Fotosoftware Luminar Neo im Test Wenn die KI tagsüber Sterne leuchten lässt

Mithilfe künstlicher Intelligenz soll die Software Bilder von digitalem Schmutz und störenden Stromleitungen befreien. Kann sie genug, um Adobe Lightroom vom Thron zu stoßen? Der Vergleich.
Mehr Drama auf der Weide: Die Bildbearbeitungssoftware Luminar Neo löscht automatisch Stromleitungen aus dem Foto und tauscht mit wenigen Klicks den Himmel aus.

Mehr Drama auf der Weide: Die Bildbearbeitungssoftware Luminar Neo löscht automatisch Stromleitungen aus dem Foto und tauscht mit wenigen Klicks den Himmel aus.

Foto: DER SPIEGEL / Skylum

Der Begriff künstliche Intelligenz (KI) wird oft als Marketing-Schlagwort verwendet. Doch im Bereich der Bildbearbeitung macht diese Technologie seit Jahren beachtliche Fortschritte, ist unter anderem ein wichtiger Teil der Foto-Apps vieler Smartphones. Da wundert es nicht, dass die Softwarefirma Skylum regelrecht mit KI-Buzzwords um sich warf, als sie vergangenen Woche die neue Bildbearbeitungs-Software Luminar Neo vorstellte.

Die Software soll es Fotografinnen und Fotografen unter anderem leichter machen, störende Stromleitungen aus einem Foto zu löschen, Schmutzflecken zu entfernen oder einen wolkenverhangenen grauen Himmel gegen einen strahlend blauen auszutauschen. Aufgaben für Bildbearbeitungsprofis, die hier von einer KI erledigt werden sollen.

Doch: wie gut analysiert die KI wirklich, was auf einem Foto zu sehen ist? Kann das Programm Profiwerkzeugen tatsächlich das Wasser reichen? Wir haben Luminar Neo ausprobiert und mit seinen neuen Funktionen gegen Adobe Lightroom antreten lassen.

Weg mit den Stromleitungen

Der Stromleitungs-Radierer von Luminar Neo funktioniert beeindruckend gut. Aus dem Himmel retuschiert die Software die Kabel locker weg. An Gebäuden hinterlässt die KI aber oft Streifen
Der Stromleitungs-Radierer von Luminar Neo funktioniert beeindruckend gut. Aus dem Himmel retuschiert die Software die Kabel locker weg. An Gebäuden hinterlässt die KI aber oft Streifen

Der Stromleitungs-Radierer von Luminar Neo funktioniert beeindruckend gut. Aus dem Himmel retuschiert die Software die Kabel locker weg. An Gebäuden hinterlässt die KI aber oft Streifen

Foto: DER SPIEGEL / Skylum / DER SPIEGEL / Skylum

Eine Hängematte baumelt am Straßenrand. Ein Kind lehnt entspannt an einem parkenden Auto, während sich ein Bus durch das verschlafene Dorf quält. Und dann sind da noch diese vielen Stromleitungen, die sich quer durch das karibische Flair dieses Fotos spannen. Genau dafür hat Luminar Neo eine Funktion: Der KI-Radierer lässt die störenden Kabel aus dem Bild verschwinden.

Der Leitungsradierer-Effekt ist wirklich verblüffend. Das Tool funktioniert vor allem dann ausgezeichnet, wenn sich die Linien durch den Himmel ziehen. Selbst Fragmente von Bergen, Tannen und Wolken im Hintergrund stellt die Software wieder so her, dass man kaum bemerkt, dass dort vorher etwas anders war. Schwierigkeiten bekommt Luminar Neo erst, wenn sich Gebäude hinter den Leitungen auftürmen. Beim solchen Motiven kommt die Software durcheinander, löscht auch mal einen Zaun aus oder schmiert Farbe über Fassaden.

Wer viele Stromleitungen aus Bildern tilgen muss, kommt mit Luminar Neo deutlich schneller zum Ziel als mit Lightroom. Bei Adobes Foto-Tool ist Handarbeit angesagt. Lightroom erkennt zwar auffällige Objekte wie Menschen und Tiere mit Leichtigkeit, aber Stromleitungen müssen manuell retuschiert werden. Mit Kopierstempel und Objektentferner erzielt man zwar das gleiche Ergebnis. Dafür benötigt man aber Geduld und Erfahrung.

