Bericht einer Süchtigen Instagram, der Seelenverpester

Sie war süchtig nach Instagram, schreibt eine Journalistin in ihrem Buch "Unfollow" - und trifft mit ihrer Kritik an der Plattform einen Nerv. Das Image der einstigen Kuschelwiese leidet zunehmend.
Autorin Nena Schink, laut Selbstdarstellung zeitweise in der Instagram-Scheinwelt versunken: Von einer solchen Selbstinszenierung hat sie genug

Autorin Nena Schink, laut Selbstdarstellung zeitweise in der Instagram-Scheinwelt versunken: Von einer solchen Selbstinszenierung hat sie genug

Foto: Eden Books

Im September 2017 habe es begonnen, schreibt Nena Schink. Als Recherche-Auftrag von "Orange", dem jungen Portal des "Handelsblatts", habe sie versucht, zur Instagram-Influencerin zu werden - und sei sie von der App kaum noch losgekommen. Hat ihren Partner, Freunde und Familie sogar und besonders im Urlaub mit der Jagd nach neuen, möglichst Insta-tauglichen Motiven genervt. Hat sich selbst unter Druck gesetzt, mit dem Blick auf die professionellen Lebensinszenierungen anderer.

"Ich habe noch niemanden getroffen, den es wirklich glücklich gemacht hat, minutenlang durch seinen Instagram-Feed zu scrollen oder sich die Storys der anderen anzuschauen", bilanziert Schink jetzt, im Buch "Unfollow: Wie Instagram unser Leben zerstört", das sich vor allem an Mädchen und junge Frauen richtet.

Instagram-Account von Nena Schink: Mittlerweile auf privat gestellt

Instagram-Account von Nena Schink: Mittlerweile auf privat gestellt

Foto: Moritz Thau

Medial fand es bereits einigen Widerhall, bei Amazon führt es am Donnerstag die Verkaufsrangliste im Bereich "Gesundheit" an, vor Titeln wie "Der totale Rausch: Drogen im Dritten Reich". Vorn liegt es auch in der Kategorie "IT-Ausbildung & IT-Berufe". Das passt, geht es bei Instagram doch oft auch um den Traum von einem besseren Leben oder vom großen Geld.

Bis zu 100.000 Euro pro Post

Ein Beispiel: Während Nena Schink auf 240 Seiten vor Instagrams Sogwirkung warnt, bekommen Fans des Influencers Simon Desue dieser Tage E-Mails ins Postfach, die zur kostenpflichtigen Teilnahme an dessen neuer "Instagram University" auffordern. Desue, ein Poser mit 2,1 Millionen Instagram-Abonnenten, bekannt vor allem durch YouTube, will dort erklären, wie Instagram "auch dein Leben verändern" kann und "wie du kostenlos in Hotels übernachten, in Restaurants essen und Sportwagen fahren kannst".

Ums reich werden gehe es ihm mit der "University" nicht, legt Desue nahe, er verdiene ja bis zu 100.000 Euro - pro Posting. Mit seiner Traumfrau lebe er in einer "riesengroßen Villa". Mancher Link in seinen E-Mails führt direkt zu einem Bezahlformular, samt runtertickendem 15-Minuten-Countdown.

Nena Schink hat viele Webstars kennengelernt. Auch diese Begegnungen sind Teil des Buchs. Influencern sei es über Instagram "erfolgreich gelungen, ihre eigene Relevanz zu suggerieren - ohne ein besonderes Talent zu haben", konstatiert Schink. Das "komplette berufliche Dasein" der Influencer basiere "auf der offensiven Inszenierung ihres Privatlebens".

Schink im Schnee: In ihrem Buch fragt sie, ob wirklich jeder schöne Moment für die Online-Öffentlichkeit dokumentiert werden muss

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Foto: Eden Books

Sehenden Auges ins Verderben

Dass Schink bewusst ist und war, wo Schein und Sein aneinandergrenzen, überhöht ihren Fall: Selbst sie konnte sich offenbar nicht diesem Reiz entziehen, über Instagram die Aufmerksamkeit Fremder zu gewinnen und digital Bestätigung zu bekommen. Sie eiferte Idolen nach, von denen sie wusste, dass deren Onlineprofile Fassaden sind - und oft einfach ein Weg, Geld zu verdienen.

