Sascha Lobo

Radikalisierung im Netz Wie rechte Ästhetik auf Instagram funktioniert

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Landschaftsromantik und enorm blonde Familien: So inszenieren sich Rechte im wichtigsten sozialen Netz der Millennials. Im Subtext geht es schnell um vermeintlich legitime rassistische Gewalt.
"Völkische Zopferotik": Rechte auf Instagram

"Völkische Zopferotik": Rechte auf Instagram

Foto: LIONEL BONAVENTURE / AFP

"White is beautiful" steht in eleganter Schrift über dem Bild eines mondweißen, hellblonden Mädchens mit lasziv geöffneten Lippen: fast 1400 Likes. Instagram ist gegenwärtig das wichtigste soziale Netzwerk der Millennials, es hat diese Generation geprägt und geformt.

Instagram hat den größten Einfluss auf das Leben junger Menschen zwischen 20 und 35 in der westlichen Welt, größer als Facebook, Twitter, TikTok (noch) und als das Fernsehen ohnehin. Allenfalls YouTube spielt in einer vergleichbaren Liga, aber hat deutlich weniger ausgeprägte, soziale Funktionen. Diese Wirkmacht ist nicht nur für Werbetreibende höchst interessant. Sondern auch für Rechtsextreme.  

Das Recherchezentrum Correctiv  hat in einer datenbasierten, umfassenden Recherche die Strukturen und Mechanismen aufgedeckt, mit denen Rechtsextreme auf Instagram auf Seelenfang gehen. Facebook ist für Babyboomer und die Generation X das soziale Medium der Radikalisierung, darüber wissen wir inzwischen einiges - etwa, dass dabei gezielt verbreitete Falschinformationen zentral sind. Die Untersuchung von Correctiv gibt nun einen Einblick, wie die Nachfolgegeneration der zwischen 1980 und 1999 geborenen Millennials auf Instagram radikalisiert wird.

Ästhetik & Rollenklarheit

Unvergessen die junge Person, die 2014 sagte: "Twitter ist mir zu textlastig."  Sie wurde verspottet, aber hatte vollkommen recht, das inszenierte Foto hat Instagram groß gemacht. Dabei bedienen viele rechte Accounts eine eigene, instagramfähige Ästhetik. Naturverbundenheit und Landschaftsromantik werden in den Vordergrund gestellt, neben ikonischen Wahrzeichen und deutschtümelnden Alltagssymbolen. Umrahmt wird diese Bildsprache von inszenierten, enorm blonden Normfamilien und jungen Frauen, die sich meist in einer Art völkischer Zopferotik darstellen.

Frauen, das hat Correctiv nachweisen können, sind auf Instagram die entscheidenden Multiplikatorinnen für Rechtsextreme. Das Social Network ist ohnehin weiblicher geprägt als die meisten anderen, von den 21 Accounts, die im Herbst 2020 über 100 Millionen Follower haben, gehören 13 Frauen und nur fünf Männern (drei sind Unternehmen). Rechtsextreme Kommunikation aber instrumentalisiert Frauen geschickt, Correctiv  schreibt: "Sie bilden die Brücke von der vorgeblich unpolitischen Ästhetik auf Instagram in ein rechtes Weltbild." Klassisch rechte Kommunikation verwendet oft martialische Bildsprache zwischen Stahlhelm, Blut und Ehre. Moderne Instanazis gehen geschickter vor und stellen Frauen, Familien, Kinder in den Vordergrund. Die biedere, seichterotische Darstellung von Weiblichkeit, gemischt mit ständiger Vatermutterkinderei in Wald und Feld ist programmatisch.

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Der Subtext: Hier ist die Welt noch naturnah und in Ordnung, und zwar im Sinne der Ordnung von 1935 - eindeutige, patriarchale Rollenbilder, wo der Mann stets der Held ist und die Frau nur Verführerin und Mutter. Dieses Angebot der vermeintlich natürlichen Einfachheit - gerade was geschlechtliche und sexuelle Fragen angeht - kann besonders auf unsichere Menschen attraktiv wirken. Hier gibt es Parallelen zur Kommunikation des "Islamischen Staats", der gegen die Komplexität der postmodernen Welt ebenfalls auf so radikale wie unerbittlich eindeutige Geschlechterrollen gesetzt hat. Rechte Kommunikation auf Instagram verspricht ein unkompliziertes, natürliches, von Modernitätswirren unbelastetes Leben, das anders als viele andere attraktive Instagram-Lebensentwürfe auch ohne Reichtum und Erfolg erreichbar scheint.

