Ende der beliebten To-do-App Wunderlist Hat sich erledigt

Selten war eine deutsche App so erfolgreich und so hübsch wie Wunderlist. Dann wurde sie von Microsoft gekauft. Jetzt läuft ihre Zeit ab. Eine Grabrede von einem, der sie nutzte und liebte.
Wunderlist, wie einst im Mai, mit den eleganten Holzpaneelen

Wunderlist, wie einst im Mai, mit den eleganten Holzpaneelen

Foto: 6 Wunderkinder GmbH

Liebe Trauergemeinde,

wir sind heute hier zusammengekommen, um von einem langjährigen, treuen Begleiter Abschied zu nehmen: Wunderlist, der Helfer, dem wir jederzeit anvertrauen konnten, welche Aufgaben wir noch nicht geschafft hatten.

Er kannte unseren Alltag, wusste, welches Familienmitglied den Harzer Roller auf die gemeinsame Einkaufsliste gesetzt hatte. Zuverlässig erinnerte er uns an Pflichten und Unbewältigtes. Selbst wenn Aufgaben bereits seit Jahren ihrer Erledigung harrten, enthielt sich Wunderlist jeden Vorwurfs: kein schnippischer Kommentar, nicht einmal eine hochgezogene Augenbraue. Wunderlist verwahrte für uns jeden Auftrag, stellte sicher, dass wir ihn auf jedem unserer Geräte wiederfanden. Ganz gleich, wie viele es waren, ganz gleich wie lange.

Schön und gut, könnte man einwenden, das ist doch die Aufgabe von To-do-Listen-Apps, und davon gibt es viele: OmniFocus, Things, Done, Clear, Trello, Remember the Milk - es ist schwer möglich, eine komplette Liste von Listen-Apps zu erstellen.

Ich habe wirklich zahlreiche dieser Programme kennengelernt in meinem Arbeitsleben. Viele waren beeindruckend, etwa weil sie am Standort erkannten, welche Erinnerung nun passend sein könnte. Manche waren zu teuer, manche sehr kompliziert - und manche zu schlicht. Es ist ja immer eine Frage der persönlichen Vorlieben: Natürlich kann man mit Asana To-do-Listen erstellen, doch zwischen all den Businessfunktionen zum Projektmanagement, die das Programm sonst noch bietet, kam ich mir darin ein bisschen verloren vor.

Für mich war das Besondere an Wunderlist, dass seine Schöpfer, das Start-up 6Wunderkinder aus Berlin, das richtige Maß gefunden hatten: Erstaunlich viele Fähigkeiten hat Wunderlist - auch hier kann man Listen teilen, Freunden oder Kollegen Aufgaben zuweisen, Dateien anhängen. Aber es sind nicht so viele Fähigkeiten, dass der persönliche Umgang mit diesem digitalen Assistenten kompliziert würde.

Als Wunderlist 2010 die Bühne betrat - und nur wenig später trafen wir einander persönlich -, da waren Programme ein Hype, die sich auf "Getting Things Done" (GTD) beriefen. Das Managementkonzept hatte der Berater David Allen 2001 in seinem gleichnamigen Buchbestseller vorgestellt. Unter anderem empfahl er, Aufgaben so zu organisieren, dass die Verwaltung wenig Zeit kostet und Spaß macht.

Wunderlist bediente alle großzügig

Auch hier fand Wunderlist das rechte Maß, verspielt, aber nicht albern: Jeder Haken, den man an eine Aufgabe machte, wurde mit einem fröhlichen "Bing" quittiert, und die Hintergrundgrafiken waren schöner als anderswo. Ich persönlich bin immer wieder zu den eleganten "Holzpaneelen" zurückgekehrt, die Wunderlist vorinstalliert trug, als wir uns kennenlernten.

Die Mischung gefiel nicht nur mir. Schnell galt Wunderlist als beliebteste GTD-Anwendung auf dem iPhone, erhältlich in 20 Sprachen, nach eigenen Angaben mit fünf Millionen Nutzern.

Das lag freilich auch daran, dass Wunderlist seine allermeisten Dienste kostenlos feilbot, bezahlen mussten nur Pro- und Businesskunden. Aber Wunderlist bediente sie alle großzügig. Als es neu war, gab es keinen mir bekannten Konkurrenten, der Apps für mehr Betriebssysteme anbot. So konnte ich meine Aufgaben wirklich mit jedem Gerät synchronisieren. Sogar unser gemeinsamer Freund Helmut mit seinem abseitigen Windows Phone wurde nicht ausgeschlossen.

Kommt diese Abschiedsrede nicht verfrüht? Nein, sie ist lange überfällig. Sie stand seit Monaten auf meiner Liste.

Denn das Ende naht, seit Wunderlist 2015 von Microsoft gekauft wurde, wohl für eine Summe zwischen 100 und 200 Millionen Dollar. 2017 kündigten die neuen Herren das Ende an. Wunderlist sollte ersetzt werden durch To-Do von Microsoft. Vor ein paar Tagen wurde das Datum genannt, an dem die Wunderlist-Server abgeschaltet werden: der 6. Mai 2020.

Nur noch vegetieren

So lange wird Wunderlist nur noch vegetieren. Neue Kunden werden schon jetzt nicht mehr vorgelassen. Unser treuer Freund, er steht nur noch bereit, um seine Aufgabenverzeichnisse an To-Do weiterzugeben. Auch an seinen letzten Tagen tut er still, was er immer getan hat: seine Pflicht.

Gibt es keinen Trost für uns? Doch: Der Geist von Wunderlist wird weiterleben. To-Do wurde von Leuten ersonnen, die einst Wunderlist kompilierten. Auch wenn den Wunderlist-Erfinder inzwischen Zweifel plagen und er Microsoft angeboten hat, die App zurückzukaufen . Doch ob der Konzern dazu bereit ist, steht in den Sternen.

To-Do, muss man zugeben, funktioniert inzwischen gut. Es übernimmt willig die Fackel und bringt uns unsere Aufgaben auf die vertraute Art nahe. Wer Wunderlist kennt, wird sich nur mit wenig Neuem anfreunden müssen.

Sicher, To-Do muss noch viel lernen. Noch fehlen zum Beispiel die praktischen Plug-ins für viele Browser. Auf meinem Mac vermisse ich noch das Tastaturkürzel, mit dem ich zu jeder Zeit und in jeder anderen Anwendung ein kleines Eingabefenster herbeizaubern kann, um rasch eine Aufgabe einzutragen. Aber wir sollten To-Do die Chance geben, besser zu werden.

Wunderlist hätte es so gewollt.

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