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12. Februar 2018, 17:10 Uhr

Proteste nach Snapchat-Update

"Ich fand etwas Entsetzliches vor"

Die Snapchat-Nutzer umweht ein Hauch der Coolness. Nach einem Umbau zeigt sich: Auch die hippen App-Fans hängen an Altbewährtem. Für unsere Redakteurin Angela Gruber hat diese Erkenntnis etwas Versöhnliches.

Facebook? Pffft. Da sind ja nur noch die Alten. Die Jugend ist längst weitergezogen und hat es sich bei Snapchat gemütlich gemacht, konnte man im vergangenen Jahr oft lesen.

Viele Ältere, die Snapchat auch mal ausprobieren wollten, verstanden die App nicht, wischten auf der Suche nach dem Gesichtsfilter mit dem Regenbogen, der aus dem Mund sprießt, hilflos von links nach rechts.

Doch wäre die unverständliche Benutzerführung bei anderen Apps ein Minuspunkt gewesen, trug sie im Fall von Snapchat sogar noch zum Coolnessfaktor bei. Die wenig intuitive Bedienung wurde als Schutzmechanismus vor weniger hippen, älteren Nutzern interpretiert. Durch diese Interpretation erhöhte sich aus Sicht der Außenstehenden der Nimbus der Snapchat-Coolness nochmals um den Faktor zehn.

"Entfernt das neue Snapchat-Update"

Nun nimmt die Geschichte aber eine interessante Wendung: Stießen Updates der App in der Vergangenheit meist auf breite Zustimmung der überwiegend jungen Nutzerschaft, treibt der jüngste Umbau die jungen Snapchatter auf die Barrikaden.

Etliche Nutzer taten auf Snapchat und - vielleicht, um die erwachsene Außenwelt zu erreichen - auch auf anderen Netzwerken wie Twitter und Facebook ihren Unmut kund. Sie fordern, dass Snapchat die Änderungen zurücknimmt. Sie wollen zurück zu den guten, alten Snapchat-Zeiten. "Entfernt das neue Snapchat-Update", heißt es in einer Onlinepetition mit mehr als einer halben Million Unterzeichnern.

"Als ich heute Morgen aufgewacht bin, um wie gewohnt mein Snapchat zu checken, fand ich etwas Entsetzliches vor", heißt es in einer Beschwerde-E-Mail, welche die Nutzerin auch auf Twitter teilte. "Bitte repariert dieses Desaster."

Coolness allein macht kein Geld

Die neue Version der App wird laut Snapchat-Gründer Evan Spiegel von mittlerweile rund 40 Millionen Nutzern weltweit verwendet, zum Beispiel in Nordamerika und Großbritannien. Die Änderungen sollen Snapchat wohl helfen, endlich Geld zu verdienen - auch, indem der Dienst dank einer einfacheren Benutzerführung mehr ältere Nutzer gewinnen soll.

Die Änderungen sehen laut Spiegel einen personalisierten Freunde-Feed vor, der nun komplett von der Discover-Funktion getrennt ist. Die nutzen professionelle Anbieter, um Inhalte zu präsentieren. In Deutschland ist SPIEGEL ONLINE ein Discover-Partner von Snapchat.

"Es dauert womöglich eine Weile, bis die Freunde-Seite gelernt hat, wie sie deine Freunde am besten anzeigt, aber die Ergebnisse werden es wert sein", versprach Snapchat in der Ankündigung. Das Schreiben liest sich heute so, als hätte der Konzern die Proteste seiner jungen Nutzerschaft gegen die Alten-freundliche Version schon aufziehen sehen.

Eine versöhnliche Erkenntnis

Statt nun aber einen Kampf der Generationen - alteingesessene Junge gegen alte App-Newcomer - auf Snapchat zu beschwören, sollte man vielmehr die versöhnliche Botschaft der Proteste erkennen.

Schließlich zeigen sie ungeahnte Parallelen zwischen den so oft beschriebenen Digital Natives, die laut Definition quasi mit dem Smartphone in der Hand auf die Welt gekommen sind, und denen, die sich das Verständnis fürs Digitale erst mühsam aneignen mussten. Beide Gruppen hängen an Altbewährtem und haben Probleme, sich an Neues zu gewöhnen. Das zeigt im Kern: Das Digitale zu verstehen und sich darauf einzulassen, ist eine Kulturleistung, die nur mittelbar etwas mit dem Alter zu tun hat.

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