Neucodierung & Anknüpfbarkeit

Rechte Kommunikation in sozialen Medien hat anfangs eher auf Bestätigung bestehender, rechter Haltungen gesetzt. Das ist zwar für die bereits Überzeugten relevant, lockt aber selten Nachwuchs an. Auf Instagram haben Rechte eine Mechanik entwickelt, die auf den Ansätzen des rechtsextremen Vordenkers Alain de Benoist beruhen: Radikale Haltungen werden in unverfängliche Begriffe gewickelt, um in den großen Debatten nicht nur Rechte, sondern auch bürgerlich-konservative Gruppen zu erreichen. Ein Wort wie "Tradition" umpuschelt dann reaktionäre und latent menschenfeindliche Ideen verbal. Am eindrücklichsten ist diese Neucodierung beim Über-Schlagwort "Europa". Fast alle politischen Gruppierungen sprechen heute von Europa, die Mehrheit positiv. Die Insta-Rechten tun es ebenso - aber verwenden "Europa" als Synonym für "weiße Menschen". Sie vermengen europäische Kultur mit einem rassistischen Weltbild, indem ein visuell rein weißes "Wir" konstruiert wird. Anschließend knüpfen Rechte geschickt an die quer durch alle politischen Lager verbreiteten öffentlichen Lobpreisungen von Europa an - und übertragen diese auf Europäer selbst. "Europäer sind der wahre Adel der Welt", lautet ein Werbespruch eines rechtsextremen Modelabels auf Instagram.

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Die Neucodierung als Erfolgsrezept ließ sich ebenso bei der Diskussion um #blacklivesmatter beobachten. "It's okay to be white" identifizierte Correctiv  als einen der (auch) dabei verwendeten Sinnsprüche. Wenn weiße Menschen den Hashtag der amerikanischen Bewegung gegen Polizeigewalt ohne jeden Kontext und Sensibilität betrachten, dann scheint die Frage nahezuliegen: "Aber was ist mit weißen Leben?" Die eigentliche Antwort darauf wäre, dass Schwarze stark überproportional häufig Opfer von Polizeigewalt werden - aber die rechte Umcodierung tut, als hieße #blacklivesmatter, dass weiße Leben weniger wichtig seien. Dabei sind sie nur weniger von Polizeigewalt bedroht. Schaut man dann mit mittelgroßer Unbedarftheit auf diese rechte Kommunikation, finden junge, weiße Menschen in "It's okay to be white" eine Form von Selbstwertbestätigung in Zeiten von Rassismuskonflikten. Du bist weiß, aber trotzdem okay, diese viel zu schlichte Botschaft wirkt bei Leuten, die sich eigentlich nicht um Diskriminierung kümmern wollen, weil sie kaum oder gar nicht betroffen sind.

Die wichtigste Umcodierung aber ist die eines ganzen Konzeptes, das Ästhetik, Anknüpfbarkeit, Angst und Kampf umfasst: Heimat. Auf Instagram inszeniert unter Hashtags wie #heimatverliebt oder #heimatliebe. In der rechten Kommunikation wird "Heimat" stets als Symbol einer kulturellen und ethnischen Homogenität verwendet. Weil sich dieses rassistische Fantasma - eine "reinweiße" Heimat - aber nur mit Gewalt erreichen lässt, ist das rechte Konzept von Heimat ein mörderisches. Es leitet deshalb auf den dritten Komplex über:

Angstlust & Kampf

Das rechte Konzept von "Heimat" ist andauernd bedroht und muss deshalb stets "verteidigt" werden. Die vermeintliche Bedrohung geht dabei von der bloßen Existenz von nichtweißen Personen aus. Correctiv  zitiert eine Aussteigerin: "Das hab ich auch bei ganz, ganz vielen anderen mitbekommen, dass die wirklich permanent unter Angst stehen, und diese Angst wird durchgehend geschürt."

Eine regelrechte Angstlust wird kultiviert, weil Angst sowohl Empathie als auch Urteilsvermögen reduziert. Erreicht wird das durch ein allgegenwärtiges, rechtes Mantra: Wir werden angegriffen, unsere Heimat steht unter Attacke! Der angebliche Angriff besteht in erster Linie daraus, dass auch nichtweiße Menschen in Europa leben und leben wollen, ein Rückgriff auf die rechtsextreme Verschwörungstheorie des "Großen Austauschs". Die gefährliche Erzählung dahinter: Weiße Europäer sollen durch Muslime und Schwarze ersetzt werden, gesteuert werde das durch "die Eliten" und "Juden". Diese Verschwörungstheorie hat - wie etwa in Christchurch - bereits zu mehreren rechtsextremen Attentaten und Massenmorden geführt. Denn sie halluziniert weiße Menschen in einer dauerhaften Opferpose, und die Täter sind Nichtweiße.

Die gesellschaftlich am eindeutigsten akzeptierte Form der Gewalt ist die Selbstverteidigung, die weiße Opferpose dient also der Legitimierung von rassistischer Gewalt unter dem Deckmantel der Abwehr einer Bedrohung. Weil diese Form der rechten Kommunikation manchmal von Instagram verbannt wird, haben einige rechte Instagram-Kanäle nicht nur Back-up-Accounts. Sie versuchen die Instagram-Community in ihre Telegram-Kanäle zu ziehen, wo die weitere Radikalisierung kaum mehr begrenzt werden kann. Denn in dieser "Dark Social"  genannten Sphäre der Messenger gelten andere Regeln, gerade für die Verbreitung von Inhalten, die in den öffentlich zugänglichen Bereichen sozialer Medien eher gelöscht werden. Auf einem bei Telegram viel verbreiteten Bild steht ein Vater mit seinen drei blonden Kindern mitten in einem Blumenfeld. Sie sind - bis auf das Mädchen - schwer bewaffnet. Darüber prangt der Schriftzug: "Defend your land." Es bleibt kein Zweifel offen, gegen wen. 

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