Sascha Lobo

Psychogramm der Empörten Wie die Corona-Protestanten ticken

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die für Samstag in Berlin geplante Corona-Demo darf wahrscheinlich nicht stattfinden. Aber wer will dort eigentlich auf die Straße gehen? Eine sehr gemischte Gruppe - geeint durch gemeinsame Denkmuster.
Protestkundgebung der Initiative "Querdenken 711" in Stuttgart im Juli 2020

Protestkundgebung der Initiative "Querdenken 711" in Stuttgart im Juli 2020

Foto: Christoph Schmidt / DPA
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"Bitte wickelt 100 Kilometer vor Berlin das Handy in Alufolie ein. Ausschalten reicht nicht!"*

Derartige Maßnahmen werden jetzt wohl nicht nötig sein. Der Berliner Senat hat die geplante Demonstration gegen die Schutzmaßnahmen in der Corona-Pandemie verboten. Es wäre eine überraschend gemischte Gemeinschaft geworden, die am Wochenende in der Hauptstadt zusammenfinden wollte: Friedensaktivisten, Impfgegner, Nato-Gegner, Anthroposophen, Corona-Leugner, Gesundheits-Hippies, Reichsbürger, Antikapitalisten, Pharma-Feinde, Rassisten, esoterisch Veranlagte, besorgte Alternative, Merkel-Skeptiker, Antisemiten, AfDler, Leute, die sich als Freiheitskämpfer sehen, sowie Rechte und Rechtsextreme. Aus dieser Unterschiedlichkeit ergibt sich zwingend die Frage, was diese Gruppierung eigentlich zusammenhält und motiviert.

Ich habe mir die Kommunikation zur Demo und die angrenzenden Communities in sozialen Medien angesehen und wiederkehrende Muster analysiert.

Prinzip Angstporno

"Sie wollen euch und eure Familien mit einer genverändernden RNA-Giftspritze auslöschen."

Beinahe sämtliche Kommunikation rund um die Corona-Demonstration lässt sich als Angstporno betrachten. Angstlust ist ein stehender Begriff der klinischen Psychologie. Dahinter verbirgt sich ein Bewältigungsmuster, nämlich die Angstempfindung und deren Überwindung positiv umzudeuten. Deshalb sind alte Kindermärchen oft so blutrünstig, deshalb sind Grusel- und Horrorfilme so erfolgreich.

"Nach dem 29.8. wird mit Militär der Lockdown umgesetzt: Checkpoints, Drohnen, Ausgangssperren, Pharmadiktatur!"

"Das ist NWO! Die obersten Verbrecher: Vatikan, englisches Königshaus, Rothschild, Rockefeller! Ihr Plan: Massenmord mit Giftspritzen an 7 Milliarden Menschen!"

"Säugling stirbt nach Nasenabstrich für Coronatest"

Das Thema Gewalt gegen Kinder und Babys wird immer wieder variiert, weil hier eine Co-Angst entstehen kann und daraus Wut: Unschuldigen wird Schlimmstes angetan. In der Extremform kann eine Angstsucht entstehen, ein regelrechter Furchtfuror. Aber an den Reaktionen lässt sich für Außenstehende Überraschendes ablesen: Nicht wenige Interessierte nehmen die extremen Aussagen eher als Unterhaltung wahr, kaum jemand glaubt alles, was behauptet wird.

Es handelt sich um ein Spiel mit der Möglichkeit - denn für diese Form der Angstunterhaltung ist der tatsächliche Wahrheitsgehalt kaum relevant. Ungefähr so, wie man sich auch bei einem Film real gruseln kann, obwohl man weiß, dass kein Maskenmörder hinter der Tür lauert, sondern ein Schauspieler. Es geht um eine Verbindung aus Nervenkitzel und diffuser Protesthaltung gegen "die da oben", deshalb fallen die vielen angstbasierten Vorhersagen, die sich als falsch erweisen, nicht ins Gewicht. Die ständigen Appelle, sich auf keinen Fall der Angst hinzugeben, sind ein guter Indikator für das Prinzip Angstporno.

