Apple TV 2 im Test Eine Handvoll Fernsehen

Kleiner, billiger sparsamer: Das neue Apple TV ist das erste echte Hardware-Update für Apples Film- und Fernseh-Box. Tief im Inneren ist das Gerät eigentlich ein iPhone, und das merkt man ihm im Test auch an - in positiver wie in negativer Hinsicht.

Matthias Kremp

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Klein ist es geworden, das neue Apple TV, sehr klein. Nur noch eine Handvoll Elektronik bekommt, wer sich Apples neue und vollkommen schwarze TV-Box kauft. Trotzdem sei sie "ganz groß in Sachen Unterhaltung", verkündet Apple in der Werbung und weist auf den Preis hin, der erheblich gesenkt wurde. Nur noch 119 Euro kostet das Gerät, das Firmenchef Steve Jobs immer wieder als Hobby der Firma bezeichnet. Bei der Einführung vor drei Jahren hatte die erste Version noch fast 300 Euro gekostet.

Im Gegensatz zu dieser Version 1.0 hat Apple bei dem neuen Modell allerdings einiges geändert. Der signifikanteste Unterschied: Das Apple TV enthält keine Festplatte mehr. Musik, Filme, Fernsehsendungen und Fotos werden durch das Gerät nur noch via Netzwerk durchgeleitet. Streaming lautet der Fachbegriff für diese Technik. Ohne Heimnetzwerk, vernetzte Computer und Internetanschluss ist das Apple TV nur ein Kasten voller Elektronik, den man zwar an einen Fernseher anschließen, mit dem man aber nichts Sinnvolles anstellen kann.

Zwar ist ein kleiner lokaler Speicher eingebaut, den die Bastler von iFixit auf acht Gigabyte bemessen, doch auf den hat man als Anwender keinen direkten Zugriff. Er wird quasi als Puffer genutzt, um aus dem Netz gezogene Daten zwischenzuspeichern. Der Rest der Elektronik ist eine Mischung aus iPod, iPhone und iPad. Und das erklärt auch, wie es Apple gelungen ist, eine der größten Schwächen des Ur-Apple-TV zu beseitigen.

Sensationell geringer Stromverbrauch

Das nämlich verbraucht stets rund zehn Watt Strom, egal ob eingeschaltet oder im Standby. Eine ökologische Todsünde, die dazu führt, dass das alte Modell einen prima Kaffeewärmer abgibt, in der Umgebung von Unterhaltungselektronik aber immer einen besonders gut belüfteten Platz braucht. Das neue Modell dagegen ist ein Sparmeister. Apple gibt an, sein internes Netzteil könne sechs Watt leisten. Unser Strommessgerät zeigte dagegen sogar während des Abspielens eines Films via Netzwerk nur knapp ein Watt an. Im Standby war kein Verbrauch mehr messbar.

Allein durch den Umstieg auf Mobil-Elektronik ist diese sensationelle Wandlung zum Stromsparer allerdings nicht zu erklären. Auch der Verzicht auf eine eigene Festplatte hat seinen Anteil daran. Der hat allerdings auch zur Folge, dass sich die Rechnung, wie sparsam das neue Modell ist, schnell als Milchmädchenrechnung entpuppen kann.

Will man etwa Musik aus seiner eigenen iTunes-Bibliothek hören, muss dazu der Rechner laufen, auf dem diese Musik gespeichert ist. Zudem muss auf diesem Computer iTunes in der Version 10.1 installiert sein und ebenfalls laufen.

Bei einigen Erstkäufern sorgt diese Eigenheit für Verwunderung. So wie bei einem Nutzer der sich wundert, weshalb sein Apple TV keine Musik mehr abspielt, wenn sein Computer in den Ruhemodus geht. Und das ist die Crux bei der Sache: Ein durchschnittlicher PC saugt auch, wenn er nichts anderes tut als ein paar MP3-Songs ans Apple TV zu streamen, rund 60 Watt aus der Steckdose (mal mehr, mal weniger) und macht dadurch die Energieeinsparung der Streamingbox mehrfach zunichte.

Ausleihen ja, kaufen nein

Wirklich sparsam ist das neue Apple TV also nur, wenn man damit Inhalte ohne Umweg aus dem Netz anschaut. Bei Angeboten aus Apples iTunes Store klappt das auch wunderbar. Filme sind - eine schnelle Netzanbindung vorausgesetzt - nach weniger als einer Minute abspielbereit. Was allerdings nicht jedermann freuen wird: Über das neue Gerät lassen sich Videos nur noch bei Apple ausleihen, nicht mehr kaufen. Wer einen Film besitzen will, muss ihn am PC oder Mac mit iTunes kaufen und dann über das Apple TV auf den Fernseher streamen. Ein ungewöhnlich umständlicher Vorgang.

Was die Auswahl angeht, ist man dabei an Apple gebunden. Zwar sind YouTube, Flickr und auch Apple Mobile Me via Apple TV abrufbar, ernstzunehmende Filmanbieter sind über das Gerät aber nicht erreichbar. In den USA können Apple-TV-Nutzer wenigstens den dortigen Abo-Dienst Netflix nutzen, um sich mit TV-Sendungen zu versorgen, deutschen Anwendern bleiben solche Angebote verschlossen.

Wo bleiben die Apps?

