Kettenbrief im Messenger Hat WhatsApp wirklich über Nacht seine Gruppeneinstellungen verändert?

Das Misstrauen einiger Nutzerinnen und Nutzer gegenüber WhatsApp scheint groß zu sein. Gerade kursiert ein Kettenbrief, der vor einer heimlichen Umstellung im Messenger warnt. Was ist dran?
WhatsApp: Der Ruf des Messengers hat gelitten

WhatsApp: Der Ruf des Messengers hat gelitten

Foto: Yui Mok / PA Wire / dpa

Für WhatsApp und einen Teil seiner vielen Millionen Nutzerinnen und Nutzer allein in Deutschland sind es zermürbende Wochen: Der zu Facebook gehörende Messenger will allen Chatwilligen, die jene Entscheidung teils seit Monaten aussitzen, nach wie vor die Zustimmung zu neuen Nutzungsbedingungen abringen, unter anderem mit nervigen Pop-ups.

Bei jener Zustimmung, für die vergangenen Samstag eine Deadline mehr oder weniger folgenlos verstrich, handelt es sich laut WhatsApp lediglich um eine Formalie: Bei Themen wie dem Datenschutz werde es keine nennenswerten Änderungen geben, heißt es von der Facebook-Tochter. Im Mittelpunkt stehe vielmehr die Einführung einer neuen Funktion, die es auf Wunsch möglich macht, mit Unternehmen zu chatten. Anderslautenden Gerüchten zum Trotz würden fortan auch nicht mehr Daten als zuvor an Facebook weitergegeben , so WhatsApp.

Bei vielen Nutzerinnen und Nutzern weckte die bereits im Januar angekündigte Regelanpassung trotzdem Skepsis, genau wie bei der Hamburger Datenschutzbehörde. Sie hat vergangene Woche eine Anordnung erlassen, die es Facebook gewissermaßen präventiv verbietet, personenbezogene Daten der Chat-App zu »eigenen Zwecken« wie der Optimierung von Anzeigen zu verarbeiten. Der Streit über die neuen Bedingungen wurde so erneut befeuert, WhatsApp sprach in einer Stellungnahme sogleich von »falschen Behauptungen« der Behörde.

Ein Kettenbrief, der in die Zeit passt

Wie sehr all dieser Rummel WhatsApp als beliebtester Chat-App der Deutschen langfristig wirklich schadet, ist unklar. Klar ist aber: Alternative Apps wie Signal  gewinnen neue Nutzerinnen und Nutzer hinzu und das liegt auch daran, dass WhatsApp sich mit schlechter Kommunikation und bereits seit Jahren unübersichtlichen und schwer verständlichen Richtlinien, etwa zur Weitergabe von Daten an Facebook , angreifbar gemacht hat.

Manche Menschen trauen WhatsApp längst allerlei krude Manöver zu, das zeigt ein Kettenbrief, der derzeit in der Chat-App kursiert.

»Falls es noch nicht bekannt ist: WhatsApp hat letzte Nacht seine Einstellungen upgedated ohne die Nutzer zu informieren!«, heißt es darin. »Es hat seine Gruppeneinstellungen verändert und hat dich zu ›jeder‹ hinzugefügt. Das bedeutet, dass jeder WhatsApp Nutzer – auch wenn du ihn nicht kennst – dich ohne dein Wissen und ohne deine Zustimmung zu jeder beliebigen Gruppe hinzufügen kann. Das bedeutet deine Inhalte können angegriffen oder zugespamt werden.«

Das steht im aktuell kursierenden Kettenbrief

Das steht im aktuell kursierenden Kettenbrief

Foto: WhatsApp

Nach dieser Warnung wird in der Nachricht erklärt, wie man WhatsApp mittels der App-Einstellungen unter Einstellungen/Account/Datenschutz/Gruppen so konfigurieren kann, dass einen nur Nutzerinnen und Nutzer, die zu den eigenen Kontakten zählen, zu Gruppen hinzufügen können. Jener Weg wird zutreffend beschrieben, die Nachricht weckt so den Impuls: Das hilft ja wirklich – davon sollten auch meine Freunde und Verwandten erfahren.

Es gab keine heimliche Änderung

Jeder, der die vermeintlich rettende Nachricht weiterleitet, trägt jedoch auch aktiv dazu bei, dass Falschinformationen weiterverbreitet werden. Denn WhatsApp hat die Einstellung zum Thema Gruppen nicht verändert, erst recht nicht über Nacht.

