Bitcoin-Halbierung erklärt Wie aus weniger mehr werden soll

Sehr bald sinkt erneut die Anzahl der täglich neu in Umlauf gebrachten Bitcoins - Fans der Kryptowährung hoffen auf eine neue Kursrallye. Hier erfahren Sie, was es mit dem sogenannten Halving auf sich hat.
Von Friedemann Brenneis
Foto: INA FASSBENDER/ AFP

Eigentlich ist das Prinzip von Angebot und Nachfrage simpel. Sinkt das Angebot, während gleichzeitig die Nachfrage stabil bleibt, dann steigt der Preis. Bitcoin, dem digitalen Geld, dessen Wert im Kern allein durch das Zusammenfinden von Angebot und Nachfrage entsteht, sollten also rosige Zeiten bevorstehen.

Entsprechend dem Bitcoin-Protokoll erfolgt in den kommenden Tagen nämlich das dritte sogenannte Halving. Das bedeutet, dass die Anzahl der Bitcoins, die von den Minern alle zehn Minuten gefunden werden können und damit neu auf den Markt kommen, planmäßig halbiert wird - von bisher 12,5 Bitcoins auf dann nur noch 6,25 Bitcoins.

Von einem Moment auf den anderen sinkt also das Angebot an neuen Bitcoins drastisch. Da es kaum Grund zur Annahme gibt, dass in gleichem Maße auch die Nachfrage zurückgeht, ist folglich davon auszugehen, dass der Bitcoin-Kurs steigen wird. So zumindest in der Theorie.

Keine Garantie für steigende Kurse

Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht. Eine Garantie, dass der Kurs steigt, gibt es keineswegs. Kritiker befürchten vielmehr sogar das genaue Gegenteil. Halbiere sich die Belohnung, die die Miner für das Bereitstellen der Rechenleistung für das Netzwerk bekommen, könnte das Bitcoin letztlich sogar zerstören, sagen manche.

Denn für die Miner bedeutet die Reduzierung des sogenannten Block Rewards, dass sie bei gleichbleibenden Fixkosten für Personal, Strom, Miete und Equipment von einem Moment auf den anderen nur noch die Hälfte verdienen können. Die mögliche Folge: Zehntausende Maschinen könnten möglicherweise auf einen Schlag unrentabel und infolgedessen abgestellt werden. Und passiert das in einem zu großen Maßstab, würde dem Bitcoin-Netzwerk von einem Moment auf den anderen sehr viel Rechenleistung entzogen.

Diese Rechenleistung braucht es allerdings, um verlässlich neue Transaktionen in das kollektive Kassenbuch, die Blockchain, zu schreiben. Bitcoin würde damit schlussendlich unbenutzbar, so die schlimmsten Befürchtungen.

Die Bitcoin-Historie stimmt optimistisch

Dass es so kommt, halten erfahrene Bitcoiner jedoch für unwahrscheinlich. Sie verweisen auf die Vergangenheit. Schüttete das Protokoll anfangs noch 50 Bitcoins pro Datenblock aus, wurde diese Belohnung ja bereits zwei Mal halbiert. Obwohl sich damit jedes Mal der finanzielle Anreiz für die Miner veränderte, ist Bitcoin keineswegs kollabiert. Im Gegenteil.

Weil nach jedem Halving immer auch der Kurs anzog, konnten Miner fortan zwar weniger Bitcoins verdienen. Jeder einzelne davon war aber um ein Vielfaches mehr wert als zuvor. Unterm Strich hatten die Miner, die ihre Maschinen weiterlaufen ließen, nach jedem Halving so mehr in der Tasche. 

Und das galt im Übrigen nicht nur für die Miner: Alle, die Bitcoins besaßen, profitierten von dem Zuwachs in gleichem Maße. Lag der Bitcoin-Kurs beim ersten Halving im November 2012 gerade so im zweistelligen Dollarbereich, lag er beim zweiten im Juli 2016 schon im mittleren dreistelligen Bereich. Jetzt, kurz vor der dritten Halbierung, liegt er im oberen vierstelligen.

Kaum überraschend sehnen dementsprechend viele in der Community das Halving seit Langem freudig herbei und spekulieren bereits über einen Kurs, der in absehbarer Zukunft fünf- bis sechsstellig sein wird.