Hinzu kam der Zeitaufwand für Instagram. Bis zu zwei Stunden täglich. Fünf komplette Jahre Lebenszeitverschwendung hätten es eines Tages sein können, hätte sie so weitergemacht, schätzt Schink . Eine schockierende Hochrechnung, die aber ausblendet, dass Apps nicht ewig denselben Reiz auslösen. Ob Facebook oder "Pokémon Go", jeder Trend hat seinen Peak.

Schink hat ihre Nutzung mittlerweile zurückgefahren, ihr Profil auf privat geschaltet. 30 Minuten pro Tag nutze sie Instagram noch, schreibt sie, ein Timer in der App signalisiere, wann es genug ist.

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Schink, Nena

UNFOLLOW!: Wie Instagram unser Leben zerstört (SPIEGEL-Bestseller)

Verlag: Eden Books - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Seitenzahl: 240
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Im Buch berichtet sie einmal über ein Wochenende ohne Handy, nennt sich "Süchtige auf Entzug". An anderer Stelle heißt es: "Ich vergleiche meine Instagram-Aktivitäten gern mit meiner Vorliebe für Zigaretten. Die eine Angewohnheit schadet meiner Seele. Die andere meinem Körper."

Obwohl der Vergleich einer stoffgebundenen mit einer Verhaltenssucht hinkt und es sicher Hunderte Millionen Menschen gibt, deren Instagram-Nutzung unproblematisch ist: Was Schink, geboren 1992, in ihrem Buch anspricht, ist ein verbreitetes Gefühl. Das Gefühl, dass zu viel Zeit auf Instagram langfristig der Psyche schaden könnte, obwohl die Plattform - anders als etwa das dauerpolitische Twitter - zunächst wie eine Heile-Welt-Plattform wirkt, wie eine virtuelle Kuschelwiese.

Autorin Schink: "Dein Leben muss nicht perfekt sein, sondern echt", rät sie

Autorin Schink: "Dein Leben muss nicht perfekt sein, sondern echt", rät sie

Foto: Moritz Thau

Zeitlimits als Ausweg

Denn nicht nur Schink hadert mit der App. Wenn Instagram sie deprimiere, gehe das auch anderen Nutzern so, schrieb kürzlich etwa Dayna Tortorica in einem Essay für das Magazin "n+1" . Tortorica, Jahrgang 1989, nutzt Instagram ebenfalls nur noch mit aktiviertem Timer: Sie gebe der App maximal eine Stunde "für die zeitweilige Freude", die sie bringe. Auch ihr Profil ist auf privat gestellt.

Kritik am Kosmos Instagram keimt schon seit Jahren auf. Oft geht es dabei um die längst durchkommerzialisierte Hochglanzwelt der App, in der private Postings wie Anzeigen aussehen und in der die Schattenseiten des Lebens kaum einen Platz haben. Ebenso geht es um den Wettbewerb um Aufmerksamkeit, der mittlerweile sogar die Betreiber der App testen lässt, ob nicht ein Ausblenden der Herzchen-Anzeige gut fürs Wohlbefinden der Nutzer wäre.

Und dann bleibt noch die Frage, die vor allem Schink wichtig scheint, wie Instagram nicht nur einem selbst, sondern auch seinen Mitmenschen die Freude am Offline-Leben nimmt, wenn man besondere Momente lieber im Bild festhält, statt sie bewusst zu erleben. Oder wenn man sie sogar nur fürs Web inszeniert. Das "unser Leben zerstört" im Buchtitel ergibt insoweit sogar Sinn.

"Dein Leben ist reich an Magie"

Schinks Lösungsansätze sind eher banal: Weniger Zeit in Instagram stecken, weniger hochladen, sich selbst hinterfragen, nur Leuten folgen, deren Profile keine Negativgefühle wecken. Nicht mehr jedes Mittagessen, jeden Kaffeebecher und immer wieder sich selbst fotografieren - dafür aber die Offline-Momente genießen.

"Dein Leben ist reich an Magie", schreibt Schink, und hier macht sie den Leserinnen selbst Perfomance-Druck: "Gerade in jungen Jahren solltest du nach der großen Liebe Ausschau halten, echte Freundinnen gewinnen und Erinnerungen schaffen, die so schön sind, dass sie dich mit allem anderen versöhnen."

Was nicht erwogen wird, ist dagegen eine Revolution von innen, etwa in Form eines Aufrufs Bilder jenseits der bisherigen Konventionen  zu posten und Instagram langfristig vielleicht doch noch zu jener Plattform zu machen, die man sich wünschen würde. Zu einem Ort, den man sich wieder zu besuchen traut, ohne dass dabei ein Timer laufen muss.