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28. Februar 2019, 14:53 Uhr

YouTube und gefährliche Inhalte

So sieht Ihr Kind nur, was es sehen soll

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Viele Eltern lassen ihre Kinder YouTube-Videos schauen. Doch selbst junge Nutzer finden schnell problematische oder gefährliche Inhalte. Was kann man tun?

Wäre YouTube ein Spielplatz, würden Eltern derzeit allerhand Geschichten von Spritzen im Sandkasten und Spannern im Gebüsch hören:

Nachrichten wie dieser Facebook-Post einer britischen Grundschule lassen erahnen, wie sehr einige Eltern verunsichert, was auf und um YouTube herum passiert. Zugleich ist die Videoplattform Teil des Alltags vieler Familien - das zeigen deutsche Erhebungen wie die Kim- und die Jim-Studie, aber auch Auswertungen des amerikanischen Pew Research Center.

Der Pew-Studie von 2018 zufolge gaben 81 Prozent der Befragten mit Kindern bis elf Jahre an, dass sie mindestens "gelegentlich" YouTube-Videos schauen lassen. 61 Prozent der Befragten, die YouTube erlaubten, sagten aber auch, dass ihr Nachwuchs auf YouTube für sein Alter ungeeignete Inhalte gesehen habe.

Angesichts vieler verschiedener nicht kindgerechter Inhalte, die auf YouTube oft nur einen Klick oder einen Suchbegriff entfernt sind, scheint das schwer vermeidbar. Eltern können aber durchaus beeinflussen, was ihre Kinder auf YouTube erleben: durch Gespräche und auch durch technische Hilfsmittel.

Mit Vertrauenspersonen reden

Bei älteren Kindern, die vielleicht schon selbst Videos hochladen wollen, ist vor allem Aufklärung wichtig, ein Austausch über die Risiken der Plattform. Eltern können Tipps dazu geben, wie man in Videos anonym bleibt, oder dazu, welche Videos oder Kommentare man lieber ignoriert. Auch nicht verkehrt: Mal gemeinsam Videos beliebter Influencer schauen und darüber reden, warum zum Beispiel bestimmte Produkte so prominent in deren Videos auftauchen.

Auch mit jüngeren Kindern, um die es im Folgenden geht, sollten Eltern über YouTube sprechen. Sie sollten den Kindern signalisieren, dass sie ihnen - oder einer Vertrauensperson, und sei es in einer Beratungsstelle - von schlechten Gefühlen oder Unsicherheit beim Videoschauen berichten sollten. Ebenso sollten die Kinder ungewöhnliche Momente nicht für sich behalten, ob es nun um einen Mann geht, der mitten in einem Cartoons seltsame Anweisungen gibt, oder um eine Gruselfigur, die plötzlich auftaucht.

So etwas kommt vor: Ende 2017 zum Beispiel machte ein "Peppa Pig"-Video Schlagzeilen, in dem die Charaktere Bleichmittel tranken. Und schon 2015 sah sich YouTube dem Vorwurf ausgesetzt, dass in YouTube Kids, einem App-Ableger des Hauptdienstes speziell für Kinder, auch nicht-kindgerechte Clips oder Videosequenzen auftauchen würden.

Meldungen schützen andere

Stoßen Eltern selbst oder durch Kinderhinweise auf ein problematisches Video, sollten sie es auf jeden Fall dem Anbieter melden - auch, um andere Kinder zu schützen. Das sagt Birgit Kimmel, die "klicksafe" leitet, eine EU-Initiative "für mehr Sicherheit im Netz".

Kimmels Erfahrung nach ist nur wenigen Eltern bewusst, dass YouTube "für Unter-13-Jährige überhaupt nicht geeignet" ist - auch, was die Werbung angeht. Sie rät daher: "Eltern sollten ihre Kinder im Blick behalten, wenn diese das reguläre YouTube schauen." Die Plattform habe zwar einen aktivierbaren "eingeschränkten Modus", der viele nicht jugendfreie Inhalte ausfiltert. Doch einiges gehe durch den Filter, warnt Birgit Kimmel, "von Videos mit subtilem Rechtsextremismus bis zu Clips über selbstverletzendes Verhalten."

