Schwarzfahrer-App Freibeuter in der Prager U-Bahn

Petr Pechouseks App vernetzt Schwarzfahrer, damit diese nicht ertappt werden. Das gefällt vielen nicht. Zwar wächst die Fangemeinde der Anwendung, mit der man Kontrolleuren ein Schnippchen schlagen soll. Aber auch die Wut derer, die auf korrekt bezahlte Tickets pochen.
Von Nancy Waldmann
Schwarzfahrer-App "Fare Bandits": "Hieb gegen das System"

Schwarzfahrer-App "Fare Bandits": "Hieb gegen das System"

Foto: Nancy Waldmann

Petr Pechousek kämpft mit den Hatern. Ihretwegen schlägt er sich die Nächte um die Ohren. 50 Posts erhält er von "revizor" pro Minute. Auf Tschechisch bedeutet das "Fahrkartenkontrolleur".

Pechousek sitzt in Prag, er entfernt Spams, wehrt Shitstorms ab und sperrt IP-Adressen. Tagsüber arbeitet er, danach verteidigt er "Fare Bandits", die Ticketbanditen. So sieht das kriegerische Leben aus, nachdem man eine Android-App für Schwarzfahrer entwickelt hat. Erst für die tschechische Hauptstadt, inzwischen gibt es sie auch für Berlin, Wien, Bratislava. Augenringe und ein Zwei-Tage-Bart zeichnen Pechouseks kantiges Gesicht. Wo Hater sind, sind auch Fans. Innerhalb von zwei Wochen stieg die Zahl der User von 650 auf 12.000.

Das Prinzip ist einfach. Wer gerade mit Straßenbahn, Metro oder Bus unterwegs ist und einen Fahrkartenkontrolleur sieht, informiert andere Nutzer. Er gibt Zeitpunkt, Ort und Linie in sein Smartphone ein, zum Teil auch die Anzahl und das Aussehen der Kontrolleure. Völlig neu ist die Idee nicht. Es gibt Facebook-Gruppen, in denen Schwarzfahrer einander warnen. Radiosender warnen seit langem über den Verkehrsfunk vor Blitzern und Polizeikontrollen. Das aber scheint die Menschen weniger zu provozieren als "Fare Bandits". Die App berechnet anhand der zurückgelegten Strecke den Betrag, um die man die Verkehrsbetriebe gebracht hat und krönt den erfolgreichsten Ticketbanditen.

"Unsere App ist ein Hieb gegen das System"

"Wir haben das Schwarzfahren nicht erfunden. Und wir gefährden auch niemanden", sagt der 27-Jährige. Auch er kauft sich für die drei Tram-Stationen von zu Hause zur Arbeit keine Fahrkarte. Er könnte es sich leisten, er arbeitet in einer internationalen Firma im schicksten Viertel Prags. Aber 24 Kronen (ca. ein Euro) für die Strecke, das sehe er einfach nicht ein. Es ist kein Geiz, eher Trotz. "Wir sind hier umgeben von korrupten Politikern. Da ist unsere App einfach ein Hieb gegen das System", entgegnet er den Kritikern, die ihm eine Umsonstmentalität vorwerfen. Aber Pechousek ist kein Robin Hood, der Bedürftigen helfen wollte, das Ticket zu sparen. Eher Freibeuter in eigener Sache. Der Nahverkehr solle komplett aus Steuergeldern finanziert werden, findet er. Das estnische Tallinn mache es vor.

Der Entwickler stammt aus der südböhmischen Provinz, nahe der bayerischen Grenze. Nach dem IT-Studium in Ceské Budejovice bekam er eine gut bezahlte Anstellung. Das reicht ihm nicht. Pechousek will sein eigenes Ding machen, vielleicht eine Firma gründen. "Mit 'Fare Bandit' wollte ich etwas Einzigartiges für mein Portfolio entwickeln", sagt er. Dafür braucht es im App-Bereich nur eine Idee und etwas Zeit. Vergangenen November entwickelte er die Rohversion, in zehn Stunden war sie fertig. Pechousek zahlte 25 Dollar und stellte sie kostenlos in den Android-Store. Daraufhin meldete sich Ondřej. Tolle App, ob er mitmachen dürfe, sie zu verbessern. Sie bildeten ein Team, Ondřej kümmerte sich um das grafische Design, Petr um die Funktionen. 50 bis 60 weitere Arbeitsstunden fraß die zweite Phase, schätzt Pechousek.

"Das wäre wohl gesetzwidrig"

Die Arbeit hat sich gelohnt. Ende Februar gewann "Fare Bandit" den Entwicklerpreis "App Parade", danach stieg die Nutzerzahl rasant, und der Erfolg von der Schwarzfahrer-App ging durch die Medien. Pechousek bekam viele Jobangebote, aber er muss noch eine Weile bei seinem jetzigen Arbeitgeber bleiben. Und er bastelt weiter an "Fare Bandit". Ständig werden neue Städte erfasst.

"Wann kommt endlich die iPhone-Version?", fragen Leute auf der Facebook-Seite. "Bald", antwortet Pechousek müde. "Wann machst du eine Funktion, mit der man SMS-Tickets teilen kann?" Er schüttelt den Kopf. "Das wäre wohl gesetzwidrig." Pechousek hat andere Baustellen. Er zeigt eine Google-Karte, darauf ploppen die gemeldeten Kontrolleure auf. Das wird die neue Funktion. Dann muss man sich nicht mehr in der Stadt auskennen, um die gemeldeten Standorte nachvollziehen zu können.

Und er muss die Hater loswerden. Das Spam-Risiko ist deswegen so hoch, weil sich niemand registrieren muss, um zu posten. Das soll auch so bleiben. Pechousek hat schon eine Lösung für das Problem: "Die Community soll den Shit beseitigen." Gute und aufmerksame "Fare Bandit"-User bekommen Administratorenrechte und sollen die Störenfriede aus der Schwarzfahrer-Community fernhalten. Unter die haben sich längst auch Fahrkartenkontrolleure der Prager Verkehrsbetriebe geschmuggelt.

Pechousek hat nichts dagegen - solange sie keine Falschmeldungen posten. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, das gerade erst begonnen hat.

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