Apple TV 4K im Test Brauchen Sie diese Box?

Apples neue TV-Box sieht genauso aus wie die alte und kann auf den ersten Blick auch nicht viel mehr. Doch der Eindruck täuscht. Ob man die Neuerungen heute schon braucht, ist aber eine andere Frage.
Apples Streaming-Box samt Fernbedienung

Apples Streaming-Box samt Fernbedienung

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Angesichts der Produktzyklen könnte man glauben, dass die Apple-TV-Hardware für den kalifornischen Konzern immer noch ein Hobby ist. So hatte Steve Jobs die Streaming-Box einst bezeichnet. Anders ist kaum zu erklären, weshalb es erst nach vier Jahren Pause eine neue Version gibt und diese sich zumindest äußerlich überhaupt nicht von ihrem Vorgänger unterscheidet. Seit elf Jahren hat Apples TV-Box dasselbe grundlegende Design, ist mit der Zeit nur etwas dicker geworden und hat immer weniger Anschlüsse. Sogar der Preis ist unverändert geblieben: 199 Euro für die Variante mit 32 Gigabyte (GB) Speicher, 219 Euro für die 64-GB-Version.

Wichtiger ist, wie so oft, was sich im Inneren getan hat. Ein neuer Chip steckt drin, der A12 Bionic, der schon dem iPhone XS als Antrieb diente. Natürlich hat der mehr Leistung als der A10X-Fusion-Chip seines Vorgängers, nur merkt man das nicht. Das neue Apple TV 4K ist damit gefühlt genauso schnell wie sein Vorgänger und damit schnell genug für alles, was man damit so macht: Filme und Serien anschauen, Apps ausprobieren, Spiele spielen.

Apples Anschlussminimalismus: Strom, HDMI, Netzwerk

Apples Anschlussminimalismus: Strom, HDMI, Netzwerk

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Dass unter der Haube nun Wi-Fi 6 fürs WLAN sorgt, ist schön und zukunftstauglich, dürfte für viele Nutzer mangels Wi-Fi-6-Router aber derzeit keinen Unterschied machen. Dasselbe gilt für die Thread-Integration. Diese Technologie soll die Zukunft der Smarthome-Vernetzung werden, Dutzende Hersteller haben sich dem neuen Standard verschrieben. Nur hat die Technik derzeit, so wie Wi-Fi 6, kaum jemand zu Hause.

Einen Fernseher hingegen hat in Deutschland fast jeder. Und an den wird das Apple TV 4K per HDMI angeschlossen. Das neue Modell unterstützt dabei die Version 2.1, die gegenüber der Version 2.0 im Vorgängermodell etliche Vorteile bietet, wie etwa eine nahezu dreimal so hohe Bandbreite, die höhere Auflösungen mit mehr Bildern pro Sekunde ermöglicht. Beim Apple TV 4K bedeutet das, dass es Filme in 4K-Auflösung mit hoher Bilddynamik (HDR) und Dolby-Atmos-Rundumsound mit 60 Bildern pro Sekunden an den TV weiterreicht, sofern der damit etwas anfangen kann.

Wichtiger ist allerdings eine Neuerung, die Apples Entscheidung, die Produktion der HomePods einzustellen, in ein merkwürdiges Licht rückt: Dank HDMI 2.1 unterstützt die Box jetzt auch den sogenannten Audio-Rückkanal (Audio Return Channel, ARC), den man durch die Bezeichnung ARC oder eARC an HDMI-Buchsen erkennt.

Über die neue ARC-Funktion werden das Apple TV und die HomePods zum Soundsystem für alle Fernsehinhalte

Über die neue ARC-Funktion werden das Apple TV und die HomePods zum Soundsystem für alle Fernsehinhalte

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Dieses Feature ermöglicht es, Apples Lautsprecher nun für alle Inhalte zu nutzen, die auf dem Fernseher wiedergegeben werden, egal ob Netflix, das normale TV-Programm oder eine Spielkonsole. Und das auch noch mit Dolby Atmos. Das lässt erahnen, dass das letzte Wort zu den HomePods – und möglichen Nachfolgern – von Apple wohl doch noch nicht gesprochen worden ist.

Wer es zwar in den eigenen, aber nicht in den Ohren anderer krachen lassen will, kann zudem bis zu zwei Paar AirPods, AirPods Pro oder AirPods Max mit dem Gerät koppeln und so auch tief in der Nacht noch fetten Sound genießen, während Familie und Nachbarn ungestört schlafen. Die Möglichkeit, Kopfhörer per Bluetooth zu koppeln, bieten freilich auch viele TV-Geräte.