Bei jüngeren Kindern, die YouTube über das elterliche Smartphone oder Tablet benutzen, ist daher eine Vorselektion sinnvoll. Denn YouTubes Algorithmus sollte man das Vorschlagen neuer Clips lieber nicht überlassen.

Der einfachste Weg, die Videoauswahl einzuschränken, ist der Umstieg auf YouTube Kids (siehe Fotostrecke). In der App findet sich nur ein Teil aller YouTube-Videos - die tatsächlich oder vermeintlich kindgerechten. Auch Nutzerkommentare gibt es in der Kids-Version keine. Ebenfalls praktisch: In YouTube Kids lassen sich die Such- und die Empfehlungsfunktion deaktivieren. Darüber sollte man zumindest nachdenken, denn man sollte sich nicht darauf verlassen, dass Kinder hier nur auf Harmloses stoßen. Eines der Videos mit der Pulsader-Szene soll zum Beispiel via YouTube Kids abrufbar gewesen sein.

Die Suche sollte deaktiviert werden

Auch in der deutschen Kids-Version finden sich kritikwürdige Inhalte, darunter eine Anleitung zum Selbermachen einer Messerkordel, samt Messer- und Feuerzeug-Einsatz. Zudem im Angebot: Tipps, wie man aus Jugendfeuerwerk stärkere Knaller bastelt.

Ebenso führen YouTubes Vorschläge auf mehrere Videos eines Verschwörungs-Kanals, der die Theorie vertritt, die Erde sei flach. Auch Clips des russischen Propagandasenders "RT Deutsch" sind auf YouTube Kids auffindbar, genau wie allerlei Soldatenlieder und alle drei Strophen des Deutschlandlieds.

"YouTube Kids ist nicht nach pädagogischen Werten sortiert", kommentiert Birgit Kimmel, auch hier sei Vorsicht angebracht. Die App sei außerdem "unglaublich gespickt mit Werbung".

Klare Vorgaben, was geht

Die für Eltern wohl verlässlichste Lösung ist es, in der Kids-App die Funktion "Nur genehmigte Inhalte" zu aktivieren: Fortan kann das Kind nur noch Videos oder Kanäle abspielen, die zuvor explizit freigegeben wurden. So lässt sich etwa einstellen, dass alle Videos der Kanäle "Sesamstraße" und "Unser Sandmännchen" abrufbar sind, aber nur bestimmte, handverlesene Videos der "Biene Maja".

Eltern sollten allerdings darauf achten, ob es wirklich die offiziellen Kanäle sind, die sie freigeben - manchmal tauchen bekannte Figuren auch in obskuren oder verstörenden Clips dritter Videomacher auf.

Das normale YouTube im Browser oder als TV-App bietet die Kids-Funktionen leider nicht. Hier müssen Eltern kreativ werden: So gibt es beispielsweise Werkzeuge, mit denen sich YouTube-Videos herunterladen lassen. Auf diese Weise könnte man seinem Kind offline gezielt nur bestimmte Videos zur Verfügung stellen. Mobil sind Video-Downloads derweil unkompliziert über YouTubes Bezahldienst Red möglich. Red-Kunden sehen auch keine Werbung mehr.


Zusammengefasst: Auf YouTube finden sich viele nicht kindgerechte Inhalte - es ist daher ratsam, Kinder über die Risiken der Plattform aufzuklären oder mit ihnen gemeinsam zu schauen. Hat man jüngere Kinder, empfiehlt sich die Nutzung des App-Ablegers YouTube Kids, ihre sicherste Voreinstellung heißt "Nur genehmigte Inhalte". Warum sie sinnvoll ist, erklärt diese Fotostrecke.

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