Kriegsberichterstattung Russland zensiert das Internet in Rekordzeit

Die Menschen in Russland sollen nicht wissen, was russische Truppen in der Ukraine anrichten. Der Kreml weitet die Zensur massiv aus. Doch die Netzsperren haben Grenzen – und es gibt Möglichkeiten, um sie auszutricksen.
Polizisten führen eine Demonstrantin in Sankt Petersburg ab, die gegen den Krieg im Nachbarland Ukraine protestiert hat

Polizisten führen eine Demonstrantin in Sankt Petersburg ab, die gegen den Krieg im Nachbarland Ukraine protestiert hat

Foto:

Dmitri Lovetsky / AP

»Verbindung fehlgeschlagen« – in Russland ist Facebook auf vielen Rechnern seit der Nacht nicht mehr erreichbar. Die Behörden haben den Zugang zu der Onlineplattform gesperrt, auch Twitter ist nicht mehr aufrufbar. Immer länger wird die Liste der blockierten Medien: die Deutsche Welle, BBC, der Radiosender Echo Moskwy, das Internetportal »Meduza«, die in Sibirien wichtige Website »Tayga Info« sind betroffen. Es sind jene Medien, die den Krieg von Präsident Wladimir Putin gegen die Ukraine auch als solchen benennen und nicht, wie es die offizielle Linie vorschreibt, von einer »militärischen Spezialoperation« sprechen.

Russlands Behörden vollziehen in Kriegszeiten eine Zensur in Rekordzeit, sie ist umfassend, und es ist damit zu rechnen, dass sie immer mehr auch ausländische Medien treffen wird.

Das Ende des unabhängigen Journalismus in Russland

In Russland hat das Vorgehen der Behörden massive Folgen: Der unabhängige Journalismus ist faktisch am Ende. Der blockierte Internetfernsehsender TV Doschd (TV Rain) und das Newsportal »Znak« haben ihre Arbeit eingestellt, zu hoch ist das Risiko für die Mitarbeitenden. Die kremlkritische »Nowaja Gazeta« begann, Artikel zu löschen, in denen von Krieg die Rede ist. Ausländische Medien wie BBC und CNN  stoppten ihre Berichterstattung aus dem Land, um ihre Journalistinnen und Journalisten zu schützen.

Wladimir Putin: Gesetz gegen angebliche »Fake News« über den Krieg im Eiltempo in Kraft gesetzt

Wladimir Putin: Gesetz gegen angebliche »Fake News« über den Krieg im Eiltempo in Kraft gesetzt

Foto: Andrei Gorshkov / ITAR-TASS / IMAGO

Hintergrund ist die Änderung des Strafgesetzbuchs, unter anderem steht nun die »öffentliche Verbreitung absichtlich falscher Informationen über die Benutzung der Streitkräfte der Russischen Föderation« unter Strafe. Am Freitag hatten beide Kammern des Parlaments ohne Diskussionen die Gesetzesänderungen im Eiltempo durchgewunken, noch am Abend trat sie mit der Unterschrift von Putin in Kraft.

Damit ist die Berichterstattung über Russlands Krieg gegen die Ukraine faktisch verboten. Alle Informationen, die nicht der Sicht des Kreml entsprechen, gelten nun als »Fake«. Wer sich nicht dran hält, dem drohen hohe Geldstrafen, »Besserungsarbeiten« oder bis zu 15 Jahre Haft, je nach Straftatbestand. Das Gesetz betrifft »alle Bürger, nicht nur die Russlands«, wie der Vorsitzende des Duma-Ausschusses zur Informationspolitik, Alexander Chinstejn, betonte.

Die Lücken in der russischen Firewall

»Was wir in Russland aktuell sehen, ist ein neues Ausmaß von Zensur und Zerstörung der Internetfreiheit«, sagt Klaus Landefeld vom Verband der Internetwirtschaft eco. Dennoch hätten die aktuellen russischen Maßnahmen technisch gesehen Grenzen und Unzulänglichkeiten, so Landefeld. Zunächst hätten die Dienste noch immer die Möglichkeit, die Blockade zu umgehen. Bei Telegram etwa sehe man, wie die Betreiber seit Jahren den Zensurbemühungen auswichen, so Landefeld.