"Habt keine Angst! Keine Angst haben! Nicht in Panik verfallen!"

Magie und Markt

Magie und magische Erzählungen spielen eine große Rolle, weil sie per Definition undurchschaubar und unberechenbar sind und sich damit als Angstporno-Anlass eignen – allerdings handelt es sich um eine moderne Variante. Der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke sagte: "Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden." Nach diesem Muster erscheint Tech-Pionier Bill Gates logischerweise als böser Zauberer und neue Technologien sind nichts anderes als mörderische Magie, 5G ist der böse Drachen des 21. Jahrhunderts.

"Mit 5G können alle Nanometalle in die Zellen eindringen und gezielt durch Elektroforese multiple irreversible Krankheitsbilder erzeugen, wir werden dann Zombies und eingehen."

"Bodenverflüssigung kann man mit Frequenzen steuern."

"Ich habe jahrelang recherchiert zu Tartarien … Thema Schlammflut/Mudflood. Es wurden schon einige Zivilisationen 'weggespült’."

Hier werden Urängste getriggert: Unsichtbare Kräfte verursachen tödliche Krankheiten, Kontrollverlust durch Zombifizierung, der Boden tut sich auf und verschluckt jemanden, die Welt geht unter. Zum Glück gibt es Gegenmittel, überraschend oft werden den abstrusen Angstszenarien konkrete, kaufbare Produkte entgegengestellt. Die Angst überwinden durch Konsum, zum Beispiel von lange haltbaren Notvorräten. Immer wieder finden sich aber auch "Abwehrzauber", eine "Gegenmagie", die in Form eines scharlatanhaften Marktangebots daherkommt.

"Unserer Erfahrung nach das beste Zeolith-Pulver zum Binden und Ausleiten von Schwermetallen, Giften, Viren usw. Bezugsquelle hier"

Die Verbraucherzentrale schreibt wörtlich: "Zeolith – am besten als Katzenstreu geeignet"  und verweist auf den oft gefährlich hohen Aluminium- und Bleigehalt.

Wunsch nach Bedeutung

In der Kommunikation der Corona-Protestanten findet sich immer wieder der doppelte Wunsch nach Bedeutung. Einerseits möchte man selbst eine gewisse Bedeutung haben, andererseits soll das Weltgeschehen gefälligst eine decodierbare Bedeutung mitbringen. Die viel zitierten Verschwörungstheorien sind in der Tat eine wichtige Basis für Wut und Angst – aber man kann sie als Symptom sehen. Denn Verschwörungserzählungen erfüllen beide Anforderungen: die eigene, persönliche Bedeutung, weil man zu den "Aufgewachten" gehört und nicht zu den "Schlafschafen". Und die Weltbedeutung, denn endlich lässt sich die verwirrende Realität in einfache, eindeutige, eingängige Erklärschablonen einteilen.

"Es sind alles gekaufte Handlanger des Deep State. Deep-State = Chasaren-Juden/Vatikan/Illuminati usw."

"Neue Entdeckung wird die Geschichte verändern. Es soll sich um ein Wurzelsystem unterhalb des "Devils Tower" in Wyoming handeln."

Eigene Bedeutung und Weltbedeutung verschmelzen schließlich zum kollektiven Bedeutungsgemenge: Es passiert Historisches und wir sind dabei! Es wird von "zehn Millionen Teilnehmern" der Demo geraunt.

Gemeinschaftsgefühl und Hilflosigkeit

Die Corona-Protestanten empfinden ihre Aktivitäten und Kommunikation als Widerstand. Dabei ordnen sie sich wahlweise in aktuelle oder historische Szenarien ein.

