Fotostrecke

Commodore 64: 30 Jahre Brotkasten

Foto:

30 Jahre Commodore 64 So schön kann hässlich sein

Der meistverkaufte Computer der Geschichte wird 30: Im Januar 1982 kam der Commodore 64 heraus und brachte die digitale Welt in die Kinderzimmer. Christian Stöcker erinnert an Glücksmomente mit dem "Brotkasten" - und verrät, warum der 64er heute twittern kann.

Dieser Text ist ein stark gekürzter Auszug aus Christian Stöckers "Nerd Attack! Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook" - Ein SPIEGEL-Buch. DVA; 320 Seiten; 14,99 Euro.

Die frühen Achtziger waren eine Zeit, in der die Apokalypse eine permanente, reale Möglichkeit war. Umweltzerstörung und Atomkrieg erschienen als ständig präsente Bedrohungen. Gleichzeitig und paradoxerweise herrschte damals die unbedingte Überzeugung, wenigstens in den Kinderzimmern der westdeutschen Mittelschicht, dass der Fortschritt nicht aufzuhalten sein würde.

Dass auch wir eines Tages all das Spielzeug aus den James-Bond- Filmen würden benutzen können (abgesehen von Maschinengewehren unter der Stoßstange vielleicht), dass es irgendwann, vermutlich in unserer Lebenszeit, fliegende Autos geben würde, Laserpistolen, Raumschiffe, die fernste Planeten ansteuern. Und, auch wenn dieser Gedanke so niemals ausformuliert wurde: dass Computer unser aller Leben verändern würden. Und sei es nur, indem sie uns einen ständigen, kostenlosen Strom immer besserer, immer ausgefeilterer Spiele bescherten. Von all den Versprechungen, die uns über die Zukunft immerfort gemacht wurden, waren Computer die einzigen, die es tatsächlich in unsere Kinderzimmer schafften.

Die Vorstellung, dass ein einzelnes Gerät scheinbar unendliche Möglichkeiten eröffnet, hat das Bewusstsein dieser Generation geprägt - auch wenn das vielen ihrer Mitglieder kaum klar sein dürfte. Der Commodore 64, der erfolgreichste Computer aller Zeiten, der sich allein in Deutschland drei Millionen Mal verkaufte, weltweit vermutlich zehnmal so oft, leitete in den Köpfen von Kindern und Jugendlichen eine Veränderung ein, die bis heute nachwirkt - und diese Generation von allen vorangegangenen unterscheidet.

Ein Gefühl unbegrenzter Machbarkeit

Vor fast genau 30 Jahren, im Januar 1982, wurde der bis heute erfolgreichste Computer der Geschichte der Öffentlichkeit vorgestellt, bei der Consumer Electronics Show in Las Vegas. Wenn die kommende Woche wieder einmal ihre Pforten öffnet, wird es um Smartphones gehen, um Tablet-Rechner und andere High-Tech-Spielzeuge der Gegenwart. Sie können unendlich viel mehr als die teuersten Großrechner von damals. Doch schon der C64 und das um ihn herum wuchernde Ökosystem installierten in unseren Köpfen ein Gefühl von nahezu unbegrenzter Machbarkeit, während der Kalte Krieg, die drohende Umweltkatastrophe gleichzeitig eines von nahezu absoluter Ohnmacht erzeugten.

Ich bekam meinen Commodore 64, kurz C64, zu meinem elften Geburtstag, am 1. Februar 1984, zwei Jahre nach seiner Vorstellung. Kurz zuvor, am 10. Januar 1984 hatte Commodore bei der CES Rekordergebnisse verkündet. Das Unternehmen hatte im Vorjahr drei Millionen Computer verkauft und über eine Milliarde Dollar umgesetzt. Der Marktanteil des C64 allein war fast dreimal so groß wie der des Apple II. Drei Tage später gab es im Konzernvorstand Krach. Noch vor dem Ende der Sitzung verließ Jack Tramiel, Gründer, Chefcholeriker und Gallionsfigur des Unternehmens, den Raum und kehrte nie zurück. Später wurde er Chef von Commodores größtem Konkurrenten: Atari.

Der Vater des erfolgreichsten Heimcomputers aller Zeiten wurde aus seinem eigenen Unternehmen geworfen. Zwölf Jahre später lief in den USA die große TV-Dokumentation "Triumph of the Nerds" über die Geschichte der PC-Industrie. Darin werden die Apple-Gründer Steve Jobs und Steve Wozniak als Erfinder und Gründer der gesamten Branche dargestellt. Commodore und Tramiel werden nicht einmal erwähnt. Letztlich verpasste das Unternehmen dann den Einstieg ins PC-Zeitalter, nach dem Commodore Amiga begann der Abstieg. Heute existiert Commodore nur noch als Marke, mit wechselnden Besitzern. Doch der C64 wurde noch bis 1994 verkauft.

Mir war nicht klar, dass der Vater des Unternehmens Commodore gerade geschasst worden war, als ich meinen C64 1984 endlich bekam. Er erhielt einen Ehrenplatz in der Ecke zwischen einem von oben bis unten mit Werbeaufklebern verzierten Buchenkleiderschrank und der Gasheizung auf unserem alten Kinderzimmertisch mit seiner zerkratzten und bemalten Kiefernholzplatte. Meine Computerecke sah aus wie eine knallbunte Kinderzimmerversion eines jener Cubicles, in denen moderne Großraumbüroarbeiter ihre Arbeitstage verbringen.