Eine KI beim Staubwischen

Der KI-Staubwischer von Luminar Neo erkennt fast alle Flecken auf dem Foto. Allerdings löscht die Software auch Linsenreflexionen, die gewollt im Bild aufleuchten
Der KI-Staubwischer von Luminar Neo erkennt fast alle Flecken auf dem Foto. Allerdings löscht die Software auch Linsenreflexionen, die gewollt im Bild aufleuchten

Der KI-Staubwischer von Luminar Neo erkennt fast alle Flecken auf dem Foto. Allerdings löscht die Software auch Linsenreflexionen, die gewollt im Bild aufleuchten

Foto: DER SPIEGEL / Skylum / DER SPIEGEL / Skylum

Staubflecken auf der Kameralinse oder dem Sensor verursachen nervige Pixelfehler, die man oft erst bemerkt, wenn man aus dem Urlaub zurück ist und die Fotos auf dem großen Bildschirm anschaut. In hellen Bildbereichen – einem strahlend blauen Himmel oder einer Skipiste – fallen Schmutzpartikel besonders auf. Fussel zeigen sich meist in Form kleiner Würmer, Staubkörner als verwaschene Punkte. Lumina Neo bietet einen Radierer an, der solche Bildfehler automatisch korrigieren soll.

In unserem Test klappt das einwandfrei. Vor allem Schmutzflecken auf konturschwachen Hintergründen erkennt das Tool problemlos. Auf unregelmäßigeren Oberflächen wie einem unruhigen Ozean übersieht die KI allerdings ein paar Schmutzpunkte, die manuell mit dem Radierer-Werkzeug gelöscht werden müssen.

Bei Lightroom werden Schmutzflecken nicht automatisch herausgepickt. Fotografen müssen hier zum Korrekturpinsel greifen und die Störpartikel einzeln entfernen. Allerdings greift hier die Software unterstützend ein: Wer einen Fleck markiert hat, bekommt automatisch einen Bereich angezeigt, den das Stempelwerkzeug kopiert und über den Fleck malt. Das ist etwas mehr Arbeit, führt aber zum gleichen Ergebnis.

Das Motiv in den Vordergrund stellen

Bis auf ein paar abstehende Haare stellt Luminar Neo die Personen auf einem Bild sauber frei
Bis auf ein paar abstehende Haare stellt Luminar Neo die Personen auf einem Bild sauber frei

Bis auf ein paar abstehende Haare stellt Luminar Neo die Personen auf einem Bild sauber frei

Foto: Charles Sykes / Invision via AP/dpa/Skylum / Charles Sykes / Invision via AP/dpa/Skylum

Unter Grafikerinnen und Grafikern gilt das Freistellen, sozusagen das digitale Ausschneiden, eines Motivs als komplizierte und zeitaufwendige Königsdisziplin. Kein Wunder, dass viele Softwarehersteller versuchen, diese Aufgabe mithilfe künstlicher Intelligenz zu erledigen, auch Luminar Neo.

Das Tool trennt Gesichter per Mausklick vom Rest des Bildes, ordnet Anzüge, Pullover und Kleider richtig zu. Erst als wir ihr das Porträt einer Person mit abstehenden Locken vorlegten, konnte die Software in unserem Test das eine oder andere Haar nicht von der Backsteinwand im Hintergrund trennen.

Sobald ein Motiv auf diese Weise freigestellt ist, kann man festlegen, wie unscharf der Hintergrund werden soll. Dann wirkt das Foto, als hätte man eine teure Kameraausrüstung verwendet. Skylum hat angekündigt, dass man den Hintergrund nach einem zukünftigen Update auch komplett austauschen können soll. Mit der getesteten Version 1.0.1 war das noch nicht möglich.

