Sascha Lobo

Verschwörungstheorien zum Coronavirus Ein wenig Wahn schlummert in uns allen

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die Coronakrise belastet viele Menschen psychisch - und zunehmend scheinen Prominente durchzudrehen. Zukünftig muss die Gesellschaft lernen, mit diesen Social Meltdowns umzugehen.
Tesla-Chef Elon Musk: Gerade wieder auf Twitter aufgefallen

Tesla-Chef Elon Musk: Gerade wieder auf Twitter aufgefallen

Foto: Jae C. Hong/ AP

Wir leben also in einer Zeit, in der Tesla-Chef und Vorzeige-Knalldackel Elon Musk sein Baby "X Æ A-12 Musk" nennt. Wie sympathisch normal ein zeitgenössischer Vorname wie "Jimmy Blue" dagegen plötzlich wirkt und ja auch ist. Ob sich "X Æ A-12" am Ende als PR-Stunt herausstellt oder als trendbegründend, weil Kinder fortan verstärkt nach Flugzeugen  oder Beamtenbesoldungsgruppen  benannt werden, ist eigentlich unwichtig. Symptomatisch dagegen ist das Social-Media-Verhalten von Elon Musk in den Tagen vor der Geburt. Er gehört zur langen Reihe von Männern und auffällig wenigen Frauen, die in der pandemischen Gesellschaft einen Meltdown hingelegt haben, eine Art öffentlichen Nervenzusammenbruch. 

Man kann von einem Social Meltdown sprechen, weil soziale Medien dieses psychosoziale Phänomen erst zur vollen Blüte gebracht haben. Musk hatte die Maßnahmen gegen Corona als "faschistisch" bezeichnet , angekündigt, dass er sämtliches dingliche Hab und Gut samt seiner Häuser verkaufen werde und nebenbei mit einem getwitterten Halbsatz Teslas Börsenkurs um 10 Prozent verringert .

Meltdowns können im Prinzip allen Menschen passieren. "Jeden Tag dreht irgendein Promi durch", so schallt es auf Twitter, dem Stamm- und Leuchttisch für Sofortsoziologen. Die meisten Wortmeldungen machen sich darüber lustig, ein paar warnen vor den Folgen, aber die erste Quintessenz dieser Häufung ist: Wir unterschätzen die extreme Wirkung der Coronakrise samt Quarantäne- und Lockdown-Varianten auf die menschliche Psyche. Jeder schale Gag über eine vermeintlich "verrückt" gewordene Person kann zugleich als Signal an das Publikum verstanden werden, sich gefälligst zusammenzureißen. Bei vielen psychischen Problemen wäre das der schlechtestdenkbare Ratschlag. 

Eine toxische Mischung

Was im Alltag als Nervenzusammenbruch bezeichnet wird, entspricht in der psychologischen Fachsprache Begriffen wie "Akute Belastungsreaktion"  oder "Akute Belastungsstörung". Den Unterschied zu früheren Zusammenbrüchen machen die sozialen Medien aus. Die Niedrigschwelligkeit der Veröffentlichung, die Gnadenlosigkeit der digitalen Alldokumentation und die Reaktionen des Publikums ergeben eine toxische Mischung: Soziale Medien können aus einem Nervenzusammenbruch ein lebensveränderndes Ereignis machen, denn Scham, Trotz und Verletztheit lassen in solchen Situationen die Flucht nach vorn attraktiv erscheinen.

Statt den eigenen Ausraster als vorübergehenden Moment der Schwäche zu begreifen, wird er in der Öffentlichkeit und vor sich selbst als Moment der Wahrheit und sogar der Erkenntnis verkauft. Man beginnt, sich hineinzusteigern in eine Erklärungswelt, die zuvor vielleicht nur ein Schutzreflex in der Not war.

Angenommen, Musks Twitter-Meltdown war echt - dann ist egal, ob er wirklich glaubt, die Maßnahmen seien Faschismus oder nicht. Er kommt ohne das Eingeständnis eines Meltdowns nur noch schwer hinter diese Aussage zurück. Er könnte beginnen, sein weiteres Handeln diesem Phantasma anzupassen. Die Psychologie spricht von Rationalisation, weil oft nach irrationalem Verhalten rational scheinende Gründe dafür gesucht und gefunden werden.

Aus Notsituationen entstehen Wahnwelten

Durch die Angst vor Lächerlichkeit und eine Portion toxische Männlichkeit  kann ein Social Meltdown auf diese Weise prägend werden, und für öffentliche Figuren, die von ihrer Bekanntheit und der Resonanz beim Publikum leben, sogar lebensprägend. Es geht mir hier nicht um Verständnis für die oft rechtsextremen, gefährlichen Positionen, die überdrehte Multiplikatoren verbreiten. Es geht mir um die vielen Anzeichen dafür, dass persönliche Notsituationen durch die Wechselwirkung mit der Öffentlichkeit in den Aufbau einer regelrechten Wahnwelt kippen können. Aus der es dann kaum ein Zurück mehr zu geben scheint. 

Es ist wichtig, das Social-Media-Phänomen Meltdown zu verstehen, weil es sich um ein Symptom handelt: Es spiegelt die enorme Fragilität unser aller Psyche in Zeiten der Krise. Und es hängt direkt mit einem grassierenden Gesellschaftsphänomen zusammen, nämlich der derzeitigen Allgegenwart von Verschwörungstheorien.

