Foto: Max Heber / DER SPIEGEL

Cyberbunker Einblick in die dunkelste Ecke des Internets

Es war eine der wichtigsten Darknet-Schaltstellen in Deutschland, sie beherbergte kriminelle Marktplätze für Drogen, Falschgeld oder Kreditkartendaten. Zäune und Wachhunde schotteten das düstere Rechenzentrum ab. Ein Rundgang in Fotos und Grafiken.

Für die rund 5600 Einwohner des Städtchens Traben-Trarbach an der Mosel war der Bunker im Inneren des Mont Royal mehr als nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. "Unser Bunker" nannten ihn viele hier fast zärtlich. Fast vier Jahrzehnte lang befand sich darin der Standort des Geoinformationswesens. Jobs für 400 Menschen, 200 von ihnen wohnten im Ort. Der Entschluss, den Standort zu schließen, fiel im Jahr 2007. 

DER SPIEGEL 21/2020

Im Bunker des Bösen

Wie ein altes Militärgelände an der Mosel zur Schaltstelle des internationalen Verbrechens wurde

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Fünf Jahre später war der Auszug der Bundeswehr abgeschlossen. Während des aktiven Betriebs kümmerten sich zwölf Personen um die Technik. Lüftung, Öltanks, Grundwasserpumpen - die Instandhaltung eines Bunkers ist teuer. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) suchte deshalb für die Liegenschaft möglichst zeitnah einen Käufer.

Sie fand ihn in dem Niederländer Herman Johan Xennt, dem früheren Eigentümer des Unternehmens Cyberbunker, einem Webhoster, der nach eigenen Angaben jede Art von Kundengeschäft akzeptiere, "mit Ausnahme von Kinderpornografie und allem, was mit Terrorismus zu tun hat". Kaufsumme der Liegenschaft: 450.000 Euro.

Satellitenaufnahmen: Google Maps

Auf über 130.000 Quadratmeter finden sich dort: eine Torwache, ein Hubschrauberplatz, ein Antennenfeld, ein großzügiges Wohngebäude mit Parkplätzen. Der neue Besitzer ließ Erdwälle als Sichtschutz aufschütten und Wachhunde übers Gelände laufen. Das Kernstück der Anlage jedoch ist von außen kaum zu sehen.

Ein fünfstöckiger unterirdischer Bunker, 25 Meter tief. Grundfläche: 50 mal 50 Meter, durch eine Schleuse ebenerdig betretbar, mit autarkem Notstromsystem ausgestattet - eine Festung.

Die Flure der Geschosse wurden schon zu Bundeswehrzeiten in verschiedenen Farben angelegt: Erdgeschoss beige, erstes Untergeschoss gelb, zweites rot, drittes grün, viertes blau. Intern nannte man diese Geschosse "Solen". Auf "Sole Gelb", Untergeschoss eins also, befanden sich eine Art Kommandozentrum und Büros, darunter jenes von Xennt.

In Untergeschoss zwei, "Sole Rot", befand sich die Power des Rechenzentrums. Auf insgesamt 403 Server stießen die Ermittler im gesamten Komplex. Dazu kamen 36 PCs, 10 Laptops, 585 Festplatten und 12 SIM-Karten.

Auf "Sole Grün", Untergeschoss drei, folgte die für den Betrieb der Anlage entscheidende Infrastruktur. Darunter ein riesiger Block aus Batterien zur Überbrückung der Zeitspanne, bis die Notstromgeneratoren (Schiffsdieselmotoren) anlaufen. So konnte eine unterbrechungsfreie Stromversorgung gewährleistet werden.

Xennts Truppe bewarb die Miete ihrer weit über den marktüblichen Preisen liegenden Server damit, dass diese garantiert immer online bleiben würden, "no matter what". Eine der Grundlagen für solche Versprechen befand sich auf Untergeschoss vier, "Sole Blau": Hier waren noch aus Bundeswehrzeiten die riesigen Öltanks eingebaut.

Fotostrecke

Das ist der Cyberbunker in Traben-Trarbach

Foto: MARCUS KAUFHOLD / DER SPIEGEL

An der Razzia im September des vergangenen Jahres waren insgesamt 650 Polizisten beteiligt. Der Chef des Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz meinte damals: Es sei ein Riesenerfolg, "dass es uns überhaupt gelungen ist, mit Polizeikräften in die Bunkeranlage, die nach wie vor auf höchstem militärischem Niveau gesichert ist, einzudringen". 

Ob es nun auch gelingt, die Betreiber des Serverzentrums zu belangen, wird sich in einigen Monaten zeigen. Dann wird der Prozess gegen Xennt und seine Truppe erwartet. Der Ausgang ist allerdings höchst ungewiss und könnte für den Staat im schlechtesten Fall zu einer riesigen Blamage werden. Warum das so ist, lesen Sie hier in der großen SPIEGEL-Rekonstruktion des Falls.  

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