Sascha Lobo

Leben in der Pandemie Wie die Blitzradikalisierung der Corona-Leugner funktioniert

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Man darf sich Corona-Leugner oder "Querdenker" nicht als gleichbleibende Gruppierung vorstellen. Drei Thesen, weshalb bei ihnen trotzdem eine pandemische Echtzeitradikalisierung gelingt.
Demo gegen die Corona-Schutzmaßnahmen in München (im Mai)

Demo gegen die Corona-Schutzmaßnahmen in München (im Mai)

Foto: Sven Hoppe / picture alliance / dpa

Ein kurzer Videoclip, ein Mann plaudert in der S-Bahn spöttisch über seine Corona-Konfrontation mit der Polizei. Währenddessen geschieht etwas , anfangs im Hintergrund, das man mehrmals betrachten muss, um Tragweite und Boshaftigkeit ermessen zu können.

Ein Trupp Corona-Leugner teufelt auf eine Familie ein, darunter ein vielleicht 13-jähriges Mädchen. "Maske ab! Maske ab! Maske ab!", schreien sie, mehrheitlich Männer. Mehrere aus dem Wutchor filmen die Familie mit plakativ vorgestrecktem Smartphone. Das Mädchen muss sich die Ohren zuhalten und ist erkennbar stark eingeschüchtert. Die Schreie werden johliger und lauter. Eine Mischung aus Hass, Herablassung und freudiger Selbstgewissheit offenbart sich.

Sascha Lobo
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Urban Zintel

Jahrgang 1975, ist Autor und Strategieberater mit den Schwerpunkten Internet und digitale Technologien. 2019 erschien bei Kiepenheuer & Witsch sein Buch »Realitätsschock: Zehn Lehren aus der Gegenwart«. Gemeinsam mit Jule Lobo beschäftigt er sich im Podcast »Feel the News – Was Deutschland bewegt«  mit aktuellen Debattenthemen.

Diejenigen, die für sich selbst bei jeder Gelegenheit auf "Meinungsfreiheit" und Anerkennung ihrer Überzeugungen pochen, zwingen anderen ihre Position auf, schreiend, in der Gruppe, an ein Teenagermädchen gerichtet. Donnerwetter, das ist mutig. Die Protestierenden glauben, für skeptische Abwägung und kritische Aufgeklärtheit zu stehen. Tatsächlich aber durchlaufen viele Corona-Leugner eine bisher so nie gesehene, pandemische Echtzeitradikalisierung. Sie lässt sich nicht nur an solchen Situationen erkennen, sondern auch an den Leitfiguren der Szene.  

Bereits im August hatte der Antisemit, vegane Koch und QAnon-Markenbotschafter Attila Hildmann den Pergamonaltar auf der Berliner Museumsinsel als Thron des Satans bezeichnet . Dort würden Kinder geopfert. Angela Merkel wohnt gegenüber, das muss als finale Beweisführung reichen. Anfang Oktober wurde ein Anschlag auf rund 70 dortige Kunstwerke  verübt, darunter auf den Altar, der zum Weltkulturerbe gehört.

Auf das Robert Koch-Institut wurde am 25. Oktober ein Brandattentat verübt. Es existiert ein Screenshot , wohl aus Attila Hildmanns Telegram-Kanal, auf dem einige Wochen zuvor die Worte zu lesen waren: "Ach, mal angenommen, das RKI würde nieder[brennen] Wie gut würden wir in dieser Nacht wohl schlafen???". Um das Ausmaß der Radikalisierung etwas plastischer zu machen: Hildmann warnt inzwischen vor der "Auslöschung der arischen Rasse" .

