30 Jahre digitaler Mobilfunk Als die Handys nach Deutschland kamen

Die ersten Mobiltelefone waren noch so schwer wie ein Vollkornbrot. Am Anfang wusste kaum jemand viel damit anzufangen, auch wegen der happigen Preise. Das sollte sich schnell ändern.
Die Urahnen des iPhone: Der ehemalige Design-Chef von Motorola Rudy Krolopp zeigt das weltweit erste Mobiltelefon »Dyna TAC 8000X« und das in Europa beliebte »International 3200«

Die Urahnen des iPhone: Der ehemalige Design-Chef von Motorola Rudy Krolopp zeigt das weltweit erste Mobiltelefon »Dyna TAC 8000X« und das in Europa beliebte »International 3200«

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Als der moderne Mobilfunk im Sommer 1992 in Deutschland startete, lief dabei nicht alles wie geplant. Der damalige Postminister Christian Schwarz-Schilling (CDU) hatte bereits im Dezember 1989 die ersten Lizenzen für digitale Mobilfunknetze an die Deutsche Telekom (»D1«) und den Mannesmann-Konzern (»D2«) vergeben. Es dauerte aber etliche Monate, Funkmasten und Sender aufzubauen. Und vor allem fehlte es an geeigneten Mobiltelefonen, mit denen die Kunden dann tatsächlich mobil telefonieren konnten.

Zum 1. Juli 1992 lud die Telekom zum offiziellen Start ihres D1-Netzes ein. Doch um in den Geschichtsbüchern einen Tag vor jenem Wettbewerber zu stehen, zog Mannesmann seine eigene Präsentation kurzerhand um zwei Wochen vor – ein PR-Coup. Dabei konnte »D2-Privat« seinen Kunden zu diesem Zeitpunkt selbst gar keine Mobiltelefone verkaufen. Der erste D2-Kunde kam aus Bochum und hatte sich zuvor in einem Elektronikgeschäft eines der ersten »Handys« nach dem GSM-Standard besorgt, ein Ericsson GH-172.

Ein Pfund Telefon

Am Markt setzte sich dann aber bald der legendäre »Knochen« durch, das Motorola International 3200. Die heutige Technik-Chefin von Vodafone Deutschland, Tanja Richter, erinnert sich: »Das klobige Telefon wog mehr als 500 Gramm, hatte eine Akkuleistung für maximal 120 Minuten Gesprächszeit und kostete rund 3000 DM. Für damalige Verhältnisse war das ein kleines Vermögen.« Richter hat ihre Karriere bei Mannesmann Mobilfunk begonnen und kam mit der Firmenübernahme im Jahr 2000 zu Vodafone.

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Eine kurze Zeitreise durch die Mobilfunk-Geschichte

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Tim Boyle / Bloomberg / Getty Images

Die frühe Begeisterung für den digitalen Mobilfunk konnten anfangs nur wenige Menschen in Deutschland teilen, auch weil die Preise sehr happig waren. Telekom und Mannesmann waren mit Minutenpreisen von knapp unter zwei D-Mark an den Start gegangen. Die Grundgebühr lag bei mehr als 70 D-Mark. Heute sind Flatrates üblich, die einen Bruchteil davon kosten.

Im April 1993, also ein knappes Jahr nach dem Start, waren aber immerhin schon mehrere Hunderttausend Teilnehmer in den beiden D-Netzen unterwegs. Es hätten deutlich mehr sein können, wenn es nur genügend Handys gegeben hätte. Der damalige Technik-Chef von Mannesmann, Georg Schmitt, übersetzte die Abkürzung für den digitalen Mobilfunkstandard GSM (Global System for Mobile Communications) als Stoßseufzer: »God, send Mobiles!« Doch nach und nach brachten Motorola, Ericsson, Nokia, Siemens und andere die erwünschten Geräte auf den Markt. Auch die Preise sanken.