»Einen Dienst effektiv draußen zu halten, ist eine echte Kunst, und die beherrscht Russland noch nicht.« Das fällt laut Landefeld besonders im Vergleich mit China auf: Russland setzt bisher auf Negativlisten und blockt bestimmte Dienste. Die berüchtigte chinesische Firewall funktioniere dagegen so, dass alles geblockt werde und nur noch das durchgelassen, was man aktiv durchlassen möchte.

Hinzu kommt, dass der Aufbau des russischen Internets eine noch umfassendere Zensur zunächst erschwert. »Das russische Netz ist viel weniger zentralisiert als das in China, es gibt mehrere internationale vernetzte Drehkreuze und Übergänge an das internationale Kabelnetz«, so Landefeld. Außerdem müssten die russischen Behörden weitere Spezialtechnik an wichtigen Stellen des Netzwerkverkehrs installieren, um das Netz noch hermetischer zu sperren. »Eine entsprechende Umrüstung würde mindestens ein halbes Jahr bis Jahr dauern.«

Doch Russinnen und Russen können sich trotzdem über das wahre Ausmaß des Kriegs und die Folgen für ihr Land informieren – wenn sie zu Tricks greifen.

VPN: Datentunnel gegen Web-Sperren

Die wohl am weitesten verbreitete Software, um die Netzblockaden gegen kritische unabhängige Medien zu umgehen, sind sogenannte VPN (englisch für »Virtual Private Networks«). Zahlreiche kommerzielle Anbieter bieten VPN als App fürs Smartphone und als Programm für Laptops und Desktop-Computer an. Das Grundprinzip ist simpel: Wer ein solches Programm benutzt, der leitet seinen Internetverkehr gewissermaßen verschlüsselt durch einen Tunnel und über die Server des VPN-Anbieters. Nur der VPN-Anbieter kennt die Zieladresse.

Die Netzsperren der russischen Behörden funktionieren zunächst nicht, da sie nicht erkennen können, ob ein Nutzer eine von ihnen gesperrte Website aufruft. Gesperrte Seiten wie von BBC oder Deutscher Welle sind so wieder erreichbar.

Die Nutzung von VPN-Diensten nimmt in Russland in den letzten Tagen offenbar zu. So berichtet der VPN-Anbieter ExpressVPN, dass die Zugriffszahlen der eigenen Website aus Russland um 330 Prozent angestiegen seien. Auch der Anbieter Nord VPN verzeichnet mehr Aufrufe aus Russland auf seiner Internetseite. Ob mehr Bürgerinnen und Bürger in Russland sich über VPN-Verbindungen mit dem Netz verbinden, könnten beide Firmen jedoch nicht beantworten, da sie diese Zahlen nicht dezidiert erfassten, erklärten sie auf SPIEGEL-Anfrage.

Doch VPN sind kein Allheilmittel gegen die Zensur. Das erste Problem für die Nutzerinnen und Nutzer ist, dass auch sie durch Netzsperren zumindest ausgebremst werden können. So funktioniert Nord VPN in Russland momentan nicht immer stabil, eine mögliche Folge von Sperrmaßnahmen russischer Behörden.

Ein weiteres Problem: Wenn Russland tatsächlich den Zugriff auf die App Stores von Apple und Google blockiert, dann können VPN-Programme von dort nicht mehr auf Smartphones neu installiert werden. Neuen Nutzerinnen und Nutzern würde dies den Zugriff auf die Technik erschweren. Dienste wie Nord VPN bieten ihr Programm allerdings auch als sogenannte APK-Datei von ihrer Website zur Installation an.

Schließlich gibt es noch das dritte Problem, dass es sich bei VPN um zentralisierte Dienste handelt, man muss darauf vertrauen, dass sie die eigenen Daten schützen. Grundsätzlich ist zu empfehlen, eher solche VPN-Dienste zu nutzen, die nicht kostenfrei sind, sondern ein paar Euro pro Monat kosten. Diese Angebote sind weniger darauf angewiesen, mit den Daten ihrer Nutzerinnen und Nutzer durch Werbung Geld zu verdienen.

