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3-D-Film "Hugo Cabret" Scorseses Paris kommt aus Frankfurt

Martin Scorseses zauberhafter Film "Hugo Cabret" stammt zu großen Teilen aus dem Computer. Das digitale Paris, in dem ein Waisenjunge Abenteuer erlebt, hat das in Frankfurt gegründete Unternehmen Pixomondo errechnet. "Hugo" brachte ihm eine Oscarnominierung ein - und viel Kopfzerbrechen.

Hamburg - Es schneit in Paris. Große, weiche Flocken schweben aus einem bewölkten Himmel, fallen auf Hausdächer, bleiben auf dem Dach eines dampfspuckenden Zuges liegen, der in ein Bahnhofsgebäude aus Stahl und Glas einfährt. Die Kamera schwebt in einer geschmeidigen Bewegung vom Himmel herab, nimmt die Bewegung des Zuges auf, rast unter der Dachkante hindurch in die Bahnhofshalle. Schließlich endet der rasante Flug vor dem Zifferblatt einer gewaltigen Bahnhofsuhr, durch das zwei Kinderaugen spähen. Martin Scorsese ist bekannt für solche überlangen Kamerafahrten: Die Ballszene in "Zeit der Unschuld", die minutenlange Steadycam-Verfolgung durch eine Restaurantküche in "Goodfellas". Doch die Eröffnungsszene von "Hugo Cabret", Scorseses elffach oscarnominiertem aktuellem Werk über einen kleinen Jungen, einen menschenähnlichen Automaten und die Magie des Kinos, ist anders: Sie stammt in weiten Teilen aus dem Computer.

Genauer: aus Hunderten Computern, die an Standorten rund um den Globus gemeinsam viele Monate lang rechnen mussten, um aus dem Nichts das Paris der dreißiger Jahre zu erschaffen. Die Computer gehören dem in Frankfurt am Main gegründeten Unternehmen Pixomondo, das für die visuellen Effekte für "Hugo Cabret" eine Oscarnominierung einheimste. Pixomondo hat auch an Roland Emmerichs "2012" mitgearbeitet, an Zack Snyders Computergrafik-Orgie "Sucker Punch" und an Serien wie "Game of Thrones" und Steven Spielbergs "Terra Nova". Selbst George Lucas, der mit Industrial Light and Magic das erste Effekt-Haus der Filmgeschichte schuf, engagierte Pixomondo für seinen Fliegerfilm "Red Tails". Längst gehört das einst deutsche, heute ostentativ internationale Unternehmen zur Weltspitze der Hollywood-Effektzauberer.

Im Virtuellen sind ein paar Menschen unterwegs

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Hugo Cabret: Wie das digitale Paris entstand

Foto: Pixomondo

Den Löwenanteil der Umsätze machen trotzdem Dienstleistungen für Unternehmen aus: Animationen für Werbespots, Websites, spektakuläre Messe-Inszenierungen. Jeder hat schon einmal Pixomondo-Arbeiten im Fernsehen gesehen - dabei aber vermutlich nicht einmal gemerkt, dass das Auto, dass da von der Kamera gestreichelt wird, vollständig aus dem Rechner stammt.

Die Pixomondo-Niederlassung in Hamburg ist in einem entkernten Klinkerbau im Schanzenviertel untergebracht. Grautöne, Stahlträger, eine Dachverkleidung aus Pressspan: Hier wird gearbeitet. Das Bunte, das Unmögliche passiert in den Köpfen der Designer und auf ihren Bildschirmen. 483 auf neun Städte rund um den Globus verteilte Effektbastler arbeiteten über 430 Tage lang an "Hugo" mit, insgesamt enthalten 62 Filmminuten visuelle Effekte von Pixomondo. Bis zur Dampfwolke stammen Bahnhof, Dampf und die Züge aus dem Rechner, erst dann beginnt die Fahrt einer echten Stereokamera auf einem Wagen mit Kranarm. Auch im Virtuellen sind schon ein paar echte Menschen unterwegs: Sie wurden vor giftgrünen Wänden auf Laufbändern gefilmt und später in die digitale Szene eingefügt. Grün ist die Farbe der Leerstellen, in die später die digitalen Ergänzungen eingefügt werden - es ist den Farbtönen der menschlichen Haut besonders unähnlich und deshalb gut geeignet.

