Umweltbilanz virtueller Währungen Pro Bitcoin-Transaktion entsteht ein halbes Pfund Elektroschrott

Virtuelle Währungen herzustellen, frisst nicht nur Strom, sondern produziert auch massenhaft Elektroschrott. Einer Studie zufolge entsteht dabei täglich so viel Müll wie beim Entsorgen einer halben Million Smartphones.
Kryptofarm: Hunderte Computer, die Kryptowährungen errechnen – und schnell im Müll landen

Kryptofarm: Hunderte Computer, die Kryptowährungen errechnen – und schnell im Müll landen

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MAXIM ZMEYEV / AFP

Die Müllberge wachsen, das gilt auch für Hardware-Müll: Seit dem Jahr 2000 ist die pro Jahr anfallende Menge an Elektroschrott von 20 auf 50 Millionen Tonnen weltweit angestiegen . In den kommenden 30 Jahren werde sie sich verdoppeln, hat die Universität der Vereinten Nationen berechnet. Doch nicht nur Fernseher, Smartphones und Laptops haben ihren Anteil daran, dass giftige Dämpfe in die Atmosphäre aufsteigen und Quecksilber im Müll landet. Auch Kryptowährungen wie Bitcoin lassen offenbar Elektroschrottberge wachsen.

Dieser Schrott fällt an, wenn etwa die Hardware, die in sogenannten Kryptofarmen für die Produktion von Bitcoin verwendet wird, ausgetauscht werden muss. In solchen Rechenzentren hängen reihenweise stromfressende Spezialcomputer, deren moderne Prozessoren für die Berechnung von Bitcoin optimiert sind. Ist die Hardware veraltet, landet sie meist im Müll, da sich die Karten selten für Videospiele auf dem Heim-PC eignen.

Für die Studie »Das wachsende Elektroschrott-Problem des Bitcoin«  haben die Wissenschaftler Alex de Vries und Christian Stoll berechnet, wie viel Müll auf diese Weise durch die Produktion virtueller Währungen anfällt. Demnach summiert sich der Elektroschrott, der durch das sogenannte Bitcoin-Schürfen erzeugt wird, derzeit auf jährlich bis zu 23.000 Tonnen. Dies sei das Ergebnis, wenn man den aktuellen Kurs der Kryptowährung, etwa 40.000 Euro, zugrunde lege .

272 Gramm Schrott pro Bitcoin-Transaktion

In ihre Studie lassen die Forscher die geschätzte Rechenleistung der Bitcoinfarmen einfließen, die Anzahl geschürfter Bitcoin pro Tag und die dabei anfallenden Energiekosten. Außerdem gehen die Autoren bei der zum sogenannten Schürfen von Bitcoin verwendeten Hardware von einer Lebensdauer von durchschnittlich einem Jahr und vier Monaten aus. Daraus ergibt sich ihren Modellen zufolge pro Bitcoin-Transaktion in der Blockchain eine Menge von 272 Gramm Elektroschrott. Das entspricht also ungefähr zwei iPhone 13 mini, die im Müll landen. Täglich sind das umgerechnet etwa eine halbe Million verschrottete Smartphones .

Bei den Berechnungen beschränken sich die Forscher auf spezielle Mining-Hardware, die ausschließlich für Bitcoin-Berechnungen eingesetzt wird. Für Videospiele ausgelegte Grafikkarten seien nicht berücksichtigt worden, weil Bitcoin-Mining mit gewöhnlichen Grafikkarten in der Regel nicht profitabel sei, sagt Christian Stoll von der TU München und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) dem SPIEGEL. »Bitcoin-Miner verwenden nahezu ausschließlich sogenannte ASICs«, so Stoll. »Diese Art der Hardware ist auf einen bestimmten Zweck zugeschnitten und kann somit nicht für andere Anwendungen wiederverwendet werden.«

Es geht auch klimafreundlicher

Bislang war beim Bitcoin vor allem auf die Energiekosten geschaut worden – Anlass für die Autoren, die Studie zu verfassen. »Die Menschen vergessen oft, dass das Bitcoin-Netzwerk nicht nur viel Energie schluckt, sondern auch Millionen hoch spezialisierter und kurzlebiger Geräte nötig sind«, sagt Alex de Vries dem SPIEGEL. »Unser Ziel war es, den bisher unerwähnten Teil der Geschichte hervorzuheben.« Elektroschrott trage zum Klimawandel nicht nur mit giftigen Chemikalien bei, die bei der Verbrennung freigesetzt werden, sondern könne bei unsachgemäßer Entsorgung auch den Boden und das Grundwasser verschmutzen, sagt de Vries.

Die Botschaft des Wissenschaftlers: Die Methode, mit der Bitcoin erzeugt werden, sollte umgestellt werden. Bisher berechnen Millionen von sogenannten Minern neue Blockchain-Blöcke, segnen Transaktionen ab und werden dafür mit Bitcoin belohnt. Der Rechenaufwand für diese Arbeit ist allerdings immens.

Laut de Vries sollte man auf das sogenannte »Proof of Stake«-Modell umstellen, wie es bei der Konkurrenzwährung Ethereum zumindest geplant ist. Die Methode gilt als klimafreundlicher. Die Idee: Nicht alle rechnen wild drauf los, sondern ein Zufallsgenerator wählt aus, wer eine Transaktion bestätigen darf. Wer mehr Kryptowährung besitzt, dessen Stimme zählt bei dem Modell mehr. Das weltweite Wettrechnen entfällt.

Christian Stoll fordert neben einer Reform des Bitcoin-Algorithmus auch eine höhere Recyclingquote. Allerdings sollten sich seiner Meinung nach nicht alle Umweltbemühungen auf Kryptowährungen konzentrieren. Bitcoin sei »absolut gesehen nur für einen kleinen Teil des globalen Elektroschrott-Problems verantwortlich«, sagt Stoll. »Das gilt im Übrigen auch beim Thema Strombedarf.«

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