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01. März 2010, 11:35 Uhr

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Schnurlos-Strom für Handy und Co.

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Nie mehr Stress mit verschiedenen Ladegeräten, nie mehr Kabelsalat: Strom soll künftig drahtlos in Handys, Laptops und MP3-Player übertragen werden. Die ersten Drahtlos-Ladegeräte kommen jetzt auf den Markt. SPIEGEL ONLINE hat ausprobiert, wie gut schnurloser Strom funktioniert.

Wer kennt nicht die Kollegen, die schon frühmorgens im Büro nach einem Netzteil für ihr Handy fragen? Sie haben vergessen, das Telefon zu Hause aufzuladen, mal wieder. Das Netzteil war wohl gerade nicht zur Hand oder in irgendeiner Schublade verramscht. Das US-Unternehmen Powermat will solchen Szenen ein Ende setzen, verspricht Mobilgeräte wie Handys, MP3-Player und Spielkonsolen drahtlos aufzuladen. Die Suche nach Netzteil, Stecker und Steckdose soll damit künftig entfallen. Stattdessen legt man sein Handy einfach auf eine Ladematte auf, die man zum Beispiel im Hausflur auf einem kleinen Tisch platzieren kann. Der Strom wird dabei drahtlos in den Akku übertragen, per Induktion.

Nach einem ähnlichen Prinzip arbeiten auch die sogenannten Induktionsherde, die allerdings so viel Energie in Töpfe und Pfannen pumpen, dass sie heiß genug zum kochen und braten werden. Der Trick der neuen Ladetechnik besteht darin, solche Effekte zu verhindern, genau so viel Strom zu übertragen, dass der Akku möglichst schnell aufgeladen wird, ohne überladen oder gar überhitzt zu werden. Das ist Hightech, aber keine Zauberwissenschaft. Trotzdem arbeiten Firmen wie Intel seit Jahren ohne wirklichen Durchbruch an solchen Techniken.

Dabei nutzten schon Anfang des 20. Jahrhunderts einige Berliner Kleingärtner die Sendeenergie einer nahegelegenen Rundfunkstation, um sich den Strom für ihre Hüttenbeleuchtung quasi auf der Luft zu fischen. Statt eines Radios sollen sie einfach Glühbirnen mit den Anschlusskabeln ihrer Antennen verbunden haben.

Drahtlos macht dick

Ganz so simpel funktioniert die Powermat nicht, ein drahtloses Ladegerät aus den USA. Für den Anwender jedoch haben die Entwickler die Handhabung ausgesprochen leicht gemacht. Ein einziges Kabel reicht, um die Energiematratze in Betrieb zu nehmen, das Netzkabel. Denn die Powermat selbst muss per Kabel und Netzteil mit Strom versorgt werden, um andere Geräte aufladen zu können. Damit hat die Verkabelung aber auch ihr Ende.

Jedes Gerät, dass die Powermat laden soll, muss allerdings mit einer speziellen Hülle, einem Adapter-Case, bestückt werden. Die enthalten ein wenig Elektronik und sozusagen einen Stromempfänger. Der Hersteller bietet solche Cases für Blackberrys, iPhones und die Nintendo DS an. Wir haben das iPhone-Case ausprobiert, das mit wenigen Handgriffen auf das Apple-Handy montiert wird. Etwas dicklich wird das damit schon, passt aber trotzdem noch gut in die Hosentasche. In künftigen Handys, erklärte ein Powermat-Sprecher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, könnte die Technik bereits ab Werk, und dadurch von außen unsichtbar, integriert sein. Noch hat aber kein namhafter Mobiltelefonanbieter entsprechende Pläne angekündigt.

Was beim iPhone-Case sofort ins Auge fällt: Es verdeckt den Docking-Anschluss. Apples eigene Ladekabel lassen sich damit ebenso wenig nutzen wie ein iPhone-Dock oder einer der vielen aktiven iPhone-Lautsprecher mit integriertem Dock. Will man das iPhone während des Aufladens trotzdem mit einem Computer synchronisieren, steht dafür unten am Adapter-Case ein USB-Anschluss zur Verfügung, in den Standard-USB-Kabel passen.

