Neue App für Stalking-Betroffene "Du wirst mich nicht los"

Stalking wird manchmal romantisiert. Dabei leiden schätzungsweise Hunderttausende an Nachstellungen - offline und online. Eine neue App soll Betroffenen helfen, sich zur Wehr zu setzen.

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Sie hinterlassen Blumen, bombardieren einen mit Nachrichten auf Facebook und WhatsApp oder schicken unerwünschte Pakete von Amazon: Stalker machen sich immer wieder bemerkbar. Sie werben um ihre Opfer, belästigen und bedrohen sie.

"Manche stecken jeden Tag eine Rose an die Autoscheibe, was vom Umfeld erstmal als romantische Geste aufgenommen wird, aber für die Betroffenen psychisch belastend ist", sagt Riccarda Theis von der Opferhilfeorganisation Weißer Ring dem SPIEGEL. "Sie streuen perfide auf vielen Kanälen kleine Hinweise. Die Botschaft ist: Ich bin noch da, und du wirst mich nicht los."

Theis spricht am heutigen Montag auf der Digitalkonferenz re:publica über Cyber-Stalking. Es wird darum gehen, wie Smartphones und soziale Netzwerke für Stalker Hilfsmittel sein können, mit denen sie ihre Opfer noch besser im Blick behalten, irritieren und mit Nachrichten traktieren können. "Es ist heute immer eine Kombination aus digitalem und Offline-Stalking", erklärt Theis.

Das Opfer 24/7 im Visier

Täter setzen oft mehrere Methoden gleichzeitig ein - von Anrufen, Mails oder Textnachrichten bis hin zur Beschädigung von Eigentum oder körperlichen Gewalthandlungen. In manchen Fällen, die der Weiße Ring betreute, wurden sogar Überwachungskameras in Wohnungen gefunden. Sogenannte Spy-Software ermöglicht mitunter den direkten Zugriff auf Smartphones.

Theis sagt: "Die digitale Welt erweitert die Angriffsfläche für Belästigungen und Nachstellungen. Der Stalker steht jetzt nicht mehr nur morgens und abends vor der Haustür, sondern er hat das Opfer 24/7 im Visier."

Betroffene folgen oft dem Impuls, ungewollte Nachrichten sofort zu löschen - dabei sollten sie die Botschaften als Beweismaterial sammeln. Der Weiße Ring hat daher jetzt die App "No Stalk" gelauncht, mit der sich Belästigungen digital dokumentieren lassen. Bei ihrem Vortrag auf der Netzkonferenz stellt Theis die neue App vor.

Digitales Tagebuch

"Die Betroffenen sind in der Nachweispflicht, wenn sie Stalking anzeigen möchten", sagt Theis. Bisher hätten die Berater des Weißen Rings empfohlen, ein Tagebuch zu führen. "Ein Tagebuch schreibt man aber zeitversetzt, so dass die Erinnerungen nicht mehr so frisch sind und dadurch auch verzerrt wirken. Die App sichert die Beweise, in der Sekunde, in der ich das erlebe."

Mit "No Stalk" lassen sich Fotos, Videos und Töne aufnehmen, dazu können auch WhatsApp- oder SMS-Nachrichten direkt in die App geladen werden. Ein Hilfe-Button ermöglicht es Nutzern, den Polizei-Notruf oder das Opfertelefon des Weißen Rings zu kontaktieren oder eine Info-SMS an eine hinterlegte Telefonnummer zu schicken.

Die Beweise werden nicht auf dem Smartphone gespeichert, sondern laut den App-Machern direkt auf in Deutschland stehende Server überspielt, auf denen die Daten verschlüsselt gespeichert werden. "Selbst wenn der Täter das Handy in dem Moment greift und zerstört, sind die Beweise trotzdem gesichert", sagt Theis.

Der Weiße Ring hat sich bei der Entwicklung mit den Strafverfolgungsbehörden abgestimmt, so dass sich die per App dokumentierten Beweise für eine Anzeige verwerten lassen. Nutzer können zur Polizei gehen, sich dort auf einer Website einloggen und die Dokumentation herunterladen.

Stalking-Popsongs und Sex-Phantasien

Vor allem Frauen sind von Stalking betroffen. "Die Polizei geht davon aus, dass 80 Prozent der Opfer weiblich und 80 Prozent der Täter männlich sind", so Theis. Auch zu den Beratungen des Weißen Rings kommen mehrheitlich Frauen. Etwa 700 Betroffene werden jährlich vom Weißen Ring finanziell unterstützt, wenn sie ihre Telefonnummer oder die Wohnung wechseln oder eine Namensänderung beantragen. Wie viele Betroffene insgesamt zu Beratungen kommen, wird nicht erfasst.