Polizisten führen eine Demonstrantin in Moskau ab: Auch am Donnerstag protestierten Bürger gegen den Angriff auf die Ukraine

Polizisten führen eine Demonstrantin in Moskau ab: Auch am Donnerstag protestierten Bürger gegen den Angriff auf die Ukraine

Foto: Valentin Yegorshin / ITAR-TASS / IMAGO

Außerdem bieten VPN-Dienste trotz des Datentunnels und der Verschlüsselung nicht automatisch vollständigen Schutz vor Überwachung durch Behörden. Wer VPN nutzt, sollte trotzdem darauf achten, besonders sensible Inhalte eher über zusätzlich verschlüsselte Kanäle zu kommunizieren.

Das finnische IT-Sicherheitsunternehmen F-Secure etwa bietet seine VPN-App Freedome in Russland nicht an, um den Anwendern nicht ein Gefühl falscher Sicherheit zu vermitteln. »In Russland müssen per Gesetz alle angebotenen VPN dem Staat die Entschlüsselungskeys übermitteln«, sagt Rüdiger Trost von F-Secure. »Das widerspricht dem eigentlichen Nutzen eines VPN.«

Der Darknet-Browser: Wenig verbreitet, aber besonders sicher

Eine weitere Möglichkeit, Netzsperren zu umgehen, ist der Tor-Browser, der oft genutzt wird, um auf spezielle Darknet-Seiten zuzugreifen. Die Anonymisierungssoftware verschleiert durch eine lange Serverkette die Identität von Nutzerinnen und Nutzern und macht so Seiten erreichbar, die mit dem normalen Browser geblockt wären.

Sowohl die BBC (seit 2019 mit dem Tor-Browser unter diesem Link erreichbar ) als auch die Deutsche Welle betreiben eigenen Seiten im Tor-Netzwerk. Unbedingt nötig ist eine solche Tor-Präsenz nicht, schließlich lassen sich auch die ganz normalen Web-Adressen von Medien über den Tor-Browser aufrufen, aber sie bietet zusätzliche Anonymität. Damit ist das kostenlose Programm ein wichtiges Werkzeug, um Zensur zu umgehen.

In diesen Tagen könnte Tor für russische Nutzerinnen und Nutzer wichtiger werden denn je. Das Programm lässt sich auf https://www.torproject.org  herunterladen, die russischsprachige Version der Website findet sich unter https://www.torproject.org/ru/ . Angeboten werden Versionen für Windows, Linux, macOS und Android. Für iPhone-Nutzerinnen und -Nutzer gibt es den Onion Browser  und seit Anfang März auch eine App namens Orbot . Die schickt sämtlichen Datenverkehr des iPhones durch das Tor-Netzwerk, nicht nur Browserdaten. Orbot ist auch für Android-Geräte erhältlich.

Die App wird im App Store von Apple als »Tor VPN« bezeichnet. Das mag verwirrend klingen, weil Tor und VPN streng genommen verschiedene Technologien sind. Wichtig für Anwenderinnen und Anwender aber ist nur: Orbot ist eine wirkungsvolle Anti-Zensur-App, und wie alle Tor-Anwendungen ist sie kostenlos.

Russland blockiert auch den Tor-Browser, doch die Sperren lassen sich umgehen

Doch auch wenn Tor seit Jahren als Goldstandard unter den Zensurumgehungswerkzeugen gilt, ist die Technik nicht sonderlich verbreitet. In Russland ist die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer seit 2019 sogar deutlich gesunken, von einst 600.000 auf zuletzt rund 120.000 . Das ist ungefähr 0,1 Prozent aller Menschen im Land, die einen Internetzugang haben. Das dürfte auch daran liegen, dass der einfache Zugriff auf das Tor-Netzwerk im Land ebenfalls blockiert  ist.

Nutzerinnen und Nutzer brauchen inzwischen sogenannte Bridges, Brücken. Das sind öffentlich nicht gelistete Zugangspunkte, deren Koordinaten erhält man auf Antrag . Sie funktionieren so lange, bis die Zensoren die Brücken entdecken und blockieren. Tor braucht also ständig neue Brücken, worauf die Projektbetreiber zuletzt auch hingewiesen haben. Daraufhin stieg die Zahl der Bridges erheblich an.

Die meisten Bürgerinnen und Bürger Russlands, die vom Staat nicht kontrollierte Informationen abrufen wollen, dürften dafür andere Wege wie Twitter oder Telegram nutzen, als den aufwendigeren Weg über den Tor-Browser zu gehen. Dennoch könnten Tor und VPN hilfreich sein, falls die Behörden die Blockaden auf ausländische Medien ausweiten.