64 K RAM SYSTEM 38911 BASIC BYTES FREE

Der C64 war ein hässliches bräunliches Gerät mit noch brauneren Tasten, von manchen halb zärtlich, halb spöttisch"Brotkasten" genannt. Beim Einschalten begrüßte es einen mit einem in zwei unterschiedlichen Blautönen gehaltenen Bildschirm - hellblau der Rahmen, dunkelblau das Bearbeitungsfeld - und der Überschrift **** Commodore 64 BASIC V2 **** 64 K RAM SYSTEM 38911 BASIC BYTES FREE. Darunter folgte ein erwartungsvoll oder, je nach Betrachtungsweise, stoisch und indifferent blinkender Cursor. Dazwischen die Verheißung "READY".

Was man bei Commodore spielte - und warum Spiele nichts kosteten

Der Startbildschirm des 64ers war eine Tabula rasa, ein leeres Spielfeld, das befüllt, beackert, bezwungen werden wollte. Das Gerät kostete bei seiner Markteinführung in Deutschland fast 1500 D-Mark, das Diskettenlaufwerk VC 1541, schlicht "Floppy" genannt, weil es mit biegsamen Disketten, Floppy Discs, gefüttert wurde, noch einmal 850 D-Mark.

Wer einen C64 zu Hause hatte, bekam ständig Besuch

Das war weit jenseits der Budgets für ein übliches Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenk. Die Preise fielen jedoch rapide. Es gehörte in der Schule zum guten Ton zu wissen, was der "64er" aktuell kostete. Als ich endlich meinen eigenen 64er hatte wurde die Ecke zwischen Schrank und Heizung zu meinem neuen Lieblingsplatz, zu einem Ort, an dem ich ständig Gäste empfing und endlose Nachmittage verbrachte. Wer einen 64er zu Hause hatte, konnte sicher sein, regelmäßig Besuch zu bekommen.

Meine Eltern um Spiele für den eben erst für vergleichsweise viel Geld angeschafften Computer zu bitten, wäre keine gute Idee gewesen. Mir war jedoch ohnehin klar, dass es andere, effektivere Wege gab, sich neue Software zu beschaffen. Ich war im Begriff, auf die Produkte einer neuen, internationalen Szene zuzugreifen, die unfassbar produktiv und einfallsreich war, sich im Hinblick auf Urheberrechte völlig rücksichtslos verhielt und zum überwiegenden Teil aus Teenagern bestand: die Cracker-Subkultur. Raubkopien gehörten zum C64 wie Böller zu Silvester.

Zu den ersten raubkopierten Spielen von damals gehörte "Jumpman Junior", aus heutiger Sicht ein echter Klassiker das amerikanischen Software-Hauses Epyx, das später durch "Summer Games" und "Winter Games" weltberühmt wurde. In "Jumpman Junior" musste eine winzige, aus wenigen Pixeln zusammengesetzte Spielfigur vor schwarzem Hintergrund über Leitern und Plattformen gelenkt werden und Pixel-Pillen einsammeln.

Was man bei Commodore spielte

Gelegentlich schossen von rechts oder links, oben oder unten kleine weiße Projektile durchs Bild. Wenn es dem Spieler nicht gelang, durch Hüpfen oder Rennen auszuweichen, stürzte der Jumpman ab. Der Musik-Chip des C64 spielte dann eine blechern dröhnende Version der ersten Takte von Chopins Trauermarsch. Nach drei Fehlversuchen war Schluss.

Das Spiel war trotz seiner Schlichtheit extrem populär, und zwar sogar innerhalb des Commodore-Konzerns. Der Sachbuchautor Brian Bagnall zitiert den C64-Ingenieur Bil Herd mit den Worten: "Jumpman war wahrscheinlich das dauerhaft populärste Spiel überall in der Entwicklungs- und ich vermute auch einigen anderen Abteilungen." Später sahen die Spiele besser aus, waren aufwändiger und manchmal auch intelligenter. Aber "Jumpman Junior" machte Spaß - und war kostenlos.

Im Startbildschirm meiner Version des Spiels stand "(C.) BY OLEANDER". Eigentlich hätte dort "(C.) BY EPYX" stehen müssen, der Copyrightvermerk des Herstellers. Meine Version aber hatte "Oleander" gecrackt und in Umlauf gebracht. Als Gründungsmitglied der Cracker-Gruppe JEDI 2001 wurde er später zu einer Legende der Szene. Heute arbeitet er als Software-Entwickler und Hochschuldozent. Einen ähnlichen Weg gingen viele der Szenegrößen der Achtziger - die frühe Erfahrung mit dem C64 und anderen Heimcomputern verschaffte ihnen später einen mächtigen Vorsprung innerhalb der gerade entstehenden IT-Branche.

Noch heute gibt es übrigens Enthusiasten, die vom Brotkasten nicht lassen wollen. Der C64 lebt noch immer, und wird mit Hardware-Erweiterungen so weit gegenwartsfähig gemacht, dass er, schließlich ist er eine programmierbare Maschine, inzwischen Dinge kann, die zu seiner Geburtsstunde noch völlig undenkbar waren. Das WWW, wie wir es heute kennen, gab es damals längst noch nicht. Heute aber kann man mit einem Commodore 64 selbstverständlich online gehen - wenn auch nur sehr langsam und mit einem ausschließlich textbasierten Interface. Und seit 2009 ist der 64er sogar Social-Media-fähig: Der belgische Softwareentwickler Johan Van den Brande, Familienvater und Hobby-Hacker, hat dem Brotkasten einen Twitter-Client  spendiert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.