Aus dem Strampelanzug wird ein Zahnrad-Automat

Das Zusammenspiel von errechneter Welt und echten Filmsets reicht bis in kleinste Details: Die Ziffern der Uhrblätter sind grün, vor den Fenstern des Bahnhofs hängt grüner Stoff und einmal trägt Hugo selbst einen grünen Strampelanzug, damit man ihn später in einen Zahnrad-Automaten verwandeln kann.

Scorseses Visionen brachten die Werkzeuge der Weltenschöpfer an ihr Limit: Weil "Hugo Cabret" in 3D gedreht wurde, verdoppelte sich von vorneherein die Datenmenge, die für jede der 854 Einstellungen benötigt wurde, die Pixomondo für den Film mitgestaltete. "Das bringt selbst unsere Server zum Glühen", sagt Pixomondo-Geschäftsführer Christian Vogt. Man habe deshalb erst mal neue anschaffen müssen.

Insgesamt wurden für den Film mehr als drei Petabyte Daten (1 Petybyte=1015 Byte) im Firmennetzwerk hin- und hergeschoben. Das am Rechner entworfene Paris aus der Eröffnungssequenz allein ist so umfangreich, dass es sich als Datei auf keinem einzelnen Rechner öffnen ließe - obwohl das Unternehmen für den Scorsese-Film als erstes zahlreiche Arbeitsplätze mit brandneuen Maschinen ausstatten ließ. Pixomondo arbeitet mit handelsüblichen Windows-PC, allerdings mit solchen der extremsten Kategorie, mit 24-Kern-Prozessoren und 48 Gigabyte großen Arbeitsspeichern. Bis zu tausend davon werkelten parallel an dem Mammutprojekt, rund um den Globus. Pixomondo-Manager Vogt ist stolz darauf, wie solche Arbeiten in seinem Haus organisiert werden: Man sei "das erste Visual-Effects-Haus, das global vernetzt arbeitet", sagt er. Zehn Programmierer seien allein damit beschäftigt, eine Datenbank zu pflegen und zu verbessern, die Arbeitsaufgaben an die diversen Künstler verteilt, Dateiversionen überall auf dem aktuellen Stand hält. So können ein Designer in Frankfurt, ein Animateur in Vancouver und einer in Shanghai an der gleichen Szene arbeiten, rund um die Uhr.

Flexibilität war gerade für den Scorsese-Film von großer Bedeutung, denn der Meister arbeitet gern unorthodox: "Er hat bis eine Woche vor Kinostart noch geschnitten", sagt Vogt. Normalerweise sind solche Arbeiten spätestens eineinhalb Monate vor der Premiere abgeschlossen. Fast jeder Umschnitt bedeutete für die Effektzauberer Nachsitzen.

Perfekt unperfekt

Die Tatsache, dass Scorsese 3D als neues Element der Filmsprache entdeckt hat, machte die Sache noch komplizierter, nicht nur, weil ein 3-D-Bild doppelt so viel Speicherplatz verbraucht wie ein herkömmliches Digitalbild. Scorsese spielt in "Hugo Cabret" auf extreme Weise mit dem Effekt - teilweise zog er die Kameras Dutzende Zentimeter weit auseinander, berichtet Vogt. Der normale Augenabstand des Menschen, den Stereokameras eigentlich imitieren, beträgt etwa sechseinhalb Zentimeter. Scorseses 3D wird damit gewissermaßen tiefer als die Realität. Für die Effektspezialisten bringt der 3-D-Effekt eine zusätzliche Achse ins Spiel: Wie tief im Raum soll sich das computeranimierte Zahnrad drehen? Direkt vor Hugos Gesicht, oder doch ein bisschen näher beim Zuschauer? "Diese Tiefe können wir in unserer Arbeit noch maßgeblich beeinflussen", sagt Vogt.

Gibt es Bereiche, in die die Computeranimation trotz allem bis heute nicht vordringen kann? Ja, sagt Vogt: Gesichter könne man in all ihren Ausdrucksmöglichkeiten und Feinheiten bis heute nicht vollständig glaubwürdig modellieren, auch wenn es mit Filmen wie "Der seltsame Fall des Benjamin Button" schon ambitionierte Versuche gebe: "Der Mensch ist in seiner Unperfektheit ein perfektes Wesen."