Ein kurzer, verzweifelter Einschub sei mir verziehen: Meine fucking Güte, wie unfassbar viele, zuvor vernunftbegabt scheinende Menschen stürzen durch Corona immer tiefer und tiefer in eine komplett verblendete Weltwahrnehmung, kommen mit bizarrem Bill-Gates-Blabla und jämmerlichem YouTube-Jägerlatein um die Ecke, quer durch alle Bildungsschichten, es ist zum Schreien, ich könnte jeden Tag einen neuen Meltdown – oh! Und zack, habe ich selbst zur Verstärkung beigetragen.

Bei Corona-Verschwörungstheorien ist nicht leicht, zwischen notwendigem Widerspruch, eigenem Entsetzen und verstärkendem, weil abwertendem Spott eine sinnvolle Reaktion auszubalancieren. 

"Eine sehr menschliche Reaktion"

Miro Dittrich  beobachtet und analysiert für die Amadeu Antonio Stiftung die politischen und gesellschaftlichen Erzählungen, die in sozialen Medien wirksam werden : "Menschen probieren, den derzeitigen Kontrollverlust durch das Erkennen von scheinbaren Mustern und klaren Schuldigen zu lösen, eine sehr menschliche Reaktion." Und Menschlichkeit ist das Gebot der Stunde, allerdings auch auf andere Art als erhofft.

Meine Analysen von sozialen Medien und einer Vielzahl von Gesprächen mit sehr unterschiedlichen Leuten haben mir eine bestürzende These nahegelegt: In den meisten, wenn nicht allen Köpfen finden sich zu Corona Aspekte von Verschwörungstheorien.

Man muss den gesamten Komplex ohnehin stärker als Prozess betrachten, mehr als Schieberegler und weniger als Kippschalter. Aber in fast jedem persönlichen Gespräch, das ich zum Thema geführt habe, mit Taxifahrerinnen, Hundehaltern, Zufallspassanten, Supermarktangestellten, Bäckereifachkräften und Ärztinnen – kamen irgendwann verschwörungsähnliche Vermutungen auf. Corona-Verschwörungstheorien sind bitterer Mainstream. 

Verschwörungstheorien galten als normal

An der Universität Tübingen untersucht Michael Butter Verschwörungstheorien. Im Buch "Nichts ist, wie es scheint"  legt er dar, wie der Verschwörungsglaube lange der gesellschaftlichen Normalität entsprach. Butter skizziert auch, wie etwa fast alle amerikanischen Präsidenten bis mindestens Mitte des 20. Jahrhunderts Verschwörungsgläubige waren und Verschwörungstheorien als akzeptiert und normal galten.

Mit der westlichen Aufstiegs-, Wohlstands- und Bildungsexplosion nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden diese Überzeugungen und Erzählungen natürlich nicht, aber Verschwörungstheorien gerieten aus dem öffentlichen Fokus. Die Corona-Not zeigt uns, wie dünn der Firnis der herbeigehofften Rationalität war, den wir über die Echtzeitmärchen der Verschwörungstheorie drüberlackiert hatten. Wie verlockend es immer war und noch ist, in Zeiten großer Hilflosigkeit und fehlender Stabilität aus den Mosaiksteinchen von Wissen und Fantasie willkürlich ein vermeintlich stimmiges Bild zusammenzusetzen: als Krisenbewältigungsinstrument. 

Die Expertin und Gründerin der Organisation "Der goldene Aluhut" , Giulia Silberberger, beschäftigt sich intensiv mit Verschwörungstheorien und sozialen Medien. Sie sagt: "Für die meisten Menschen gibt es eine Art Initialereignis , das sie an Verschwörungstheorien hat glauben lassen oder zumindest Wegbereiter für diesen Glauben gewesen ist … wie Existenzängste, finanzielle Unsicherheit, Angst vor weltpolitischer Entwicklung, Justizirrtümer, Schicksalsschläge oder Erkrankungen."

Mehr Toleranz gegenüber Social Meltdowns

Hier ergibt sich die logische und bedrohliche Verbindung aus Meltdowns und der momentanen Allgegenwart der Verschwörungstheorien: Die Coronakrise birgt für viele die Gefahr, dass sich akute, psychische Notsituationen verstetigen. Die Wechselwirkung zwischen diesen Personen und dem Publikum kann dann dazu führen, dass sich angereichert mit Fake News das entstehende "Wahnweltbild" ausbreitet. 

Genau jetzt entscheidet sich, besonders in sozialen Medien, ob wir als Gesellschaft einen zukunftsfähigen Umgang mit psychischen Massennotlagen finden. Vielleicht müssen wir nicht nur den gefährlichen Verschwörungstheorien entschlossen entgegentreten, sondern auch viel stärker den zugrundeliegenden Notsituationen gesellschaftliche Aufmerksamkeit widmen.

Vielleicht müssen wir eine gewisse Toleranz gegenüber Social Meltdowns entwickeln, eine Möglichkeit für die Betroffenen, ohne katastrophalen Gesichtsverlust zurückzurudern. Vielleicht müssen wir uns endlich eingestehen, dass unser Bild von uns selbst als stabile, allzeit rationale, hochfunktionale Mitglieder der Gesellschaft ohnehin die ganze Zeit ausgedacht war. Und zwar bei uns allen.