Ohnehin gibt sich das kleine Schwarze von Apple derzeit noch viel zu verschlossen. Der integrierte USB-Anschluss ist ausdrücklich nur für Servicezwecke vorhanden, taugt nicht, um etwa eine externe Festplatte anzustöpseln - was grundsätzlich eine gute Idee wäre. Bei dem alten Modell konnte man diese Fähigkeit über eine Hack-Software nachrüsten und auch das neue Modell ist bereits von Hackern entsperrt worden. Jedermanns Sache ist ein solcher Eingriff aber nicht.

Was außerdem fehlt, sind Apps. Wenn das Apple TV schon auf iPad-Hardware basiert, sollte es schließlich kein größeres Problem sein, Apps darauf abzuspielen. Einzig die Steuerung, die ja auf Touchscreen-Geräte wie iPod und iPad ausgerichtet ist, dürfte Schwierigkeiten bereiten. Allerdings ist der Netzwerkchip im Apple TV grundsätzlich Bluetooth-tauglich. So ließe sich beispielsweise Apples Magic Trackpad als Steuerung nutzen.

Geduld muss man außerdem noch aufbringen, bevor man Apples angekündigte Airplay-Technik ausgiebig nutzen kann. Mit Airplay werden iPod touch, iPad und iPhone selbst zu Streaming-Servern, die das Apple TV mit Daten versorgen können. Derzeit funktioniert das nur mit Musik, aber immerhin. Am iPod startet man die Wiedergabe, tippt auf ein kleines Airplay-Symbol auf dem Bildschirm und schon dröhnt die Musik aus der Surround-Anlage. Sobald das Update auf iOS 4.2 veröffentlicht wird, soll dasselbe auch mit Filmen funktionieren. So könnte man auch selbst gefilmte Videos flink auf den TV-Bildschirm bekommen. Das entsprechende Update soll im November kommen.

Ein klares Urteil über das Apple TV 2.0 zu fällen, fällt angesichts der vielen Vorzüge und Nachteile nicht leicht. Wer bereits ein Apple TV der ersten Generation besitzt und dieses als Multimediazentrale benutzt, sollte lieber die Finger von dem Update lassen. Zu schwer wiegt der Verzicht auf eine eigene Festplatte. Dasselbe gilt, zumindest eingeschränkt, auch für Leute, die Filme lieber kaufen als sie zu leihen.

Da geht noch was

Wer aber nach einer Möglichkeit sucht, seine Videothek gegen ein zeitgemäßes Medium zu tauschen, ist beim neuen Apple TV richtig. Filme auszuleihen geht wohl kaum irgendwo so einfach und schnell wie hier, das Angebot kann sich mittlerweile sehen lassen. Wenn dann in Kürze auch noch Airplay um Videofunktionen erweitert wird, dürften Apple-User frohlocken, weil plötzlich alle Apple-Geräte ihre Inhalte schnell und einfach auf den TV-Bildschirm weiterreichen können.

Und doch wird man sehnlich auf die nächsten Software-Updates für das neue Apple TV warten. Ganz weit oben auf meiner Wunschliste steht die Möglichkeit, Filme und Musik von Netzwerkfestplatten zu streamen, statt von Computern. Solche zentralen Datenspeicher stehen in immer mehr Haushalten, machen Multimediadaten für die ganze Familie nutzbar - und da idealerweise eben auch am Fernseher.

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insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
Johanna.1.15, 04.10.2010
1. ...
Doofe Frage, aber wozu braucht man so ein Ding eigentlich? Was tut man damit?
sappelkopp 04.10.2010
2. Berechtigt...
Zitat von Johanna.1.15Doofe Frage, aber wozu braucht man so ein Ding eigentlich? Was tut man damit?
...diese Frage, wüsste ich auch gern!
zick-zack 04.10.2010
3. Wie immer!
Man kann damit machen, was Apple will. Was man selbst möchte, interessiert nicht. König Kunde hat das zu kaufen, was es gibt. Daß das geboten wird, was der Kunde wünscht gänge ja dann doch viel zu weit! Aber da an dem Kasten Apple dransteht, wird die übliche Klientel das schon kaufen...
semper fi, 04.10.2010
4. -
Zitat von sysopKleiner, billiger sparsamer: Das neue Apple TV ist das erste echte Hardware-Update für Apples Film- und Fernseh-Box. Tief im Inneren ist das Gerät eigentlich ein iPhone, und das merkt man ihm im Test auch an - in positiver wie in negativer Hinsicht. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,721061,00.html
Das "alte AppleTV" hat überhaupt keinen Standby Modus. Es geht nur "ein" oder "aus"; und das nur mit Steckerziehen. Es sei denn, man baut einen Kabel-Zwischenschalter ein. Der Entfall der Festplatte hat den Vorteil, dass das Ding nicht mehr so heiss wird. Auf dem alten Modell kann man fast Kaffee kochen.
semper fi, 04.10.2010
5. -
Zitat von zick-zackMan kann damit machen, was Apple will. Was man selbst möchte, interessiert nicht. König Kunde hat das zu kaufen, was es gibt. Daß das geboten wird, was der Kunde wünscht gänge ja dann doch viel zu weit! Aber da an dem Kasten Apple dransteht, wird die übliche Klientel das schon kaufen...
Wow, wenn mich jemand zwingen würde etwas zu kaufen, mit einer Waffe z. B., dann würde ich Anzeige erstatten. Haben Sie das schon gemacht? Was hätten Sie sich denn von Apple gewünscht?
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