Extremismusexperte Olaf Sundermeyer beobachtet die Corona-Protestierenden von Beginn an. Über den Sommer sieht er Aufforderungen zur Lynchjustiz, die Entstehung eines reisenden Protestzirkus, Bürgerkriegsnarrative auf den Demonstrationen. Gerade diese Liveveranstaltungen sind laut Sundermeyer essenzieller Teil der Radikalisierung: "Die Zurückhaltung der Polizei  erfüllt sie mit einem starken Gefühl der Selbstermächtigung, das mit jedem vergleichbaren Demonstrationsereignis und jedem Flashmob wächst." 

Ebenso klar ist aber, dass die Blitzradikalisierung in und mit sozialen Medien abläuft. Man darf dabei von den Corona-Leugnern oder "Querdenkern" nicht als gleichbleibende Gruppierung ausgehen, die Bewegung war im Sommer 2020 etwas anderes als sie im Herbst 2020 ist, unter anderem, weil sie inzwischen von Ideen der Verschwörungsideologie QAnon regelrecht durchseucht ist. Es folgen daher ausdrücklich Thesen, die näher untersucht und bestätigt oder falsifiziert werden müssen. Drei essenzielle Elemente halte ich inzwischen für die Beantwortung dieser Frage für ausschlaggebend: Warum radikalisieren sich Corona-Leugner so schnell?

1. Emotionale Beweisführung

Aaron T. Beck ist 99 Jahre alt, gilt als Vater der Kognitiven Verhaltenstherapie und kann uns helfen, die Basis der Radikalisierung zu begreifen. Er hat die kognitive Verzerrung namens Emotional Reasoning  beschrieben, auf deutsch "Emotionale Beweisführung". Dabei betrachtet man die eigenen Gefühle als Beweis für die Richtigkeit von Behauptungen. In Sachen Corona bedeutet das etwa: "Ich fühle mich nicht wohl mit einer Maske, also ist sie schädlich."

Die emotionale Beweisführung halte ich inzwischen für den wichtigsten Mechanismus der Bewegung, weil Gefühle über soziale Medien ansteckend wirken können. Denn genau dafür wurden soziale Medien gebaut, die virale Verbreitung des "Engagements", wie man die meist emotional gefärbte Beteiligung am Netzgetöse bezeichnet. Wenn man Angst hat, existiert definitiv ein Grund, um Angst zu haben. Wenn man spürt, da sei etwas faul, dann ist etwas faul. Wenn man sich wütend fühlt, dann ist das der Beweis dafür, dass etwas schiefläuft und jemand verantwortlich sein muss.

Die radikalisierten Figuren in der S-Bahn fühlen sich durch Masken als Symbol der Reaktionen auf die Pandemie bedroht - und weil sie das als Beweis für eine tatsächliche Bedrohung betrachten, gehen sie zum Gegenangriff über. Der Kern der Blitzradikalisierung scheint mir, dass Corona-Leugner die weltweite Unsicherheit, das fehlende Wissen und die Abwesenheit von eingeübten Umgangsweisen rund um die Pandemie bekämpfen, indem sie ihre Gefühle zu Tatsachen machen. Das ist monströs und kaum entschuldbar, aber dadurch ist nicht weniger wichtig zu verstehen, wie die Radikalisierung konkret funktioniert.

2. Verzerrungsblindheit

Ebenfalls eine kognitive Verzerrung  ist die Verzerrungsblindheit, und sie schließt direkt an die emotionale Beweisführung an. Sie bedeutet etwa, dass man sich selbst für kaum oder gar nicht beeinflusst hält. Die ständigen Aufrufe, endlich "aufzuwachen", sind ein Zeichen dafür. Mit dieser knappen Aufforderung wird eine Welt konstruiert, in der es nur zwei Sichtweisen gibt: die falsche derjenigen, die noch schlafen, und die richtige, wenn man endlich aufgewacht ist - sprich: nicht mehr den vermeintlichen Lügen des "Mainstream" folgt.