Der Polizeilichen Kriminalstatistik zufolge wurden im vergangenen Jahr 18.960 Fälle von Nachstellung (Stalking) angezeigt, im Jahr zuvor wurden 18.483 Fälle registriert. "Wir gehen davon aus, dass die Dunkelziffer weit höher liegt - bei 600.000", sagt Theis. "Experten schätzen, dass nur drei Prozent der Stalkingfälle angezeigt werden. Die anderen sind damit allein gelassen."

"Stalking ist nicht romantisch"

Zu Anzeigen kommt es deswegen nur selten und oft spät, da Betroffene das Verhalten lange entschuldigen - bis es zum Alltag geworden ist. "Beim Stalking gab es davor häufig eine Beziehung, es sind also noch Gefühle für einen Partner im Spiel", sagt Theis. Auch Bekannte würden das Verhalten des Stalkers mitunter normalisieren, indem sie es als Liebeskummer deuten oder dem Betroffenen raten, es noch einmal mit der Beziehung zu versuchen.

"In unserer Gesellschaft hat Stalking noch einen romantischen Anstrich", beobachtet Theis. "Aber Stalking ist nicht romantisch, es ist eine Straftat." Sie glaubt, dass sich das gesellschaftliche Bewusstsein ändern muss - und die Art, wie Kultur und Medien das Phänomen thematisieren.

"Auch im Nummer-Eins-Hit 'Hello' von Adele geht es um Stalking - und keiner merkt es", sagt Theis. In dem Lied singt die Sängerin davon, wie sie versucht habe, ihr Gegenüber "Tausende Male" anzurufen. Noch extremer: Im Musikvideo "Animal" der Band Maroon 5 verfolgt ein Stalker eine Frau, dringt in ihre Wohnung ein und imaginiert blutige Sex-Fantasien ("Baby, ich erbeute dich heute Nacht, jage dich, verschlinge dich bei lebendigem Leib").

Auch Serien und Filme konzentrieren sich oft auf den Täter, wie die Netflix-Serie "You - Du wirst mich lieben" oder "Stalker" (Sat.1). "Solange in Serien und Filmen eine spannende Hetzjagd daraus gemacht wird und der Befreiungsschlag des Opfers darin mündet, dass das Opfer den Täter umbringen muss, suggeriert das, dass es keine andere Lösung gibt", kritisiert Theis.

Sich vom Täter abgrenzen

Was also tun, wenn man einen Stalker hat? "Der erste Schritt ist, sich einzugestehen, dass man Opfer von Stalking geworden ist und sich dafür nicht schämen muss", sagt Riccarda Theis. "Man hat ein Recht darauf, Nein zu sagen und muss auch dem Täter mitteilen, dass man das nicht möchte."

Auch Öffentlichkeit kann schützen: Täter versuchen, das Opfer zu isolieren - sie belästigen es zwar ständig, aber so, dass oft niemand etwas davon mitbekommt. Theis rät, sein Umfeld zu informieren, was vor sich geht - und auch zur Polizei zu gehen.

"Man muss nicht zwingend den langen Weg des Strafverfahrens gehen", sagt Theis, "aber wenn man Beweise vorlegt und zum Beispiel eine Gefährderansprache erwirkt, hört Stalking in den meisten Fällen auf." Bei Gefährderansprachen suchen Polizisten den Stalker auf und signalisieren ihm, dass polizeiliches Interesse an seiner Person besteht, die Situation registriert ist und die Lage ernst genommen wird. Mit dem Gewaltschutzgesetz können unter Umständen auch Kontaktverbote durchgesetzt werden.

In Deutschland ist Stalking erst seit 2007 ein eigener Straftatbestand, der mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden kann. Vor zwei Jahren wurde das Recht nochmals angepasst: "Bis 2017 musste das Opfer nachweisen, dass das Stalking sein Leben verändert, in der Form, dass ein Jobwechsel notwendig war oder ein Umzug", sagt Theis. "Heute ist es ausreichend, wenn das Opfer nachweist, dass die Taten geeignet sind, das Leben zu beeinträchtigen - und hier setzt ja auch die App an."



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