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09. November 2012, 18:56 Uhr

Rätselspiel "Curiosity"

Hunderttausende suchen Überraschung im Klotz

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So ein Spiel hat es noch nicht gegeben: Hunderttausende stochern gemeinsam über Smartphones und Computern an einem gigantischen Würfel herum, zusammengesetzt aus kleineren Quadern. Eine einzige Person wird das letzte der Milliarden Klötzchen abtragen und das Rätsel lösen.

Ein riesiger Würfel, aufgebaut aus mehr als 60 Milliarden Quadern, schwebt in einem leeren Raum. Tippt man auf einen der Quader, zerplatzt er in Stücke. Mehr als eine halbe Millionen Menschen haben gemeinsam schon eine komplette Schicht des Würfels abgetragen, am Smartphone, Tablet oder Computer.

Sie haben Wörter in den Würfel geschrieben, Muster getippt, sich gegenseitig angespornt und manchmal auch geärgert. Ganz zum Schluss wird ein einziger Spieler den letzten Stein zerplatzen lassen - und etwas "Wunderbares" entdecken. Das jedenfalls verspricht der Erfinder von "Curiosity - What's Inside the Cube", der britische Spieleentwickler Peter Molyneux.

Wer spielt hier eigentlich mit wem?

Eine durchaus berechtigte Frage. Molyneux hat am Mittwoch ein gigantisches Experiment gestartet, ein Multiplayer-Spiel in dessen Verlauf noch Überraschungen warten sollen. Die erste Überraschung erlebten allerdings Molyneux und die Mitarbeiter seiner Firma 22 Cans: So viele Spieler stürmten den Würfel, dass die bei Amazon angemieteten Server nicht mehr hinterherkamen. Die kollektive Neugier zwang das Spiel erst einmal in die Knie.

Molyneux hat sich mit Titeln wie "Populous", "Dungeon Keeper" oder "Black & White" den Ruf eines ambitionierten Denkers erworben. Er lässt die Spieler beispielsweise selbst entscheiden, ob sie in der Spielwelt gut oder böse sein wollen. So legendär seine Ideen und öffentlichen Auftritte aber sind, die Spiele selbst können oft nicht ganz mit seiner Phantasie mithalten. Das könnte diesmal ganz anders ausgehen.

Irgendwann einfach vorbei

Vor dem Start von "Curiosity" ätzte er, Spiele auf Smartphones und Tablets seien auf dem Stand der späten achtziger und frühen neunziger Jahre. Nun hat er tatsächlich etwas ganz Neues angestoßen, spielt mit der Neugier der Menschen, die bereit sind, Minuten, Stunden, vielleicht sogar Tage zu investieren.

Bisher gibt es zur Belohnung für all die eingesetzte Zeit nur Spielmünzen, mit denen sich Werkzeuge kaufen lassen, die das Kaputtmachen beschleunigen. Gut möglich, dass die Zeit letztlich sinnlos verbracht wurde. Nicht auszuschließen, dass der Gewinner des Spiels auch noch das Geheimnis des Kubus für sich behält.

Wenn es denn überhaupt eins gibt: Die Idee für das Spiel habe er auch dem US-Filmemacher J.J. Abrams ("Lost", "Star Trek") zu verdanken, sagte Molyneux dem "Guardian". Abrams hatte erzählt, von seinem Großvater einst eine Box mit einem Geschenk bekommen zu haben. Statt sie zu öffnen, habe sich Abrams an dem Mysterium erfreut. Außerdem, sagt Molyneux, habe er die Milliarden Smartphone-Nutzer auf der Welt zusammenbringen wollen.

Erstes von 22 Experimenten

Damit es bis dahin nicht allzu monoton zugeht, verspricht Molyneux weitere Überraschungen. Eine davon soll mit Facebook zu tun haben, Spieler werden schon jetzt aufgefordert, das Spiel mit ihrem Account bei dem sozialen Netzwerk zu verknüpfen. Noch ist "Curiosity" komplett kostenlos.

Dem "Guardian" sagte Molyneux, dass er zu einem späteren Zeitpunkt mit dem Würfel-Experiment auch Geld verdienen könne. Er wolle aber den richtigen Moment abwarten, um auch daraus möglichst viel zu lernen. Vorher will er das Verhalten der Spieler analysieren und die Ergebnisse veröffentlichen. Das soll schon in den nächsten Tagen geschehen.

Irgendwann wird "Curiosity" einfach vorbei sein. Mit seiner Firma will Molyneux weitere Spiel-Experimente starten, insgesamt sollen es einmal 22 Stück sein, und alle sollen auf ein Ziel hinauslaufen. Allzu enttäuschend darf das erste Experiment also nicht verlaufen, wenn Molyneux noch Spieler für die nächsten Titel gewinnen will. Zwischen der Begeisterung Hunderttausender Spieler, an etwas Einzigartigem, Großem mitgewirkt zu haben und Enttäuschung über ein allzu plattes Ende liegt ein schmaler Grat.

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