Der SPIEGEL hat dies geprüft: Ein Handy mit der vorletzten WhatsApp-Version für Android, die testweise auf die neueste Version geupdatet wurde, hatte danach noch genau dieselbe Einstellung für Gruppeneinladungen wie zuvor (in jenem Fall »Meine Kontakte«).

Das Entsetzen mancher Nutzerinnen und Nutzer, dass sie scheinbar plötzlich »jeder« zu Gruppen hinzufügen kann, dürfte eine banale Erklärung haben: Die Einstellung war auch zuvor schon auf »jeder«. Dies wurde von den Nutzerinnen und Nutzern aber offenbar nicht als störend wahrgenommen, bis ihnen nun jemand zuraunte, WhatsApp hätte heimlich an ihren Einstellungen herumgespielt.

Wenn Sie nun denken »Mir kann so was nicht passieren«, machen Sie an dieser Stelle gern mal den Test, wie gut Sie Ihre WhatsApp-Einstellungen ohne Nachgucken kennen: Kann derzeit beispielsweise »Jeder«, »Meine Kontakte« oder »Niemand« sehen, wann Sie zuletzt online waren? Und wer sieht eigentlich Ihr »Info«-Feld? Auch dort gibt es verschiedene Einstellmöglichkeiten, die künftig vielleicht ein wenig mehr Beachtung verdienen.

Seit 2019 existieren neue Optionen für Gruppeneinladungen

Bei den Gruppeneinladungen ist die Beweislage eindeutig: WhatsApp hat 2019 ein neues Einladungssystem vorgestellt, seitdem ist es überhaupt erst möglich, händisch und damit bewusst einzustellen, dass Fremde einen nicht einfach zu Gruppen hinzufügen können. Die Einstellung »jeder«, die nun als gefährlich beschrieben wird, ist somit für die meisten Nutzerinnen und Nutzer von WhatsApp seit vielen Jahren der Normalfall. Auch wer WhatsApp zum Beispiel erst vor Kurzem neu installiert hat, hat »jeder« als Voreinstellung, bis er oder sie dies ändert.

Ein Sprecher von WhatsApp bestätigt dies auf SPIEGEL-Nachfrage: »WhatsApp hat schon immer allen erlaubt, Ihnen eine Nachricht zu senden oder Sie zu einer Gruppe hinzuzufügen, die Ihre Telefonnummer kennen – genauso wie alle Ihnen eine SMS oder eine E-Mail senden können, die Ihre Kontaktdaten haben. Im Jahr 2019 haben wir neue Möglichkeiten für diejenigen hinzugefügt, die einschränken möchten, wer sie zu Gruppen hinzufügen kann.«

Letztlich ist es also wie so oft bei Kettenbriefen, die allesamt einen gewissen Vertrauensvorschuss genießen, weil man sie meist von Freunden oder Bekannten geschickt bekommt: Sie nutzen geschickt eine Verunsicherung bei den Empfängerinnen und Empfängern aus und geben ihnen das Gefühl eines Wissensvorsprungs – wenngleich sich die geteilten Informationen bei genauer Betrachtung oft als falsch oder irreführend herausstellen.

Kaum jemand hat die Nachricht hinterfragt

Die anonym verfasste Warnung, die nun bei WhatsApp geteilt wird, ist von der Chat-App übrigens mit den Worten »Häufig weitergeleitet« markiert worden: Dies zeigt, dass viele Menschen sie im gleichen Wortlaut weitergeleitet haben. (Bevor sich jemand um die Verschlüsselung der App sorgt: WhatsApp kann solche Weiterleitungen automatisch kenntlich machen , ohne den eigentlichen Inhalt der Nachricht zu kennen.)

Vor dem Weiterschicken scheint aber kaum jemand den Inhalt der Nachricht kritisch hinterfragt zu haben: Denn was zum Beispiel soll es genau heißen, dass jemand die eigenen Inhalte »angreifen« kann, nur weil er jemanden zu einer WhatsApp-Gruppe hinzufügt?

Der Kettenbrief ist so nicht mehr als ein gut getimtes Digitalmärchen, mit lediglich einem positiven Effekt: Einige Nutzerinnen und Nutzer von WhatsApp haben durch ihn wohl zum ersten Mal erfahren, wo im Menü sie die Einstellungen zum Thema Gruppen finden.