Viel mehr Fernbedienung

Apples neue Fernbedienung: total umgestaltet

Apples neue Fernbedienung: total umgestaltet

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Die einzige Äußerlichkeit, die sich verändert hat, ist die Fernbedienung, die nun aus einem Block Recycling-Aluminium hergestellt wird und für viele das eigentliche Highlight ist. Abgesehen davon, dass sie größer und schwerer als das Vorgängermodell ist, wurde die Anordnung und Funktion der Tasten grundlegend verändert. Das rechteckige Touchpad wurde durch einen Drehring samt Touchpad ersetzt. Sehr praktisch: Sobald man die Pausentaste gedrückt hat, wird der Drehring zum schnellen Vor- und Rückspulknopf, über den man viel schneller durch lange Filme spulen kann als bisher.

Da wo iPhone-Nutzer sie intuitiv vermuten: die Siri-Taste

Da wo iPhone-Nutzer sie intuitiv vermuten: die Siri-Taste

Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGEL

Geschickt gelöst ist, dass die Siri-Taste nun seitlich angebracht ist, also genau dort liegt, wo man auch bei den aktuellen iPhones drücken muss, um Apples digitale Assistenzfunktion aufzurufen.

Farbenlehre mit dem iPhone

Ein aktuelles iPhone mit Face ID braucht man auch, um eine neue Funktion zu nutzen, mit der die Farbwiedergabe des Fernsehers kalibriert werden kann. Dazu messen Sensoren des Apple-Handys Farbbalken, die vom Apple TV auf dem Fernseher angezeigt werden. Aus diesen Messungen wird dann ein für den jeweiligen TV spezifisches Farbprofil errechnet.

Das klingt toll, ist ganz leicht und machte bei meinem Test nur einen kaum sichtbaren Unterschied zum Originalbild. Habe ich meinen Fernseher wirklich so gut eingestellt? Wer die Farbkalibrierung benutzen will, sollte beachten, dass die nur wirksam ist, wenn man das Apple TV benutzt. Sobald man auf eine andere Videoquelle oder das TV-Programm umschaltet, sieht man wieder das nicht-kalibrierte Bild. Die Funktion wurde mit tvOS 14.5 auch auf älteren Modellen eingeführt.

Bleibt die Frage, wer so ein Gerät eigentlich braucht. Schließlich haben viele aktuelle Fernseher zumindest die wichtigen Streaming-Apps von Anbietern wie Netflix, Amazon Prime Video, Disney+ und oft auch Apple TV+ bereits an Bord oder können sie installieren. Ältere Geräte, die das nicht haben, sind dagegen technisch oft nicht in der Lage, die Fähigkeiten des neuen Apple TV zu nutzen, weil Sie weder 4K-Auflösung noch HDR haben.

Fazit

Das neue Apple TV 4K ist eine tolle Streamingbox, keine Frage, vor allem für iPhone-Nutzer, die über die kleine Box nicht nur streamen, sondern auch eigene Videos und Bilder aus der iCloud oder vom Handy abgespielt anschauen wollen. Es mag sogar manche geben, die so ein Gerät als Spielkonsolen-Ersatz benutzen oder darüber mit Apps wie Kayak nach ihren Urlaubsflügen suchen, aber die Kernkompetenz des kleinen schwarzen Kästchens ist und bleibt digitales Fernsehen.

Und das wiederum kann man sich, wenn der Fernseher keine Apps kennt, mit einem Fire TV Stick von Amazon oder einem Chromecast von Google zu einem Bruchteil dessen besorgen, was ein Apple TV 4K kostet. Auf Dolby Atmos über HomePods, die Farbkalibrierung per iPhone und Extras wie Wi-Fi 6, die Unterstützung für Thread-Netzwerke und HDMI 2.1, muss man dann allerdings verzichten.

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort

Über welche Produkte wir in der Netzwelt berichten und welche wir testen oder nicht, entscheiden wir selbst. Für keinen der Testberichte bekommen wir Geld oder andere Gegenleistungen vom Hersteller. Es kann aus verschiedenen Gründen vorkommen, dass wir über Produkte nicht berichten, obwohl uns entsprechende Testprodukte vorliegen.