Die Verzerrungsblindheit ist damit die Vorstufe der Haltung, es gäbe nur eine einzige, klare, eindeutige Wahrheit, in deren Besitz die eigene Gruppe ist. Alle Interpretationen, Meinungen, Uneindeutigkeiten und auch Diskussionen sind Ablenkungen von der reinen Wahrheit. "Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere recht haben könnte", sagte der Philosoph Hans-Georg Gadamer. Man kann ihm (vielleicht) kurz nachsehen, dass er leider nur die männliche Form benutzte und kann dann am Zitat erkennen: Wer von "aufwachen" spricht, hat keinerlei Interesse an einem Gespräch, sondern möchte nur von der eigenen, alternativlosen Position überzeugen. Was wiederum als Dogmatismus eines der Grundmuster der Radikalisierung ist.

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3. Ratlosigkeit und Überreaktion

Der dritte Radikalisierungsmechanismus betrifft - leider - eben nicht nur die Köpfe der Corona-Leugner. Auch wenn das für die aufgeklärte Öffentlichkeit nicht die angenehmste Erklärung ist. Die Menschheit fängt gerade erst an, Corona samt Pandemie zu verstehen. Für viele Zusammenhänge existieren bisher nur wenige oder keine Daten. Weil wissenschaftliche Erkenntnis eben kein linearer, für Laien einfach nachvollziehbarer Prozess ist, entsteht ein Wissensvakuum: die große Corona-Ratlosigkeit.

Die Öffentlichkeit braucht mehr Wissen, Eindeutigkeit und Klarheit, als verfügbar ist. Die Radikalisierung entsteht auch deshalb, weil man dieses Wissensvakuum so einfach, schnell und eindeutig füllen kann. Menschen halten Ungewissheit nur schwer aus, erst recht in Krisenzeiten. Meiner Ansicht nach aber kann durch politische und mediale Überreaktionen die Radikalisierung ebenfalls befeuert werden.

Ein aktuelles Beispiel stammt von Karl Lauterbach, omnipräsenter Corona-Erklärer, der zum allergrößten Teil einen guten und wichtigen Job als Aufklärer wider die pandemische Ratlosigkeit macht. Nun aber hat er ernsthaft vorgeschlagen , die Unverletzlichkeit der Wohnung für Corona-Kontrollen aufzuweichen oder gar auszusetzen. Auch wenn er mittlerweile versucht, das wieder einzufangen  und sich offenbar missverstanden fühlt:  Solche und ähnliche grundrechtlich außerordentlich fragwürdigen Ansätze können regelrecht als Brandbeschleuniger der Radikalisierung funktionieren - weil sie ihrerseits radikal sind. Lauterbachs Äußerung steht im Prinzip für die Aufkündigung der Abwägung, welche Maßnahmen angemessen sind und welche nicht.

Auf Menschen, die vielleicht keine Corona-Leugner sind, aber mit einer gewissen Skepsis auf Regierungshandeln allgemein schauen, kann diese Abkehr vom demokratischen Prinzip der Verhältnismäßigkeit fatal wirken. Sie finden nämlich ihre nachvollziehbare Bestürzung von Corona-Leugnern perfekt aufgefangen: Das lassen wir uns nicht bieten! Und schon ist die erste emotionale Brücke zur Bewegung geschlagen. Der Eindruck, die Politik handele drakonisch und ohne ausreichende Erklärung der Einschränkungen, taugt wohl als Einstiegsdroge der Radikalisierung.

In extrem unnormalen Zeiten geht den Leuten das Gefühl für Normalität ab. Das mag sich banal anhören, aber Alltagsnormalität ist ein wichtiges und wirksames Instrument zur Mäßigung, weil sie ohne große Regelbefolgungsenergie zeigt, was man tun kann und was nicht. Ohne Corona, das erscheint mir sicher, hätte die Gruppe in der S-Bahn kaum ein junges Mädchen belästigt. Corona-Leugner sind ein weiteres Beispiel für die gefährliche Radikalität von Menschen in Extremsituationen.