"Sind deutsche Freiheitskämpfer weniger wert als weißrussische"

Antisemitische Vergleiche mit der Judenverfolgung während der Nazizeit gehören ebenso zum Repertoire. Aus der Opfer- und Widerstandspose speist sich das Gemeinschaftsgefühl, wir hier unten gegen die da oben. Es handelt sich um die Umwidmung der eigenen Hilflosigkeit: Gegen eine Pandemie kann man im Prinzip nur passiv still halten; gegen eine Verfolgung durch die Regierung oder eine Verschwörung kann man gemeinschaftlich aktiv kämpfen. So wird kollektiv die eigene Hilflosigkeit und Wut in ein handlungsorientiertes Gemeinschaftsgefühl verwandelt.

"Millionen Freidenker kommen nach Berlin!"

"Wer hätte je gedacht, dass freies Atmen in der Öffentlichkeit als egoistisch und soziales Verbrechen gilt?"

"Lasst Euch nicht spalten. Wir schaffen das nur gemeinsam. … Da ist für JEDEN was dabei. Eine Große weltweite Menschheitsfamilie."

Elitenverachtung und Untergangssehnsucht

Die antisemitischen Verschwörungserzählungen  von QAnon durchdringen wie ein feines Pilzmycel einen großen Teil der Kommunikation der Corona-Protestanten. Besonders anknüpfungsfähig sind die Wut auf "Babyfresser" und der Hass auf die "Eliten". Die Elitenverachtung erscheint als zentraler Antrieb der gesamten Bewegung und lässt sich in beliebige Richtungen drehen: etwa als Judenhass, als Antiamerikanismus, als Medienverachtung, als vulgäre Kapitalismuskritik, als Demokratieablehnung, als Phantasma einer weltbeherrschenden Pharma-Mafia oder als Putin-Verehrung, die als schlecht getarnte Ablehnung des westlichen Liberalismus funktioniert. Weil die "Eliten" stets nach der Unterwerfung oder Auslöschung der vielen streben, ist mit der Elitenverachtung eng die Untergangssehnsucht verbunden.

"Das Problem der Illuminaten Freimaurer ist, dass sie glauben, die frei geborenenen Menschen würden bald alle in ihren Corona Konzentrationslagern enden!"

"Legt Euch Vorräte für 3-5 Monate an! Minimum sind 3 Monate. Das ist kein Scherz. … Denkt auch an eure Haustiere!"

Dabei werden angstlustvoll noch die abseitigsten Szenarien formuliert und weitergesponnen. Ein YouTuber schneidet Szenen aus der deutschen Netflix-Serie "Dark" zusammen, in der ein Atomkraftwerk explodiert. Das Video wird als scheinplausible Vermutung verbreitet, begleitet von Scheindistanzierungen. Dieses Spiel mit meist abenteuerlichen Inhalten – sind sie wahr oder nicht? – bewirkt einen Nervenkitzel, der einem Echtzeit-Horrorvideospiel nahe kommt.

"Ich verteile generell ungern Angstpornos! Dennoch sollte sich das einmal jeder ansehen. Passiert das deutsche 9/11 im September? … Es geht um einen spekulativen Angriff auf das Atomkraftwerk in Brokdorf … Zugegeben, es erscheint mir etwas hergeholt, aber dem Deep State ist gerade in der aktuellen Lage – in der mehr Menschen aufwachen – alles zuzutrauen. Bitte nicht in Panik und Angst verfallen."

"Mir ist bei meiner Recherche bezüglich Fukushima etwas aufgefallen. Es deckt sich mit der Vermutung Brokdorf. Und die Zahl 11 ist eben dort in Fukushima sehr präsent gewesen. Wir sollten es ernst nehmen."

