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Max Hoppenstedt

Werbung im Messenger Bei Telegram soll jetzt der Rubel rollen

Max Hoppenstedt
Ein Netzwelt-Newsletter von Max Hoppenstedt

Liebe Leserin, lieber Leser,

Telegram galt lange als Underdog im Markt der Kommunikationsdienste. Doch aus dem in Russland entwickelten Start-up ist längst selbst ein Gigant geworden. Über die schnell wachsende Messenger-App kommunizieren laut Telegram mehr als 500 Millionen Menschen, damit liegt die App in Sachen Userzahlen auf Platz vier der Messenger weltweit. Gleichzeitig ist Telegram mehr als nur eine Chat-App und ähnelt mit ihren öffentlichen Kanälen und Gruppen auch einem sozialen Netzwerk.

Doch anders als die Konkurrenz auf dem Social-Media-Markt war Telegram lange Zeit vollkommen werbefrei. Während Facebook mit gezielten Anzeigen jährlich viele Millionen Dollar einnahm, finanzierte sich Telegram bisher aus dem Vermögen seines Gründers Pawel Durow. Lange hatte der seine Plattform als werbefreie Alternative zu Diensten wie Facebook oder WhatsApp beworben. (Lesen Sie hier mehr über den Milliardär hinter der Messenger-App.)

Seit Kurzem gibt es nun aber auch in den öffentlichen Kanälen von Telegram Werbeanzeigen: »Alle Informationen, die Einsteiger brauchen«, heißt es beispielsweise am Sonntag in einem russischsprachigen Werbebeitrag für einen Telegram-Kanal zu Blockchain und Kryptowährungen. Darunter in grauer Schrift der Hinweis: »Sponsored«. Russische Nutzerinnen und Nutzer berichten seit Sonntag von solchen Anzeigen, ob es bereits auch englischsprachige oder deutsche Anzeigen auf Telegram gibt, blieb zunächst unklar. Telegram ließ eine entsprechende Anfrage unbeantwortet.

Ende Oktober hatte Telegram-Gründer Pawel Durow eine eigene Werbeplattform angekündigt, über die Unternehmen Werbe-Postings buchen können. Die Anzeigen sollen nicht in privaten Chats oder in Gruppen, sondern lediglich in öffentlichen Kanälen mit mehr als tausend Mitgliedern ausgespielt werden. Außerdem sind sie auf 160 Zeichen begrenzt, Bilder und Videos sind als Werbe-Postings gar nicht möglich.

Shampoowerbung neben Verschwörungstheorien?

Telegram-Chef Pawel Durow bei einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte im August 2017

Telegram-Chef Pawel Durow bei einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte im August 2017

Foto: Tatan Syuflana/ AP

Durow versprach außerdem, dass »keinerlei persönliche Daten genutzt werden, um die Werbungen anzuzeigen.« Welche Anzeigen wem ausgespielt werden, würde nur von den Themen der Kanäle abhängen, in denen die Werbung angezeigt wird. »Die Privatsphäre der Nutzer ist für Telegram von größter Bedeutung«, so Durow.

Ein klarer Seitenhieb in Richtung Facebook, dessen Anzeigengeschäft auch deshalb so gut funktioniert, weil es den Unternehmen datengetrieben eine mutmaßlich besonders lukrative Zielgruppe serviert. Ob Telegram mit seinem Modell genug Werbekunden gewinnen kann, wird sich indes noch zeigen.

Telegram ist der breiten Öffentlichkeit in Deutschland vor allem als jene Plattform bekannt, auf der Verschwörungsideologen wie Attila Hildmann weitgehend ungehindert ihre Inhalte verbreiten können. Die Vorstellung, dass in Hildmanns öffentlichem Kanal neben seinem Gerede über die BRD-GmbH oder die Coronaimpfung als jüdische Weltverschwörung nun plötzlich offizielle Anzeigen für – sagen wir – Shampoo oder die neuesten Trends der Inneneinrichtung stehen, finde zumindest ich einigermaßen befremdlich.

Wer gar keine Werbung will, muss zahlen

Werbekunden sollen die Möglichkeit haben, spezielle Kanäle und Themen auf Wunsch auszuschließen. Außerdem veröffentlichte Telegram eine erstaunlich detaillierte Auflistung, welche Art von Anzeigen nicht erlaubt sein sollen. So dürfen keine Waffen beworben werden, aber auch keine medizinischen Produkte, keine Spam-Programme oder potenziell schädlichen Computer-Tools, gefälschte Dokumente sind ebenfalls nicht erlaubt. Überraschend weitreichende Einschränkungen angesichts der Tatsache, dass Telegram Inhalte ansonsten nur sehr zurückhaltend moderiert und über Kanäle in der App beispielsweise gefälschte Impfzertifikate angeboten und verkauft wurden.

Am Samstag kündete Pawel Durow seinen mehr als 600.000 Abonnenten auf Telegram ein weiteres neues Feature für diesen Monat an: Wer auch in öffentlichen Kanälen weiterhin ein absolut werbefreies Telegram möchte, der könne dafür bezahlen. In Form eines »günstigen Abonnements« könnten Nutzerinnen und Nutzer die Entwicklung von Telegram direkt unterstützen und gleichzeitig Anzeigen in Kanälen deaktivieren. Wie viel das kosten soll, sagte Durow zunächst nicht. Er denke außerdem darüber nach, ob auch Kanalbetreiber für ihren eigenen Kanal bestimmte Anzeigen gegen eine Zahlung ausschalten können sollten.

Durows Ankündigungen dürften auch in Bonn auf Interesse stoßen. Dort sitzt das Bundesamt für Justiz, welches Telegram inzwischen mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz zu einem stärkeren Vorgehen gegen strafbare Inhalte bewegen will. Als die Behörde ihr Vorgehen gegen Telegram im Sommer öffentlich machte, lautete eine der Begründungen in bestem Behördendeutsch: »Gewinnerzielungsabsicht des Anbieters«.

Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

  • »Wie ich zum gefragten Impfzertifikatsfälscher wurde«  (zwei Leseminuten)
    Hanno Böck ist IT-Sicherheitsforscher und Journalist. Für »Golem.de« hat er aufgeschrieben, warum ihn seit Monaten wildfremde Menschen per E-Mail bitten, ihnen ein digitales Impfzertifikat zu fälschen.

  • »A Drone Tried to Disrupt the Power Grid. It Won’t Be the Last«  (fünf Leseminuten, Englisch): Im Sommer versuchte offenbar ein Drohnenpilot eine Einrichtung des US-Stromnetzes anzugreifen, mutmaßlich um die Versorgung lahmzulegen. Wer hinter dem Angriff steckt, ist bis heute nicht bekannt, berichtet das US-Magazin »Wired«, das den Fall rekonstruiert hat.

  • »What’s Harder to Find Than Microchips? The Equipment That Makes Them«  (acht Leseminuten, Englisch): Der Mangel an Mikrochips hält die Weltwirtschaft weiter in Atem. Das »Wall Street Journal« hat einen Unternehmer getroffen, der veraltete Maschinen sammelt und verkauft, mit denen sich Chips herstellen lassen – und der die Folgen der Krise ebenfalls längst spürt.

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche, bleiben Sie gesund.

Max Hoppenstedt

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