielen anderen sahen sich den Kampf kostenlos an - "umsonst" ist ein anderes Wort für vergeblich...
dasdondel 04.05.2015
5. blanke Gier
---Zitat--- prices on Ticketmaster ranged between $1,500 (£972) to $7,500 (£4,860) and those tickets were snapped up in a matter of seconds. ---Zitatende--- Quelle : http://www.ibtimes.co.uk/mayweather-pacquiao-bout-delivers-knockout-ticket-prices-350000-1499112 Angesichts solcher Preise, gibt's nichts zu meckern. Wenn die in der Halle noch nicht genug Geld eingenommen haben... dann hat irgendjemand der Beteiligten zuviel für sich eingesteckt. Könnte das an der Gage für die Boxer liegen ? Bei einem Konzert meiner Band würde bei dem Eintrittspreis ein zahlender Gast ausreichen.
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