Ein neuer Dienst machte die Mobiltelefone insbesondere für junge Leute attraktiv. Die Rede ist von SMS (»Short Message Service«) mit seinen 160 Zeichen. Die erste SMS mit der Botschaft »Merry Christmas« ging am 3. Dezember 1992 an den Vodafone-Mitarbeiter Richard Jarvis. 1994 führten Mannesmann und die Telekom die SMS für ihre Kunden ein, nur fünf Jahre später verschickten die Deutschen bereits rund 3,6 Milliarden SMS. Sogar der Duden nahm das Wort »Simsen« in seinen Wortschatz auf.

Im Jahre 1999 verdoppelte sich die Zahl der Mobilfunkkunden in Deutschland auf 48 Millionen. Der Erfolg kostete Mannesmann schließlich die Eigenständigkeit: Der britische Riese Vodafone übernahm die Düsseldorfer im Jahr 2000 nach einem mehrmonatigen Abwehrkampf zum Preis von 190 Milliarden Euro.

Mitte der Neunzigerjahre kamen auch die Anbieter E-Plus und Telefónica O2 auf den deutschen Markt. E-Plus kam 2014 unter das Dach von Telefónica, sodass sich aus dem Duopol der Anfangsjahre inzwischen ein Kopf-an-Kopf-Rennen von drei Anbietern entwickelt hat. Mit der Versteigerung der Lizenzen für die fünfte Mobilfunk-Generation (5G) betrat 2019 mit 1&1 Drillisch ein neuer Player die Bühne, der aber bislang noch kein eigenes Netz aufgebaut hat. Der Markt insgesamt ist riesig: Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Mobilfunkanschlüsse in Deutschland auf 161 Millionen, sodass rein rechnerisch auf jeden Mensch knapp zwei Anschlüsse kommen.

Das iPhone entmachtet die Funker

Ein einschneidender Moment in der Geschichte des digitalen Mobilfunks war die Premiere des iPhones im Jahr 2007. Zwar funkte das erste iPhone nur im vergleichsweise lahmen EDGE-Netz. Doch das innovative »Jesus-Phone« von Apple-Mitbegründer Steve Jobs verhalf dem Smartphone zum Durchbruch und verlieh dem Mobilfunk neues Leben. Das iPhone veränderte auch die Machtverhältnisse – von den Providern hin zu den Geräteherstellern aus den USA und Asien. Mit dem ersten Samsung Galaxy begann 2009 das ewige Duell zwischen Apples iPhone-Betriebssystem und dem Google-Betriebssystem Android, das die Smartphone-Welt bis heute prägt.

Der Erfolg der kostenlosen Messenger wie WhatsApp, Facebook Messenger, Apple iMessage, Signal, Telegram und Threema war ebenfalls einschneidend. Sie haben der SMS schon vor Jahren den Rang abgelaufen und somit ein Milliarden-Geschäft zunichtegemacht. Immerhin spülen die Web-Shops und Ladenlokale von Telekom, Vodafone und Telefónica, die über sie Mobiltelefone und Zusatzleistungen wie Handyversicherungen vertreiben, viel Geld in die Kasse.

Provider verlangen mehr Geld

Derzeit nehmen die Provider einen neuen Anlauf, am wirtschaftlichen Erfolg der großen Internet-Konzerne beteiligt zu werden. In einem gemeinsamen Appell forderten die Deutsche Telekom, Vodafone, Telefónica und der französische Provider Orange Mitte Februar die großen Plattformen auf, die Kosten der europäischen digitalen Infrastruktur teilweise zu übernehmen.

Der Datenverkehr nehme jährlich um bis zu 50 Prozent zu, heißt es – und über 70 Prozent des gesamten Datenverkehrs entfielen auf Videostreaming, Spiele und soziale Medien. Die Anbieter solcher Dienste würden von stark skalierenden Geschäftsmodellen bei geringen Kosten profitieren. Doch ob die Provider irgendwann mal Geld von den großen Internetdiensten sehen werden, steht in den Sternen.

Christoph Dernbach, dpa/tmk
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