Matte und Gerät erkennen sich per RFID

Bei ersten Versuch, das derart vorbereitete iPhone aufzuladen, passiert jedoch zunächst gar nichts, die Ladeanzeige des Handys bleibt dunkel. Doch dann kommt die Erkenntnis: Man darf das zu ladende Gerät nicht einfach irgendwo auf der Ladefläche ablegen, sondern muss es an der richtigen Stelle platzieren. Auf der Powermat signalisieren dezente Vertiefungen in der schwarzen Oberfläche die Zielgebiete für bis zu drei Geräte, die man gleichzeitig auflegen und -laden kann.

Hat man das einmal kapiert, klappt die Kopplung künftig vollkommen problemlos. Magnete in der Powermat und dem Adapter-Case helfen dabei, die richtige Stelle zu finden und halten das zu ladende Gerät relativ fest an seiner Position. Was man kaum mitbekommt ist, dass beim Auflegen ein in das Case integrierter RFID-Chip seine Daten mit der Powermat abgleicht. So wird der Ladeelektronik mitgeteilt, welches Gerät mit welchem Akku und welchem Ladestand da gerade auf die Elektromatratze gelegt wird. So kann der Ladestrom exakt auf die jeweiligen Bedürfnisse abgestimmt werden. Dass das gut zu klappen scheint, zeigten unsere Versuche, bei denen beispielsweise eine vollkommen entleertes iPhone binnen rund zwei Stunden voll aufgeladen wurde. Per Kabel geht das nicht schneller.

Preis-Chaos

Als Notnagel kann man den USB-Anschluss bezeichnen, der unten an der Rückseite der Powermat verborgen ist. Hier lassen sich Geräte anschließen, für die es kein passendes Lade-Case gibt. Das bringt einen zwar in Sachen Drahtlosigkeit keinen Schritt weiter, verringert aber immerhin den Kabelsalat auf dem Schreibtisch und lässt ein Netzteil mehr im Schrank verschwinden. Alternativ kann man sich den Powercube als Zubehör kaufen, eine Art USB-Ladegerät zum Auflegen auf die Powermat. Ob das angesichts eines US-Preises von 30 Dollar (22 Euro) sinnvoll ist, sei dahingestellt, zumal der Powercube nichts anderes tut, als ein USB-Ladekabel bereitzustellen. In den USA liegt dieses Zubehör generell mit in der Schachtel, wenn man eine Powermat kauft, in der italienisch beschrifteten Schachtel unseres Testgeräts war davon nichts zu sehen.

Ohnehin ist die Preispolitik des Herstellers nicht nachvollziehbar, vergleicht man die Euro-Preise des italienischen Angebots mit den Dollar-Offerten in den USA. So kostet eine Powermat in den USA 99 Dollar (73 Euro) zuzüglich Steuern, inklusive Powercube und acht Adaptersteckern für unterschiedliche Handytypen und Mobilkonsolen. Im italienische Webshop des Unternehmens kostet dagegen allein die Powermat, ohne Zubehör, schon 90 Euro, der Powercube samt Adapterstecker wird mit weiteren 40 Euro berechnet. Im britischen Powermat-Shop hingegen kostet dasselbe Bundle umgerechnet 110 Euro. Es bleibt also spannend abzuwarten, welche Preise das Unternehmen in seiner deutschen Dependance aufrufen wird.

Wenn die noch ein wenig mehr an das amerikanische Niveau angeglichen werden, als es in Italien der Fall ist, ist so eine Ladematratze eine feine Sache. Vor allem für eher komfortorientierte Naturen, die sich keinen Kopf darüber machen wollen, wo das vermaledeite Ladegerät für dieses oder jenes Gadget gerade herumliegt, könnte es die Rettung bedeuten. Billig kommt man dabei allerdings nicht weg. Drahtloser Strom ist bisher noch ein Luxusartikel - aber das dürfte sich in den kommenden Jahren ändern.

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