Digitaler Assistent Amazon steckt Alexa in die Mikrowelle

Wenn Dutzende Geräte im Smart-Home funken, soll Alexa den Überblick behalten: Amazon hat seine Vision einer sprachgesteuerten Zukunft gezeigt.
Amazon-Mikrowelle mit Alexa-Sprachsteuerung

Amazon-Mikrowelle mit Alexa-Sprachsteuerung

Foto: SPIEGEL ONLINE

Draußen verteilen Amazon-Mitarbeiter wie an jedem Tag kostenlose Bananen, drinnen gibt es zum ersten Mal eine Show für die Presse: Amazon hat in seinem firmeneigenen Gewächshaus mitten in Seattle neue Echo-Geräte nebst Zubehör vorgestellt.

Der Pflanzengarten mit seinen über 40.000 Gewächsen dient als Kulisse für das digitale Ökosystem, das Amazon rund um Alexa baut. In den "Spheres", drei riesigen miteinander verbundenen Glaskugeln neben dem Firmenhauptquartier "Day 1", sollen Mitarbeiter entspannen, auf neue Ideen kommen und Meetings abhalten. Am Donnerstagabend zeigte dort Technikchef Dave Limp, was Amazons smarter Assistent künftig alles können soll.

Vor allem soll Alexa nicht nur in einer Box im Wohnzimmer wohnen, Musik abspielen und Einkaufslisten verwalten, sondern überall präsent sein, zuhause und unterwegs. Dazu passt die Ankündigung, dass Sony Alexa künftig in Fernseher und weitere Geräte einbauen will. Ebenso packt Lenovo Alexa in seine Notebooks. Außerdem gibt es neues Echo-Zubehör für noch mehr Vernetzung - und noch in diesem Jahr eine Testversion von Echo Auto, einer kleinen Box, die auf dem Armaturenbrett liegen und Alexa in Fahrzeuge bringen soll.

Alexa im Auto

Dort soll Alexa beispielsweise Navigations-Apps steuern. Der Zugriff auf Hörbücher von Audible soll ebenso funktionieren wie der auf die Lampen zu Hause, die zum Beispiel nach einer vorher festgelegten Routine ausgehen sollen, wenn man mit dem Auto weggefahren ist. Bleibt nur die Frage, warum jemand Geld für eine Box ausgeben soll, die nicht viel mehr kann als das Smartphone in der Hosentasche.

Echo Auto startet zunächst als Testversion in den USA und soll im kommenden Jahr für rund 50 Dollar erhältlich sein. Bisher liegen Apple mit CarPlay und Google mit Android Auto in PKWs vorn. Das will sich Amazon nicht bieten lassen. Einige neue Modelle von Volkswagen, BMW und anderen Herstellern sollen Alexa standardmäßig integriert haben.

Kalter Kaffee in der Mikrowelle

Geräte, die noch nicht mit Alexa Kontakt aufnehmen, soll man künftig zumindest über eine fernsteuerbare Steckdose ein- und ausschalten können. Amazon Smart Plug nennt sich das Zubehör, das für rund 30 Euro auf den Markt kommt - das Konkurrenzprodukt von Osram ist aktuell schon günstiger zu haben. Doch künftig soll einfach alles mit Alexa kommunizieren.

Wie Amazon sich das vorstellt, zeigt das Unternehmen mit einer Mikrowelle. Die gibt es für 60 Dollar zunächst nur für US-Kunden - das Besondere ist eine Alexa-Taste auf dem Gerät. Ist man im Besitz eines Echo-Lautsprechers, kann man diese Taste an der Mikrowelle drücken und dem Gerät Sprachbefehle geben. Auf Zuruf wärmt Alexa dann eine Tasse Kaffee auf und weiß selbst, dass eine Minute und 43 Sekunden dafür die richtige Dauer ist.