Bei Lightroom gehört automatisches Freistellen zu den Basiswerkzeugen. Auch hier müssen Grafiker nicht mehr wie früher mühsam die Konturen des Motivs nachzeichnen, sondern können sich auf die Software verlassen. Hier hat Lightroom einen klaren Vorteil: Es werden nicht nur Gesichter erkannt, sondern auch Tiere, Pflanzen und sogar Straßenschilder. Damit können auch Porträts von Katzen freigestellt und die Tiefenschärfe im Hintergrund angepasst werden.

Auf dem Weg in die Profiliga

Luminar Neo erleichtert Hobbyfotografen mit schlichten Menüs, bunten Buttons und selbsterklärender Beschriftung den Einstieg in die Welt der Bildbearbeitung. Stimmungsfilter, Farb- und Beleuchtungsregler gibt es hier ebenso wie bei Lightroom. Tools wie der Stromleitungs-Radierer, der Bokeh-Schieberegler und der Himmelstauscher sind beeindruckende Extras.

Allerdings stoßen Bildprofis bei Luminar Neo schnell an Grenzen. Lightroom hat für fast jede Funktion noch ein paar Regler mehr, etwa, um Farben, Helligkeit und Kontraste im Detail anzupassen. Auch fehlen Luminar Neo Basiswerkzeuge wie ein Rückgängig-Knopf, der einen versehentlichen Wisch mit dem KI-Radierer ungeschehen macht. Ein Histogramm gibt es ebenso wenig wie einen Kopierstempel. Einige dieser grundlegenden Funktionen sollen allerdings per Update nachgeliefert werden .

Fotostrecke

Luminar Neo: So schlägt sich das KI-Grafiktool gegen Lightroom

Foto: DER SPIEGEL / Skylum

Lightroom kann das alles schon eine ganze Weile. Doch vor allem bei der Katalogisierung punktet die Adobe-Software. Bilder können mit Schlagworten gekennzeichnet, nach Kamera sortiert und mit Sternen bewertet werden. Wer seine Fotos nach einem ersten Kurzcheck bearbeiten will, kann so beispielsweise alle Ein-Stern-Fotos aussortieren. Da kann Luminar Neo mit seiner schlichten Favoriten-Funktion nicht mithalten.

Der Marktmacht von Adobe sind sich die Entwickler von Skylum bewusst und sehen ihre Software für einige Fälle als sinnvolle Ergänzung zu den Adobe-Produkten. So lässt sich Luminar Neo auch als Plug-in in Photoshop und Lightroom einklinken, wenn man seine KI-Funktionen nutzen, aber nicht auf die Fähigkeiten der Adobe-Produkte verzichten will.

Fazit

Wer flink ein paar Bilder verbessern will und keine Lust hat, sich durch ein kompliziertes Reglerwirrwarr zu hangeln, ist mit Luminar Neo an der richtigen Adresse. Die Menüs sind schlank und übersichtlich, die Bedienung schnell gelernt. Im Handumdrehen haben selbst Anfänger eine hübsche Unschärfe ins Porträtfoto gezaubert, dem Bild einer Burgruine einen mystischen Touch verliehen und Stromleitungen aus der Berglandschaft radiert.

Für Hobbyfotografen ist die Software ein bequemer Einstieg in die Bildbearbeitung. Mit einem Preis von rund 80 Euro ist Luminar Neo langfristig außerdem deutlich günstiger als Lightroom und zahlt sich nach etwa sechs Monaten aus. Lightroom bietet Adobe nur im Abo an, für knapp zwölf Euro pro Monat.

Lightroom ist allerdings deutlich komplexer, setzt einen langen Lernprozess voraus und verlangt den Nutzern mehr manuelle Eingriffe in die Bildbearbeitung ab. Wer beruflich Fotos bearbeiten muss, kommt um die Adobe-Software nicht herum. Lightroom bietet einfach mehr Werkzeuge, mehr Möglichkeiten einzugreifen und die bessere Bilderverwaltung.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Skylum sei eine US-Firma. Tatsächlich hat sie einen Standort in den USA, wurde aber in der Ukraine gegründet. Die im Artikel erwähnten zeitnah geplanten Luminar-Updates können vom dortigen Team aufgrund der aktuellen Lage nicht garantiert werden, teilte Skylum am Samstag mit .