Sascha Lobo

Debattenkultur Diagnose: Vorzeitiger Nachrichtenerguss

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die Erstinformation zu einem Ereignis ist meist die einflussreichste. In sozialen und traditionellen Medien wird sie geteilt, kommentiert und verfestigt die Meinung des Publikums - auch wenn sie falsch ist.
Polizeieinsatz in Leipzig-Connewitz zum Jahreswechsel

Polizeieinsatz in Leipzig-Connewitz zum Jahreswechsel

Foto: Sebastian Willnow/ dpa

Ein gar nicht seltenes Merkmal von Ereignis-Debatten im 21. Jahrhundert ist, dass man sie schon Stunden nach ihrer Entstehung kaum mehr erträgt. Das liegt auch an der extremen Beschleunigung: In sozialen Medien ist schon kurze Zeit nach einem beliebigen Großereignis jede Position und Gegenposition eingenommen, jeder Gag und jede Trollerei gemacht, jede noch so fernliegende Einordnung unternommen und jede Metaebene erklommen worden. Die Öffentlichkeit dürstet dann nach dem Gefühl neuer Fakten oder neuen Entwicklungen, und alles beginnt fast wieder von vorn. Aber je größer ein Ereignis auf den ersten Blick scheint, desto wirkmächtiger ist der informationelle Erstschlag. Mit den sozialen Medien und ihrer Wirkung auf redaktionelle Medien ist eine neue Kategorie von potenziellen Fake News entstanden. Sie hat offenbar noch keinen Namen, deshalb schlage ich vor: 

Praecox-News oder Vorzeitiger Nachrichtenerguss.

Es handelt sich dabei um lautstarke News, die nach dem Anscheinsprinzip arbeiten, also einen manchmal zweifelhaften oder erkennbar unvollständigen Zwischenstand als valide nachrichtliche Erkenntnis verkaufen. Und im Gefolge Meinungsbeiträge, Interviews, Wortmeldungen, Zitate und Metaartikel darauf aufbauen. Schlimmer noch: So wird die Wahrnehmung des Publikums geprägt. Wie schnell das geschehen kann, zeigt ein klassischer Fake-News-Fall. Anfang 2017 erwähnte Trumps Beraterin Kellyanne Conway in mehreren Interviews ein Bowling-Green-Massaker . Umfragen wenig später ergaben, dass 51 Prozent der Trump-Wähler Bowling Green ausdrücklich als Rechtfertigung  für Trumps extreme Exekutiv-Maßnahmen betrachteten. Das Problem: Es gab nie ein Bowling-Green-Massaker. Das Publikum hatte beim Erstkontakt eine Meinung entwickelt, die von rasch folgenden Richtigstellungen kaum beeinflusst wurde.

Wie viele Kritiker haben den "Umweltsau"-Song selbst angehört?

In den letzten Wochen haben wir eine Reihe von Ereignis-Debatten erlebt, die zwar schwer erträglich, aber doch notwendig waren, etwa die #Umweltsau-Debatte des WDR oder die Diskussion über den Silvester-Konflikt um die Leipziger Polizei in Connewitz. In beiden Fällen waren Praecox-News nicht bloß vorhanden – die vorzeitigen Nachrichtenergüsse waren in vielerlei Hinsicht debattenprägend. Kein Zufall, dass die "Bild"-Zeitung, die Praecox-News zum Boulevard-Prinzip erhoben hat, in beiden Debatten nicht nur Berichterstattung, sondern aktive Politik betrieben hat.

Die #Umweltsau ist überhaupt nur groß geworden, weil NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und die "Bild"-Zeitung auf den Zug der Empörung aufgesprungen sind. Der wiederum von Rechten angeschoben  oder initiiert worden sein mag – an dem sich aber schon kurze Zeit später eine Vielzahl verschiedener Leute mit unterschiedlichem politischen Hintergrund beteiligt hat. Es ist mir persönlich ein komplettes Rätsel, wie man ohne bewusstseinsverbiegende Drogen erst "Je suis Charlie" und "Pressefreiheit!!!" rausschreien und dann den harmlosesten Satiresong des Universums für eine unzumutbare Entgleisung halten kann. Das liegt meiner Ansicht nach an einem Praecox-Phänomen, denn es kam mir nicht so vor, als hätte die Mehrzahl der Leute den Song gehört oder den Kontext gesehen, bevor sie sich geäußert haben. Und schlimmer noch: Fast niemand scheint nachgeschaut zu haben, wie genau der Empörungssturm entstanden ist und ob eventuell eine absichtsvolle Manipulation vorlag.