Ebenfalls im Programm: Eine Wanduhr für 30 Dollar, die sich über Alexa mit Timern und Weckern füttern lässt. Auch die Uhr gibt es dieses Jahr zunächst nur in den USA, sie dürfte aber 2019 auch in Deutschland erhältlich sein. Für Amazon sind die Mikrowelle und die Uhr aus eigener Herstellung Beispiele für Geräte, die künftig auch von anderen Herstellen auf den Markt kommen sollen.

Dazu stellt Amazon Entwicklern nicht nur Schnittstellen bereit, sondern verkauft ihnen einen Funkchip. Daniel Rausch, bei Amazon für den Bereich Alexa Smart Home verantwortlich, hält eine Platine hoch. Es ist ein Arduino-Computer, auf dem der Amazon-Funkchip sitzt, etwa so groß wie ein Fingernagel. "Dieser Chip sorgt dafür, dass aus dem Gerät ein smartes Gerät wird", sagt Rausch.

Amazon-Chips in allen Geräten

Das stimmt allerdings nur zur Hälfte: Der kleine Chip mit WLAN und Bluetooth sorgt für die Anbindung an ein Echo-Gerät. Nur wenn das vorhanden ist kann Alexa die Steuerung übernehmen. Die Geräte werden damit zu Dienstleistern für den smarten Amazon-Assistenten. Ohne Echo und Alexa geht es nicht.

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Amazon präsentiert bereits die ersten Partner, die im kommenden Jahr Elektronik verkaufen wollen, die mit dem sogenannten "Alexa Connect Kit" ausgerüstet sind. Darunter sind große Firmen wie Procter and Gamble und Hamilton Beach. Warum sich Hersteller darauf einlassen sollten? Zum einen verspricht Amazon eine "frustrationsfreie" Installation. Geräte einstöpseln, schon meldet sich Alexa und erzählt, was damit nun möglich ist. Bei der Vielzahl künftig in Smart-Homes funkenden Geräten wäre eine manuelle Einrichtung schlicht zu zeitraubend.

Entwickler werden außerdem mit Schnittstellen gelockt, über die sie eigene Funktionen und Geräte in das Alexa-System einbinden können. Hier gibt sich Amazon zumindest offiziell offener als Apple. So bevorzuge man nicht den eigenen Musik-Streamingdienst, heißt es bei Amazon, sondern biete Anbietern wie Spotify oder Tidal ebenso einen Zugang zu den Nutzern.

Die Warnung der Windeln

Dann ist da noch Amazons Versandhandel mit Millionen von Kunden weltweit, denen man die Alexa-Geräte anbieten kann. Ein solcher Vertriebsweg fehlt zum Beispiel Google und Ikea. Was man aus dem Online-Versandhandel lernen kann, nutzt Amazon regelmäßig, um seine Geschäftsfelder zu erweitern.

Ein Beispiel: Über Jahre hat der Konzern Windeln verschiedener Hersteller über seine Plattform verkauft und dabei viel über die Bedürfnisse der Kunden gelernt, verstanden, wer wann und wie oft welche Art Windeln bestellt. Dann stieg Amazon selbst in die Windel-Produktion ein und machte den Kunden ein günstigeres Angebot als jene Firmen, deren Windeln bisher den Handel dominierten.

Ein solches Vorgehen könnte sich jederzeit in anderen Bereichen wiederholen. Beispielsweise mit per Funk vernetzten Lampen. Noch legt Amazon jedem Echo Plus eine Hue-Lampe von Philips bei, die sich nach dem Einschrauben per Sprachbefehl über Amazons Lautsprecher steuern lässt. Warum also sollte der Konzern nicht bald auch eigene Funk-Lampen anbieten. Möbelhersteller Ikea hat mit seinen Trådfri-Lampen längst vorgemacht, dass das geht - und die Preise von Philips deutlich unterboten.

So verlockend es für Drittanbieter also sein mag, ihre Geräte kompatibel zu Alexa zu machen, so gefährlich kann es für sie auch sein. Die Show im Gewächshaus zeigt: Amazon will Alexa zum zentralen Anlaufpunkt für smarte Elektronik machen.

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