Apple Watch Event Uhrsache und Wirkung

Zwei neue iPhones, eine Smartwatch, ein Bezahlsystem: Apple hat bei seiner Produktshow in Cupertino exakt das präsentiert, was erwartet worden war. Trotzdem könnten die neuen Produkte unseren Alltag nachhaltig verändern.
Apple Watch Event: Uhrsache und Wirkung

Apple Watch Event: Uhrsache und Wirkung

Foto: JUSTIN SULLIVAN/ AFP

Das Überraschendste an Apple-Events ist, dass sie inzwischen fast ohne Überraschungen auskommen. Alles, was Apple-Chef Tim Cook und seine Paladine an diesem Dienstag in Cupertino, Kalifornien, vorstellten, war vorher bereits bekannt geworden:

  • Zwei neue iPhones in zwei unterschiedlichen Größen, beide größer als das iPhone 5, und mit abgerundeten Ecken. Wie die Geräte aussehen, konnte man sich schon am Montag in mehreren Videos von chinesischen Gadget-Magazinen ansehen.
  • Eine Smartwatch, die - doch eine Überraschung! - nicht iWatch, sondern schlicht Apple Watch heißt. Was eine gewisse Hybris seitens des Konzerns reflektiert, denn das Ziel ist augenscheinlich, schon mit dem Produktnamen zu erklären, dass man die Kategorie "Armbanduhr" von nun an als ein Herzogtum in Apples Königreich betrachtet.
  • Ein Bezahlsystem namens - wieder keine Überraschung - Apple Pay, das es mithilfe eines NFC-Chips (für Near Field Communication) in Handy oder Uhr möglich macht, an entsprechend ausgerüsteten Ladenkassen berührungslos und nur mit einer Armbewegung zu bezahlen.

Tatsächlich hat Apple mit seinen Neuheiten lediglich die Erwartungen erfüllt, mit denen Fans, Presse und Analysten an die Veranstaltung herangegangen waren. Mehr noch: Die vorgestellten Produkte sind keine wirklich fundamentalen Innovationen. Die neuen iPhones sind größer, haben bessere Bildschirme und leistungsfähigere Kameras - aber sie sind eben iPhones. Inkrementelle  Verbesserungen eines lange bekannten Grundprinzips und zudem umgeben von einer mittlerweile durchaus beeindruckenden Konkurrenz diverser Hersteller, die Android-Handys bauen.

Fotostrecke

Apple Watch und iPhone 6: Sensationell intim

Foto: JUSTIN SULLIVAN/ AFP

Auch die Apple-Smartwatch ist weder überraschend noch eine echte Innovation: Diverse Hersteller bieten derartige Geräte mittlerweile an, und mindestens Motorolas Moto 360 kann in Sachen Design durchaus mit Apples Watch mithalten. Durchgesetzt hat sich diese Geräteklasse bislang aber nicht - und das könnte Apple nun trotz allem ändern.

Welchen Markt Apple wirklich aufmischen könnte

Erst eingehende Tests werden zeigen, ob die Benutzung der neuen Uhren tatsächlich so intuitiv und angenehm ist, wie Cook und sein Team das bei der Vorstellung ein ums andere Mal betont haben. Sicher ist, dass Apple bis heute einen Vertrauensvorsprung hat, wenn es um die Einführung neuer Geräte geht. Steve Jobs versprach einst: Wenn wir etwas anfassen, dann machen wir es so, dass die Kunden es lieben werden. Löst die Apple Watch dieses Versprechen ein, dann kann sie einmal mehr einer Gerätekategorie zum Durchbruch verhelfen, bei denen andere die undankbare Vorreiterrolle übernommen haben. So wie das bei MP3-Playern, Touchscreen-Handys oder tragbaren Touch-Computern schon der Fall war.

Erweist sich die Apple Watch aber als überflüssiger Schnickschnack, als allzu klobiges Anhängsel mit zu wenig echtem Mehrwert für seinen Preis, dann kann die Uhr das Gegenteil bewirken: Wenn der Konzern nur einmal unter Beweis stellt, dass nicht jedes seiner Produkte automatisch zum unverzichtbaren Alltagsgegenstand wird, könnte das der Beginn eines rapiden Abstiegs werden.

Die Ankündigung mit der vermutlich nachhaltigsten Wirkung aber ist die zugleich am wenigsten spektakuläre. Der berührungslose Bezahldienst Apple Pay ist einmal mehr eine aufpolierte Kopie bereits im Markt befindlicher Angebote, man denke nur an Google Wallet. Android-Handys mit NFC-Chips gibt es längst, das Zahlen per Handy aber hat sich bislang nirgends durchgesetzt. Apple aber hat im Smartphone-Bereich in den USA bis heute einen Marktanteil von 40 Prozent - und Cooks Mannschaft hat es offenbar verstanden, sich mit vielen großen Laden- und Restaurantketten zu verbünden.

Schafft Apple es, mit seinen neuen Geräten schnell große Kundenzahlen zu erreichen - und die Geschichte legt nahe, dass das klappen könnte, - könnte mit einem Mal auch das Zahlen mit dem Handy - oder der Uhr - zur Alltagsgeste werden.

Für Ladenketten könnte die Anschaffung der entsprechenden Hardware mit einer ausreichend großen, zahlungskräftigen Klientel plötzlich doch interessant werden, und genau das sind Apples Kunden. Und stehen die Scanner erst einmal an den Ladenkassen, sind auch die NFC-Chips in allen anderen Handyfabrikaten plötzlich wieder im Spiel. Wenn das geschieht, wenn unsere digitalen Alltagsbegleiter auch zu unserem bevorzugten Zahlungsmittel werden, ist das zwar bequem - es bringt aber auch völlig neue Datenschutz- und Sicherheitsprobleme mit sich. Man denke nur an das iCloud-Desaster, das vielen prominenten Frauen aus den USA kürzlich Ungemach und öffentliche Demütigungen bescherte. Mit jeder Alltagslast, die wir uns von den Digitalgiganten abnehmen lassen, handeln wir uns neue Risiken ein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.