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27. März 2012, 13:11 Uhr

Apple-Chef

Tim Cook auf Staatsbesuch in China

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Stippvisite im Apple-Store: Konzernchef Tim Cook ist in Peking gesichtet worden. Der Nachfolger von Steve Jobs trifft sich in China unter anderem mit Funktionären - mehr wird nicht verraten. Gute Gründe für die Reise gibt es allerdings einige.

Wenn der Apple-Chef auf Reisen geht, muss es schon etwas Wichtiges zu besprechen oder einen Vertrag zu unterschreiben geben. Beides könnte auf die Reise von Tim Cook nach China zutreffen. Weshalb er tatsächlich zum ersten Mal in seiner Position als Nachfolger von Steve Jobs in China unterwegs ist, mag der Konzern trotzdem nicht verraten. Nur, dass er am Montag "tolle Treffen mit chinesischen Funktionären" gehabt habe, mochte Apple-Sprecherin Carolyn Wu bestätigen.

Zwischenzeitlich war Cook in einem Apple Store in Peking gesichtet und fotografiert worden. Mit wem sich Cook auf offizieller Seite unterhalten hat und worum es in den Gesprächen ging, blieb dagegen geheim. "China ist uns sehr wichtig, und wir wollen hier noch mehr investieren und weiter wachsen", heißt es lapidar von Apple.

Zu besprechen gäbe es für Apple allerdings einiges in China. Vor allem die immer wieder kritisierten Arbeitsbedingungen bei Apples Zulieferfirmen wie dem Industriegiganten Foxconn sollten auf der Agenda stehen. Seit Cook bei Apple das Ruder übernommen hat, geht der Konzern wesentlich offener mit den augenscheinlichen Missständen um. Im Januar erklärte der Konzern selbst, was noch alles im Argen liegen, schickte daraufhin Kontrolleure der Fair Labor Association (FLA) in die Werke, die auch prompt etliche Mängel monierten.

Die Zulieferer verweisen Kritiker dabei immer wieder auf fehlende gesetzliche Regelungen. Genau die könnte Tim Cook jetzt einfordern - wenn Apple als gewaltiger Arbeitgeber und Kunde chinesischer Firmen genug Gewicht hat, um tatsächlich politische Veränderungen anzustoßen.

Streit ums iPad

Ein weiterer Grund für Cooks Besuch könnte der Streit um die Rechte an der Marke iPad in China sein. Seit Monaten liefert sich der US-Konzern vor verschiedenen chinesischen Gerichten Scharmützel mit dem finanziell angeschlagenen Elektronikhersteller Proview Technologies. Der behauptet die Namensrechte für den Begriff iPad in China zu besitzen und fordert von Apple Milliardenzahlungen. Einige Richter sahen die Forderung als berechtigt an und ließen Apples Flachrechner aus den Regalen nehmen.

Mit wem Cook über dieses Thema sprechen könnte, ist allerdings unklar. Der Nachrichtenagentur Reuters gegenüber wollten sich Proviews Manager nicht zu einem möglichen Treffen mit Cook äußern. Auch mit den Anwälten des Unternehmens sei kein Meeting vereinbart. Dass es sinnvoll wäre, die Streitigkeiten auszuräumen, steht außer Frage, zumal das neue Modell gerade erst die Zulassung für den Betrieb in China bekommen hat. Ein andauernder Streit mit Proview könnte den Verkaufsbeginn stören. Bisher jedoch hat sich Apple gegenüber dem chinesischen Unternehmen nicht zum Einlenken bereit erklärt.

Mehr China in chinesischen iPhones

Ein langfristig wichtiger Grund für Cooks Besuch dürften Verhandlungen mit den Betreibern der chinesischen Suchmaschine Baidu sein. Das Apple Baidu stärker in seine Produkte integrieren will, zeigt schon die Beta-Version der nächsten Mac-OS-X-Version 10.8, Mountain Lion. In deren Safari-Browser soll sowohl die Baidu-Suchmaschine als auch der Microblogging-Dienst Sina verlinkt sein. Etwas ähnliches scheint nun auch für iOS-Geräte geplant zu sein.

Bisher hat man bei iOS-Geräten die Wahl, das Internet entweder mit Google, Yahoo oder Bing zu durchsuchen. Ab Werk ist Google als Standard-Suchmaschine eingestellt, weltweit. Das, berichtet "Sina Techology News", will Apple ändern, zumindest in China. Chinesische Apple-Nutzer sollen künftig eine weitere Option auswählen und Baidu als Suchmaschine einstellen können. Offiziell bestätigt ist das alles noch nicht, Gespräche sollen aber bereits laufen. Eine für Smartphones angepasst Mobilversion seiner Suchseite hat Baidu bereits am Start.

Schlechte Nachricht für Google

Laut "Sina Technology News" will Apple im April ein iOS-Update mit Baidu-Integration veröffentlichen. Möglicherweise ist Cook auch deshalb in China, um diesen Deal abzuschließen. Für Apple wäre das ein großer Schritt nach vorne, denn das Wachstum des Konzerns in China ist gewaltig. Das Marktforschungsunternehmen Morgan Stanley erwartet, dass Apple 2013 allein in China 24 Millionen iPhones wird absetzen können. Ein Jahr später sollen es schon 40 Millionen sein. Zum Vergleich: Im ganzen Jahr 2011 verkaufte Apple 68,5 Millionen iPhones, weltweit.

Für Google wäre das wenig erfreulich. Schon jetzt muss sich der US-Konzern abmühen, seine 20 Prozent vom chinesischen Suchmaschinenmarkt gegenüber Baidu zu behaupten. Baido unterwirft sich freiwillig der chinesischen Zensur, weil Google bei der staatlichen Kontrolle nicht ganz so willfährig verfahren wollte, wurden Google-Dienste ausgebremst oder sogar gesperrt. Die chinesische Google-Suche wird derzeit vom weniger stark reglementierten Hongkong aus angeboten.

Apples Schritt würde Google zudem ausgerechnet im boomenden Mobilmarkt Anteile kosten. Wie schwer das wiegen würde, ist jedoch schwer abzuschätzen. Aufgrund des hohen Preises sind iPhones in China absolute Luxusobjekte, einen viel größeren Marktanteil haben Android-Smartphones - mit Google an Bord. Allerdings wächst Chinas Mittelschicht, die in der Lage ist sich iPhones zu leisten, erheblich.

Zu dieser angestrebten Ausweitung des Marktanteils in dem Riesenstaat würde ein anderes Gerücht passen, das um Cooks China-Visite gesponnen wird. Demnach will Cook Verhandlungen mit China Telecom, dem mit 680 Millionen Kunden größten Mobilfunkanbieter des Landes führen. Bisher nämlich werden iPhones in China nur von der vergleichsweise kleinen China Unicom angeboten.

Ein besonderes Lockmittel für den neuen Wunschpartner hat Cook angeblich auch in der Tasche: Das neue iPhone. Aber das ist - natürlich - auch nur ein Gerücht.

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