Apple-TV-Serie "Planet of the Apps" Planet der Casting-Affen

Auf den Spuren von Netflix: Mit "Planet of the Apps" ist Apples erste TV-Eigenproduktion gestartet. In einer Mischung aus "DSDS" und "Höhle des Löwen" beraten Promis roboterhaft junge App-Entwickler.

Gwyneth Paltrow mit Schützling
Apple Music

Gwyneth Paltrow mit Schützling

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Kommen drei Bros eine Rolltreppe heruntergefahren und erzählen von ihrer Dating-App Twist. Die soll irgendwann einmal Tinder ablösen. Leider haben die drei Entwickler nicht bedacht, dass es auch unerwiderte Liebe geben kann und es folglich einen Mechanismus geben sollte, der Nutzer vor ungewollten Avancen schützt.

Konzentrierter Gesichtsausdruck bei den Jurorinnen Jessica Alba und Gwyneth Paltrow, auf die die drei auf ihrer Rolltreppe zufahren. "Bringt doch Frauen ins Team, damit sie über ihre Realität sprechen", sagt Alba. Nebenan starrt Musiker Will.i.am auf seinem Designersessel ins Leere. Überhaupt wird viel ins Leere gestarrt in "Planet of the Apps", der ersten von Apple selbst produzierten TV-Serie.

Die Sendung ist eine Castingshow, eine Mischung aus "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) und der Start-up-Show "Die Höhle des Löwen". In "Planet of the Apps" kämpfen junge App-Entwickler darum, dass einer der vier Juroren - Will.i.am, Paltrow, Alba und Tech-Investor Gary Vaynerchuk - sie unter seine Fittiche nimmt. Innerhalb von sechs Wochen werden sie dann für einen zweiten Pitch vor mächtigen Kapitalgebern gecoacht, von denen sie Geld für ihre Idee einsammeln sollen.

Die Juroren: Jessica Alba, Will.i.am, Gwyneth Paltrow und Gary Vaynerchuk (v.l.n.r)
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Die Juroren: Jessica Alba, Will.i.am, Gwyneth Paltrow und Gary Vaynerchuk (v.l.n.r)

Amazon und Netflix setzen schon lange auf eigene Inhalte

Derartige Eigenproduktionen fürs Internetfernsehen haben Hochkonjunktur. Netflix kann mit Serien wie "House of Cards" und "Orange is the new Black" große Erfolge vorweisen, auch bei den Kritikern. Bei Amazon gibt es Serienhits wie "American Gods". Mit "You are Wanted" hat der Konzern sogar eine deutsche Originalserie ins Programm genommen, die zumindest beim Publikum sehr beliebt ist. Nun zieht Apple mit eigenen Inhalten nach.

Mit seinem Online-Musik- und Videoladen iTunes Store hat der Konzern bereits die passende Vertriebsplattform. Seit der Apple-Entwicklermesse WWDC, Anfang Juni, wird jede Woche eine neue Folge der Serie online gestellt.

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Nach der kostenlosen Pilotfolge kann man "Planet of the Apps" nur nach Abschluss eines kostenpflichtigen Apple-Music-Abos weiter schauen. Die Apps, um die es in der Serie geht, werden parallel zur jeweiligen Folge im App-Store platziert (im deutschen App-Store gibt es das nicht). So gesehen ergibt das Thema der Castingshow aus Apples Sicht Sinn.

Uneinigkeit unter den Juroren? Mehr Fallhöhe ist nicht, und kommt nicht

Trotzdem wirkt die Show hölzern und seltsam seelenlos. In einer Szene stellt ein Teilnehmer seine App vor, einige Juroren sind angetan. "Ich bin total anderer Meinung", sagt dann aber Gary Vaynerchuk, den maximal in den USA einige Tech-Nerds kennen dürften. Potzblitz. Die Kamera verweilt einige Augenblicke auf seinem ausdruckslosen Gesicht. Dramatische Musik. Mehr Fallhöhe ist nicht und kommt auch nicht. "Seid immer auf der Hut vor Apple und Google", wird Vaynerchuk seinen beiden Jung-Entwicklern später raten.

Alba mit App-Entwickler Andrew Kemendo
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Alba mit App-Entwickler Andrew Kemendo

Die Schauspielerinnen Alba und Paltrow, die ihre Bekanntheit auch für mehr oder weniger erfolgreiche Business-Ideen einsetzen, geben oberflächliche Tipps und versuchen, für die Show auf die Tränendrüse zu drücken. In einer Szene befragt Alba einen jungen Familienvater, der in der Air Force gedient hat (amerikanischer Held!), mit betroffenem Gesichtsausdruck zu - fehlenden - Gehaltseingängen auf seinem Konto. Betroffen könnte Alba auch schauen, weil ihre eigene Firma, "The Honest Company", jüngst eineinhalb Millionen Dollar zahlte, um eine Klage von Kunden loszuwerden.

Apples zweiter Aufschlag kommt im August

Paltrow gibt auf ihrer Website "Goop" wahlweise Hypnose-Tipps, leitet zum richtigen Wassertrinken an und berät zu Rüschenblusen. Da passt es, dass sie in Folge zwei eine junge Unternehmerin mit einem Onlineshop-Konzept als ihren Schützling auswählt und in ihre Firma einlädt.

Im Gegensatz zu vielen anderen Produktionen soll "Planet of the Apps" nicht gescriptet sein, also keinem vorgegebenen Drehbuch folgen. Das klingt erst mal nach guter, echter Unterhaltung - authentisch würde Paltrow vermutlich sagen. Trotzdem kommt man nicht umhin, schnell mit dem Cutter des Materials Mitleid zu haben. Was für Höllenqualen muss er bei der Produktion gelitten haben, wenn das, was wir jetzt sehen können, das Maximum an Spannung ist, das er aus der Serie herausschälen konnte?

Apples zweiter Wurf in Sachen Eigenproduktionen steht im August an, es ist die wöchentliche Serie "Carpool Karaoke". Sie ist eine Auskopplung des beliebten Formats der "Late Late Show" mit Komiker James Corden. Vielleicht sollte man lieber darauf hoffen - und "Planet of the Apps" schnell vergessen.

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