Ihre Zuversicht beruht dabei zu einem großen Teil auf dem Stock-to-Flow-Modell . Dieser vor allem aus dem Goldmarkt entlehnte Ansatz erlaubt es, die Bitcoin-Preisentwicklung trotz der turbulenten Historie der Digitalwährung mit großer Zuverlässigkeit statistisch zu modellieren. Dafür wird die bereits existierende Menge eines Gutes (Stock) ins Verhältnis zu dem gesetzt, was in einem bestimmten Zeitraum neu dazukommt (Flow).

Je kleiner dieser Zufluss im Verhältnis zu dem, was bereits da ist, als umso "härter" gilt ein Rohstoff. Dessen Wert kann also nicht ohne Weiteres, etwa durch eine gesteigerte Förderung oder Produktion, verwässert werden.

Gold gilt zum Beispiel als vergleichsweise hart, weil einerseits bekannt ist, wie viel davon bereits weltweit existiert. Andererseits ist der jährliche Zufluss neu geschürften Goldes auf den Markt aufgrund des großen Förderaufwandes und dessen natürlich begrenzten Vorkommens sowohl gut vorhersehbar als auch verhältnismäßig klein.

Digitales Geld wird zu digitalem Gold

Gold ist also ein physisches knappes Gut mit hohem Härtegrad. Analog dazu ist Bitcoin nun das nachweislich erste knappe Gut im rein digitalen Raum. Mit dem kommenden Halving wird es nun ähnlich hart wie Gold. Möglich ist das, weil im Bitcoin-Protokoll von Beginn an final festgelegt wurde, dass es niemals mehr als 21 Millionen Bitcoins geben wird.

Zudem wurde mit den wiederkehrenden Halvings ein verbindlicher Weg formuliert, wie die Erzeugung neuer Bitcoins im Netzwerk nach und nach gedrosselt wird, um dieses Limit einzuhalten. Derzeit befinden sich nämlich schon gut 18 Millionen Bitcoins im Umlauf.

Mithilfe all dieser Kennzahlen lässt sich das Stock-to-Flow-Modell nun auf das digitale Geld übertragen. "Die empirischen Ergebnisse zeigen unumstößlich, dass der Zusammenhang zwischen dem Härtegrad von Bitcoin und dem Preis von Bitcoin sehr robust ist", bestätigt Manuel Andersch.

"Da geht es letztlich nur um Wahrscheinlichkeiten."

Als Währungsanalyst bei der BayernLB hat auch er das Stock-to-Flow-Modell für Bitcoin im vergangenen Herbst noch einmal selbst mit Daten gespeist . Rein rechnerisch könnte der Bitcoin-Kurs demnach in den Monaten nach dem Halving einen Wert von 90.000 Euro erreichen. Doch Andersch will dieses Ergebnis keinesfalls als Preisvorhersage verstanden wissen. "In der Ökonometrie, also der empirischen Analyse ökonomischer Phänomene, schließen wir von der Vergangenheit auf die Zukunft. Da geht es letztlich nur um Wahrscheinlichkeiten."

Ein weiteres Problem sei die Datenlage. Im Gegensatz zu Gold, wo viele Zahlen nur jährlich erhoben werden und oft auf Schätzungen beruhen, ist die bei Bitcoin nahezu perfekt. Wie viele Bitcoins wann existieren, lässt sich für jeden Zeitpunkt exakt berechnen. Genau das erschwert die Auswahl für das Stock-to-Flow-Modell jedoch enorm. Denn je nachdem, auf welcher Datenbasis man das Modell füttert, ob nun tagesaktuell oder über einen längeren Zeitraum gemittelt, beeinflusst dies das Ergebnis beträchtlich.

Dass der Bitcoin-Preis steigen wird, schließt aber auch Andersch nicht aus. Abgesehen vom technischen Vorgang auf Protokollebene erzeugten die Halvings immer auch Aufmerksamkeitsschocks, die dann neue Wellen interessierter Anleger zu Bitcoin bringen und damit letztlich die Nachfrage stimulieren. Bei gleichzeitig gesunkenem Angebot könnte das der initiale Impuls für die nächste Kursrallye sein. "Das kann einen Bullenmarkt auslösen, auf den dann aber natürlich auch wieder ein Bärenmarkt folgt", so Andersch.

Ob es auch dieses Mal so kommt, ist trotzdem ungewiss. Für viele in der Bitcoin-Community ist das aber letztlich auch egal. Sie wissen, dass in ungefähr vier Jahren bereits die nächste Halbierung des Block-Rewards ansteht. Spätestens dann würde Bitcoin - entsprechend dem Stock-to-Flow-Modell - auch Gold hinter sich lassen und zum härtesten Gut der Welt werden.