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27. Januar 2010, 22:23 Uhr

Apples iPad

Steve Jobs öffnet seine Wundertüte

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Apple feiert das neue iPad: einen buchgroßen Computer zum Berühren, angeblich perfekt für Bücher, Magazine und Spiele, als Multimedia-Player und abgespeckter Heimcomputer. Steve Jobs bedient fast alle Erwartungen von Fans - und kriselnden Wirtschaftsbranchen, die sich nach dem Ding sehnen.

San Francisco/Hamburg - Monatelang hatte es Gerüchte gegeben, Spekulationen, Insider-Hinweise - am Ende war es keine Überraschung mehr, was Apple-Chef Steve Jobs in San Francisco vorstellte. Aber beeindruckend war es trotzdem.

Der iPad genannte Tablet-PC kommt, und einmal mehr zeigte der Marketing-Magier Jobs, wie man erfolgreich die profane Vorstellung eines Produktes zu einem weltweit beachteten Ereignis macht (Minutenprotokoll auf SPIEGEL ONLINE...). Im vergangenen Jahrzehnt ist das der Firma aus dem kalifornischen Cupertino mehr als einmal gelungen: Produkte auf den Markt werfen, die ganze Märkte verändern oder erst schaffen, in der Popkultur aufgehen und den modernen Lebensstil nachhaltig prägen.

Steve Jobs bemühte sich redlich, jetzt wieder ein solches Produkt zu präsentieren. Das iPad ist:

Alle Funktionen im Detail zeigt die Fotostrecke:

Das Ding ist damit fast alles, womit sich der Geräteliebhaber in seiner Freizeit gern beschäftigt - und bedient zahlreiche Wünsche und Begehrlichkeiten der inhalteproduzierenden Kreativindustrien. Was das iPad nicht kann, sind komplexe Büroanwendungen. Aber danach sucht der Heimnutzer nicht.

Apples neues Gerät ist wie alle Apple-Produkte: Sie gelten als stilvoll, wertig, auch teuer - vor allem aber gelten sie als ganz besonders nutzerfreundlich. Schon vor Jahrzehnten setzte der Konzern Maßstäbe bei der Entwicklung grafischer Schnittstellen. Sie ermöglichten es zu einer Zeit, in der Computernutzung nur für Ingenieure normal war, auch Laien, die Welt der Rechner für sich zu erobern.

Helfer für gebeutelte Branchen

Immer wieder leistete Apple Pionierarbeit - nicht immer geschäftlich erfolgreich, aber stets innovativ. Zu Beginn des neuen Millenniums mauserte sich Apple zu einer Marke, die nicht nur für Fans ein Begriff war, sondern für Jedermann. Zuerst mit dem iPod, später mit dem iPhone begann sich Apple zu verändern, vom Computer- zum Unterhaltungselektronikkonzern, übrigens seit Jahren einem der profitabelsten der Welt. Mit dem iPhone veränderte Apple von Grund auf die Art, wie Menschen Handys und das mobile Internet nutzen und wie viel sie dafür bezahlen. Vielleicht seit dem Siegeszug der Musik-Downloads im iTunes-Store, spätestens aber seit diesem Mobilfunk-Kunststück gilt Apple als Hoffnungsträger für gebeutelte Branchen. Und als Angstgegner für solche, in denen Apple bisher nicht aktiv ist.

Machen wir uns den Spaß einer Inventur, was man sich da so vorstellen könnte.

Und dann ist da noch der Kunde, dieser spendierfreudige Gerätefan. Seit drei Jahrzehnten wächst sein Equipment jedes Jahr. Immer mehr kann die Technik, immer komplexer wird sie, nichts wird wirklich einfacher, dafür dauernd von der Zeit überholt. Er wünscht sich den Alleskönner, die eierlegende Wollmilchsau.

Steve Jobs bemühte sich redlich, eine solche zu produzieren.

Dass Apple mit seinem iPad deutlich unter den Preiserwartungen der Fachwelt blieb, war am Mittwochabend die einzige echte Überraschung. Ein Einstiegspreis von 499 Dollar ist zwar eine Menge für ein tragbares Unterhaltungselektronik-Gadget - aber es ist alles andere als ein astronomisch hoher Preis. Es ist die Preismarge der besseren Netbooks, der Einsteiger-Laptops. Es ist deutlich billiger als manches Smartphone und hat darum vielleicht wirklich die Chance, zu einer Art Jedermann-Rechner zu werden.

Chic und flach

Denn die vom iPhone her bekannte Benutzersteuerung glänzt durch Intuitivität, die auch Menschen ansprechen mag, die sich mit der Computerei bisher kaum anfreunden konnten. Chic und flach, mit den Fingern statt mit der umständlichen Maus bedienbar ist das iPad möglicherweise auch ein Mama-kompatibler PC.

Zumal er sich mittels einer ansteckbaren Tastatur wirklich zum Computer machen lässt, wenn man gerade einen braucht. Spötter erwarten mit Version 2 schon die Integration von Kaffeemaschine, Rasierer und Bügeleisen.

Ob das iPad deshalb wirklich zu Steve Jobs "größter Tat" wird, wie er im Vorhinein angeblich raunte, sollte man abwarten. Tablets gibt es seit einigen Jahren auf dem Markt, das Konzept ist nicht neu. Auch Bill Gates ging einst für seine "Mira" hausieren, die auch so vieles können wollte und es doch nicht durfte - weil kaum ein Kunde sie wollte.

Das iPad hat natürlich den Apple-Bonus. Es ist chic, Apple-Geräte zu besitzen. Heute mag die Nische für solche Rechner größer sein. Dass sie noch wachsen wird, steht außer Frage.

Demostration der Machbarkeiten

Während der Produktpräsentation in San Francisco begannen Apples Aktienwerte erst nach unten, dann nach oben zu drehen - auch das war zu erwarten. Die Nachricht vom Finanzparkett erinnerte daran, dass es dem Kaufmann Jobs nicht primär um die Beglückung der Welt geht, sondern um den wirtschaftlichen Erfolg von Apple. Der Konzern zeigte auch damit eindrucksvoll, dass er den Status eines Unternehmens erreicht hat, das Erwartungen an sich nur bestätigen muss, um eine Aufwertung zu erfahren. Am Ende wird es nicht mal darauf ankommen, dass das iPad sofort ein Erfolg wird. So mancher Vorstandschef dürfte Jobs beneiden.

Die Präsentation in San Francisco war eine Demostration der Machbarkeiten. Das iPad ist ausgefuchste, schicke Technik, aber es ist keine weltverändernde Innovation, die alles auf den Kopf stellen wird. Es bietet nichts, was man nicht erwartet hatte.

Trotzdem ist es eine Demonstration von Apples anhaltender Produktinnovationskraft. Ein Gerät, dass seinen auf der weltgrößten Unterhaltungselektronikmesse CES kürzlich vorgestellten Konkurrenten durchaus die Show stiehlt.

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