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09. Mai 2013, 07:32 Uhr

Musikerfindung Vo-96

Unerhörte Klänge

Von Anton Waldt

Solche Klänge hat man noch nie gehört: Der Acoustic Synthesizer Vo-96 manipuliert die Schwingungen von Gitarrensaiten derart, dass aus dem klassischen Instrument sphärische Synthesizer-Sounds erklingen - auf rein akustischem Weg.

Der Sound-Tüftler Paul Vo hat mit dem Acoustic Synthesizer Vo-96 ein Musikinstrument entwickelt, dessen paradox anmutender Name eine neue, vielversprechende Methode der Klangerzeugung beschreibt: Klassische, akustische Instrumente, die von Mensch und Maschine gemeinsam gespielt werden. Konkret manipuliert Vos "akustischer Synthesizer" auf raffinierte Art und Weise die Schwingungen von Gitarrensaiten und entlockt so dem vermeintlich sattsam bekannten Instrument ungeahnte Klänge.

Welches Potential in der erweiterten Gitarre steckt, führt der Songwriter Tyler Ramsey in einem Demonstrationsvideo anschaulich vor: Im Vordergrund hüpft der vertraute Klang einer Folkgitarre, dazu mäandert ein elektronisch anmutendes Geplingel und im Hintergrund tönt ein melodischer Hallraum. Diese scheinbar mehrstimmige, surreale Sound-Landschaft erklingt tatsächlich ohne Effektgeräte nur durch die Schwingungen der sechs Saiten über dem hölzernen Korpus der Akustikgitarre.

Nur, dass die Saiten eben nicht allein vom Gitarristen angeschlagen, sondern auch von magnetischen Impulsgebern angeregt werden, die auf einer kleinen schwarzen Platte zwischen Steg und Schallloch sitzen. Jeweils zwei dieser sogenannten Sensoriactuators registrieren die aktuellen Schwingungen einer Saite und verändern sie. Dabei können die Schwingungen verstärkt, gedämpft, transponiert oder mit Obertönen angereichert und auf allerlei Weise manipuliert werden.

Unspielbare Töne

Die Klänge, die der Akustik-Synthesizer der Gitarre entlockt, könnten teilweise auch durch konventionelles Spiel erzeugt werden. Aber der Vo-96 erschließt eben auch Sounds, die selbst mit aufwendigen Verrenkungen und exotischen Anschlagtechniken nicht spielbar wären. Möglich werden die eigentlich unmöglichen Saitenschwingungen durch einen Mini-Computer, der im Inneren der Gitarre angebracht wird.

Die Leistung dieses Rechners reicht aus, um den Klang jeder der sechs Gitarrensaiten in Echtzeit zu analysieren und zu berechnen, wie die Schwingungen der Saiten verändert werden müssen, um den jeweils gewünschten Klang zu erzeugen. Die Daten werden dabei drahtlos per Bluetooth zwischen Computer und Sensoren ausgetauscht.

Von Moog zu Vo

So bizarr der akustische Synthesizer anmutet, kommt er doch nicht ganz überraschend: Erfinder Paul Vo hat jahrelang für den Synthesizer-Hersteller Moog Music die Klangmechanik von Gitarren erforscht. Daraus resultierte 2008 die Moog Guitar, die nach einem ähnlichen Prinzip wie der Vo-96 funktioniert, aber nicht so viele Möglichkeiten bietet.

Mit dem Vo-96 wird das Prinzip der akustischen Klangsynthese zum ersten Mal konsequent umgesetzt. In Moogs Produktpalette passt das Gerät aber nicht, weshalb der Erfinder seine eigene Firma Vo Inventions gegründet hat. Genügend Startkapital hat Vo auf der Crowdsourcing-Plattform Kickstarter bereits eingesammelt, so dass der erste Akustik-Synthesizer demnächst in Produktion gehen kann.

Mit einem Preis von knapp 1000 Euro wird der Vo-96 ein Nischenprodukt bleiben, was aber durchaus im Sinne des Erfinders ist. Vo betrachtet den Bau seines ersten eigenen Geräts explizit als einen Test seiner neuartigen Klangerzeugungsmethode. So bleibt auch unklar, ob der akustische Synthesizer nur eine obskure Fußnote der Musikgeschichte wird, oder der Schlüssel zu einer Reihe elektronischer Erweiterungen für traditionelle Instrumente.

Homepage zum Acoustic Synthesizer Vo-96

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