Aber die Debatte hatte auch etwas Gutes, sie hat nämlich offenbart, dass Tom Buhrow komplett untauglich für die WDR-Intendanz ist. Sowohl sein Wissen über digitale Öffentlichkeiten als auch sein Rückgrat bestehen offensichtlich aus Antidiamant, dem weichstdenkbaren Material der Welt. Man stelle sich eine Sekunde lang vor, wie Werk und Leben von Jan Böhmermann verlaufen wären, wenn er derart angstgetriebene Vorgesetzte gehabt hätte. Buhrow hätte Böhmermanns Kopf wahrscheinlich auf einem güldenen Tablett aus purem Gold persönlich in den Präsidentenpalast nach Ankara gebracht und sich bei der Übergabe für die Existenz des WDR, Kölns und der EU entschuldigt.

Irreführung der Medien und des Publikums

Interessanter – und leider wichtiger – ist aber das fortgesetzte Debakel um die Ereignisse der Silvesternacht in Leipzig. Die dortige Stadtzeitung namens "Kreuzer" ist schon häufiger mit detaillierten Analysen und klugen Einschätzungen aufgefallen und hat unterdessen sogar ein Video einiger entscheidender Situationen  aufgetan. Insbesondere auch durch die Recherchen der "taz " wird nach und nach ein Schuh erkennbar, den sich fast die gesamte bundesdeutsche Medienlandschaft anziehen muss:

Praecox-News als politisches Instrument. Traurigerweise hat das mustergültig weder Putin noch Trump vorgeführt – sondern die Leipziger Polizei in Verbindung mit Politik und Medien.

Die Erstinformation zu einem Ereignis ist seit jeher in den meisten Fällen die einflussreichste – aber mit den sozialen Medien hat sich eine besondere Dynamik entwickelt. Das liegt vor allem an der hohen Geschwindigkeit, der Bereitschaft zur Zuspitzung und vor allem an der Eigenart, dass die Verbreitung in sozialen Medien viral und situativ erfolgt und sich niemals wiederholen lässt. Geteilt wird, was genau jetzt interessant erscheint, es ergibt sich eine völlig einzigartige Kette von Informationsweitergaben. Deshalb ist die Richtigstellung einer Nachricht in sozialen Medien oft eher symbolischer Natur – sie erreicht praktisch niemals die gleichen Leute, die eine falsche Ursprungsnachricht sahen. Eigentlich müsste das bei allen redlichen Beteiligten an nachrichtlichen Prozessen zu größerer Sorgfalt führen. Das Gegenteil ist der Fall, das vermeintliche Diktat der Geschwindigkeit verlockt Medien und Multiplikatoren zu Schnellschüssen.

Die Leipziger Polizei hat – man muss das inzwischen wohl so drastisch sagen – in der Kommunikation zu den Geschehnissen der Silvesternacht in Connewitz die Medienlandschaft irregeführt. Und zwar unter absichtlicher oder unabsichtlicher Ausnutzung des Phänomens Vorzeitiger Nachrichtenerguss. Eine Reihe von Medien ist bereitwillig darauf eingestiegen, das Publikum in sozialen Medien ohnehin. Von den Blitzbehauptungen der Polizei, es habe eine Notoperation gegeben, weil ein Polizist schwer verletzt worden sei und mehr oder weniger um sein Leben ringe, ist nichts übrig geblieben. Buchstäblich nichts, und die Welt weiß das nicht von der Polizei, sondern weil die "taz" im Krankenhaus nachgefragt hat und der "Kreuzer" hartnäckig drangeblieben ist. (Anmerkung der Redaktion: Auch auf SPIEGEL.de ist in den ersten Meldungen zum Thema von einer Notoperation die Rede gewesen.) Die "Bild"-Zeitung dagegen ließ den populistischen Schummel-Polizisten Rainer Wendt sogar von einer "neuen RAF" fabulieren.

