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07. Oktober 2010, 10:29 Uhr

Angefasst

Windows 7 auf dem Tablet serviert

Können Tablet-PC mit Windows 7 dem iPad das Wasser abgraben? Microsoft Chef Steve Ballmer ist da zuversichtlich, kündigt solche Geräte für die Weihnachtssaison an. Reichlich spät, findet Matthias Kremp, denn er hat ein solches Gerät bereits getestet.

Die Windows-Tablets kommen. Steve Ballmer hat's versprochen. Am Dienstag sagte der Microsoft-Chef bei einer Rede in der London School of Economics: "Sie werden Windows-Slates sehen, und zwar dieses Weihnachten." Slates, so nennt man bei Microsoft Tablet-Computer. Erstaunlich ist allerdings, dass Ballmer solche Slates erst für Weihnachten ankündigt. SPIEGEL ONLINE hat so ein Gerät schon seit Wochen im Einsatz, das Hanvon B10.

Eigentlich hätten die Koreaner damit schon Nachzügler sein sollen. Schließlich arbeitet beispielsweise Hewlett-Packard (HP) schon lange an Tablet-Rechnern mit Windows 7. Deren Einführung wurde dann aber im April auf unbestimmte zeit verschoben. HP übernahm den Smartphone-Hersteller Palm, vor allem wegen seines Betriebssystems webOS. Das soll in den letzten Monaten für Tablets angepasst worden sein, soll künftig als Basis für HP-Tablets dienen - aber nicht allein. Denn parallel dazu plant HP angeblich auch das verloren geglaubte Windows-7-Slate wiederzubeleben. Ein YouTube-Video, das angeblich das HP-Slate zeigt, legt allerdings den Schluss nahe, das HP hier noch einige Arbeit bevorsteht. Mittlerweile wurde das Filmchen aber von dem Videoportal gelöscht, ob es authentisch war, lässt sich nicht klären.

Authentisch ist dagegen das B10-Tablet des chinesischen Herstellers Hanvon. Das nämlich ist ein Tablet-PC mit Windows 7 - und es ist bereits lieferbar. Kaufen kann man es direkt bei der Papyrus GmbH in Rosengarten bei Hamburg, billig ist es nicht. Selbstbewusste 771,24 Euro kostet das B10 im Onlineshop des Anbieters, fast so viel wie ein iPad in der besten Ausstattung.

Toller Touchscreen und tranige Grafik

Doch das Hanvon B10 ist anders, ganz anders als ein iPad, schon was die Hardware angeht. Die würde, wüsste man vom Touchscreen nichts, eher auf eine ultraportables Notebook hindeuten. Als Antrieb dient ein Stromsparprozessor von Intel, ein Celeron ULV mit 1,3 GHz. Eigentlich ist der eine lahme Krücke, kommt im B10 aber nie ins Stolpern. Ihm zur Seite sind 2 GB Arbeitsspeicher und eine 250 GB Festplatte eingebaut. Das sind Werte, von denen Tablet-User bisher nur träumen konnten.

Der Bildschirm dagegen ist mit 10,1 Zoll Diagonale kaum größer als der des iPad, bietet mit 1024 x 600 Pixeln eine absolut ausreichende Auflösung. Auf den ersten Blick wirkt die Bildqualität auch sehr gut. Beim Abspielen von Videos fällt allerdings auf, dass Bildschirm oder Grafikchip Schwierigkeiten damit haben, Farbübergänge sauber zu berechnen und anzuzeigen. Auf farbigen Flächen sind kästchenförmige Artefakte zu sehen, die wie Kompressionsreste aussehen.

Appetithäppchen für Fingerfutter

Seine Funktion als Touchscreen erfüllt das Display aber bravourös. Sogar Multitouch beherrscht es, kann also wie iPhone und iPad Gesten auswerten, die man mit zwei Fingern auf den Bildschirm zeichnet. So kann man unter Windows beispielsweise Webseiten vergrößern und verkleinern oder Bilder drehen. Den Bildschirm selbst sollte man dagegen nicht drehen, denn einen Lagesensor, sonst unverzichtbares Merkmal von Tablet-Rechnern, gibt es nicht. Hochkant lässt sich das Gerät daher nicht nutzen.

Dass sich Windows 7 nach kurzer Eingewöhnung recht gut per Finger steuern lässt, wundert zunächst. Aber tatsächlich kommt man mit Dingen wie dem Start-Menü nach kurzer Eingewöhnung gut zurecht. Zugegeben, ein wenig genauer als bei anderen Tablets muss man schon zielen, aber es funktioniert.

Begeisterung löst das fingerfertige Windows 7 trotzdem nicht aus, was in erster Linie typischen Windows-Anwendungen zuzuschreiben ist, die eben nicht speziell für Touch-Bedienung konzipiert sind. Bei denen nehmen schon Menüs und Schaltflächen so viel Platz ein, dass kaum noch Platz für die eigentliche Arbeitsfläche bleibt. Hanvon installiert zudem Microsofts "Touch Pack for Windows 7". Mehr als ein Appetithäppchen ist das aber nicht, da die darin enthaltenen Progrämmchen allesamt spielerischen Charakter haben, wie Demos wirken, die zeigen sollen, was per Touchscreen alles möglich ist.

Leider etwas charmelos

Insofern hat es sich Hanvon sehr leicht gemacht, quasi ein Notebook auf den Rücken gelegt, die Tastatur abgeschraubt und durch einen Touchscreen ersetzt. Ein lästiger Nebeneffekt dieser Bauweise ist, dass fast kontinuierlich ein Lüfter heiße Luft aus dem Gehäuse bläst und unter Last sogar recht laut werden kann.

Dass sich Hanvons Entwickler nicht sonderlich viel Zeit genommen haben, ihr Windows-7-Tablet zu bauen, lassen aber auch die verschiedene Übersetzungsfehler, beispielsweise in der Treibersoftware des Netzwerkchips oder in der elfseitigen Schnellstart-Anleitung, vermuten. Sätze wie: "Auf den anderen Seiten des Computers befinden sich keine Knöpfe oder Tasten und werden deshalb hier nicht beschrieben", hinterlassen jedenfalls keinen beruhigenden Eindruck.

So bleibt das B10 am Ende doch in erster Linie ein Windows-PC, nur eben einer den man herumtragen kann und der per Touchscreen bedienbar ist. Etwas Vergleichbares wie den Charme, den echte Tablet-Computer mit ihren angepassten Benutzeroberflächen und Programmen ausstrahlen, hat das Hanvon-Tablet nicht zu bieten. Stattdessen malt man sich aus, wie gut das Windows-Tablet wohl wäre, wenn man noch eine Tastatur und womöglich eine Maus anschließen würde.

Aber damit hätte man das Thema wohl verfehlt.

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