Im Sommer 2020 berichten mehrere Regionalzeitungen, dass Jodtabletten verteilt werden. Die Links werden mit der bangen, raunenden Frage geteilt: "Warum gerade jetzt?" Die Antwort steht zwar in den verlinkten Artikeln, seit 2019 gilt die neue Strahlenschutzverordnung, nach der die Vorsorge etwa mit Jodtabletten für den Fall eines Atomunglücks neu geregelt wird. Das spielt aber keine Rolle, weil für die meisten Leute bereits plausibel scheinende Details ausreichen, um das gesamte Gedankengebäude drumherum für richtig zu halten. Zwischen "wahr" und "wahrscheinlich" wird nicht mehr unterschieden und weil "wahrscheinlich" nach radikal subjektiven Kriterien eingeschätzt wird, verschwimmt der Bezug zur Realität manchmal völlig.

Erlösungserzählung

Die vielen Hiobsbotschaften, Weltuntergangsbedrohungen und Katastrophen ließen sich kaum aushalten ohne Aussicht auf ein Happy End, nämlich eine Erlösungserzählung. Die findet sich im Kleinen, zum Beispiel mit der Hoffnung, dass so viele Leute zur Demo nach Berlin kommen, dass die Regierung zurücktreten muss. Diese Hoffnung verbindet Menschen miteinander, die sonst kaum politische Überschneidungen haben oder sogar verfeindet sind – aber für die größere Sache kann man auch mal über seinen politischen Schatten springen. Das aktiviert ungemein.

Die Erlösungserzählung findet sich aber auch im Großen und kann dann in gefährliche, meist nationalistisch und autoritär gefärbte Stimmungen umschlagen. Corona erscheint vielen Demo-Interessierten als eine Wende der Geschichte, als Moment des großen Wandels. Weil religiöse Erlösungsphantasien sehr verbreitet sind, kann man "Corona-Protestanten" sehr wörtlich nehmen. Weltlicher orientierte Gemüter sprechen von "Gesara", der Kurzform von "Global Economic Security and Reform Act", was einer amerikanischen Gesetzgebung nachempfunden ist und mit dem Gefühl "Phoenix aus der Asche" übersetzt werden kann. Viele sehnen einen "Friedensvertrag" herbei, was als Codewort für die Abschaffung der gegenwärtigen liberalen Parteiendemokratie betrachtet werden muss, zumindest jedoch als Sturz der Regierung Merkel. In der radikalsten Variante mündet der Corona-Protest im extremistischen Wunsch nach dem Tag X, dem Tag der mordlüsternen Abrechnung mit der verhassten liberalen, multikulturell geprägten Gesellschaft.  

"Die Demo geht so lange, bis der Friedensvertrag unterzeichnet ist!"

"Deutschland wird im Lichterkranze Christi wiedererstehen und zum glücklichsten Volk auf Erden werden!"

"Besorgt euch Munition. Es geht jetzt um das Überleben unseres Volkes."

Die für den 29. August geplante und nun untersagte Demo wurde maßgeblich von der Bewegung "Querdenker 711" initiiert. Die wiederum ist selbst unter den Corona-Protestanten nicht unumstritten und wird manchmal als Ablenkungsmanöver und Teil der "Verschwörung" beschrieben. Die Demo aber stieß in der gesamten rechten und rechtsextremen Szene auf großes Interesse. Denn die beschriebenen Mechanismen fügen sich nahtlos in rechte Erzählungen ein.

Es ist gar nicht mehr die Frage, ob Rechtsextreme die Corona-Protestanten unterwandern  – ihre Inhalte und Überzeugungen sind in der Kommunikation ein akzeptierter Teil des Protestes. Die Rechtsextremen haben ihr Ziel der Normalisierung quer durch das esoterische Bildungsbürgertum erreicht.

"Querdenker: Das ist mehr als ein Widerstand gegen die Corona-Diktatur."

Ja. Viel mehr.

* Alle kursiven Zitate stammen aus Demo-nahen Kanälen, Gruppen und Seiten in verschiedenen sozialen Medien. Sie sind teilweise der Verständlichkeit halber ohne Sinnentstellung gekürzt.

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