Die Polizei ist oft selbst Partei

Es gab und gibt linke Gewalt gegen Polizisten, die ich für inakzeptabel in jeder Dimension halte – aber einerseits zeigen die Connewitz-Ereignisse, dass Übertreibungen und Unwahrheiten behördlicherseits ein echtes Problem sind. Und andererseits leben wir in Zeiten von aufdringlich vielen Einzelfällen rechtsextremer Umtriebe gerade in polizeinahen Behörden. Wenn man "rechtsextremer Polizist " googelt, findet man über 250 Ergebnisse, darunter viele Medienmeldungen. Wenn man "linksextremer Polizist " googelt, findet man ein einziges Ergebnis. Und zwar einen Twitter-Scherz.

Wir leben in Zeiten, in denen Nazis Synagogen überfallen und seit 1990 rund zweihundert Menschen ermordet worden sind von Rechtsextremen. Zum Vergleich: Die offiziellen BKA-Zahlen sprechen von sechs Toten durch linksextreme Gewalt im gleichen Zeitraum. Aber hier ist nicht nur die "Bild"-Zeitung schuld. Jede Menge einflussreiche Politiker, vor allem Konservative, eskalierten in sozialen Medien. Es hätte nicht viel gefehlt für die Bundestagsmehrheit eines Atombombenabwurfs auf Connewitz.

Schon im Sommer 2019 mahnte der Deutsche Journalistenverband, professionell arbeitende Journalisten sollten unbedingt „Polizeiberichte kritisch hinterfragen“ . Die Polizei ist aus vielen Gründen oft selbst Partei eines nachrichtenwerten Geschehens. Zum Beispiel, weil wie jetzt in Leipzig ein für die Polizeipolitik wichtiger Wahlkampf ansteht. Oder weil auch die Polizei an Erfolgen gemessen wird, woraus sich wiederum budgetäre Konsequenzen ergeben. Oder weil auch Polizisten politische Haltungen haben, die wiederum abfärben auf die Interpretation der Geschehnisse, ob sie das zugeben mögen oder nicht.

Am Beispiel der Berichterstattung zu den Vorfällen in Leipzig-Connewitz hat sich gezeigt, dass Vorzeitige Nachrichtenergüsse als neue Kategorie von Fake News mithilfe von sozialen Medien besonders eindrucksvoll missbraucht werden können. Dass die deutsche Medienlandschaft keine sinnvolle Fehlerkultur für die heutige Echtzeit-Berichterstattung entwickelt hat. Das ist ein bisher völlig ungeklärtes Problem: Wie geht man verantwortungsvoll mit Korrekturen um in einer Zeit, in der die spontane Verbreitung über soziale Medien unwiederholbar ist, was Reichweite und Prägung des öffentlichen Eindrucks angeht?

Manche Journalisten müssen jetzt schmerzlich erkennen , dass die Polizei manchmal nicht in jeder Dimension die Wahrheit kundtut. Was wiederum auf einen Fall verweist, der größer und schlimmer ist als Connewitz. In diesen Tagen jährt sich der Tod von Oury Jalloh. 2005 starb der Mann aus Sierra Leone in einer Dessauer Gefängniszelle, wo er gefesselt seine feuerfeste Matratze angezündet haben soll – und das ist nicht die einzige, bittere Absurdität . Es handelt sich um ein finsteres Beispiel davon, wie wenig politisches Interesse an der Aufklärung eines möglichen Mordes durch Polizisten besteht. Und der Fall zeigt erneut, dass Polizei und Behörden in medialem Sinn selbstredend mit staatsbürgerlichem Respekt – aber eben nicht mit grenzenloser Gutgläubigkeit begegnet werden darf.

Anmerkung des Autors: Ich bin - für einige Menschen vielleicht überraschend - für eine starke, rechtsstaatliche Polizei und zugleich für eine deutlich intensivere demokratische und vor allem unabhängige Kontrolle der gesamten Exekutivgewalt. Ende 2019 habe ich für das BKA einen Vortrag über Soziale Medien gehalten, bei dem von Anfang an abgesprochen war, dass ich das komplette Honorar als Spende an Organisationen meiner Wahl weiterreiche. Empfänger werden einerseits die Organisation Papatya  und andererseits die Initiative Oury Jalloh  sein.