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05. März 2011, 16:53 Uhr

Bilder in Retro-Optik

Profi-Fotograf tauscht Kamera gegen iPhone

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Das Handy ersetzt den Fotoapparat: Profi-Fotograf Andy Spyra hat die Kamera des aktuellen iPhone ausprobiert - und ist begeistert von Hipstamatic, einer einfachen Filter-Software. Auf seine digitale Spiegelreflexkamera will er trotzdem nicht verzichten.

Harte Kontraste und Retro-Optik: Eine App macht aus langweiligen Schnappschüssen mit dem iPhone interessante Bilder, die an alte Polaroid- oder Mittelformatkameras erinnern. Der Fotograf Andy Spyra, der für die Agentur Getty Images arbeitet und derzeit in Bosnien lebt, hat es ausprobiert - und ist begeistert. Nach einer Woche mit dem iPhone und der Anwendung Hipstamatic, steht für ihn fest: "Für mich ist das eine ernsthafte Kamera."

Die App Hipstamatic verleiht den Aufnahmen der recht passablen iPhone-Kamera ein körniges, an manches Filmmaterial erinnerndes Aussehen. Zu den Ecken hin verlieren die quadratischen Bilder an Helligkeit, ganz so wie bei billigen Mittelformat-Kameras. Die Holga, eine Plastikkamera aus Hongkong, ist bekannt für solche Aufnahmen. Bisher trug Andy Spyra eine solche Analogkamera bei sich - um nebenher zu fotografieren, ohne ständig die große Profi-Kamera mitschleppen zu müssen.

Zwölf Bilder passen auf einen Mittelformat-Film. "Es ist mittlerweile wahnsinnig teuer, so einen Film entwickeln zu lassen", sagt Spyra. Vor einer Woche griff er zum iPhone und installierte Hipstamatic, eines von diversen Programmen für Retro-Optik. Ähnlich beliebt ist Instagram. In Berlin schoss er die ersten Bilder (siehe Fotostrecke). Seitdem bleibt seine analoge Holga im Schrank liegen.

Spyra, dessen Fotos schon in "Geo", "Foreign Policy" oder auf den Seiten der "New York Times" veröffentlicht wurden, arbeitet derzeit an einer Serie über den Völkermord in Bosnien-Herzegowina und dessen Folgen. Seit 2009 ist er dazu regelmäßig in Bosnien. Künftig nicht nur mit seiner digitalen Spiegelreflexkamera. "Das wird meine neue Kamera, die ich immer dabei habe und mit der ich nebenher fotografiere."

Ist das noch Fotojournalismus?

Auf teures Equipment komme es schließlich nicht an: "Am Ende ist es der Fotograf, der das Bild macht, und nicht die Kamera", sagt Spyra. Die Technik sei das allerletzte Glied in einer langen Kette zu einem guten, interessanten Foto. Viel wichtiger ist es für ihn, den Menschen vor der Kamera Respekt entgegen zu bringen und so ihr Vertrauen zu gewinnen.

Unter Fotografen ist die Kombination aus iPhone und Hipstamatic trotzdem umstritten: Nachdem der Pulitzer-Preisträger Damon Winter für die "New York Times" US-Soldaten in Afghanistan auf diese Art fotografiert hatte und auch dafür ausgezeichnet wurde, gab es Schelte von Kollegen. Denn die Software verändere das Bild so sehr, dass man nicht länger von Fotojournalismus sprechen könne. Der Vorwurf: Hipstamatic verfälsche die Aufnahmen.

"Bei Hipstamatic wird nichts weggeschnitten oder ausgetauscht", sagt Andy Spyra zu solchen Vorwürfen. "Der Kontrast wird angehoben, die Ecken abgedunkelt. Man könnte auch Holga-Filter dazu sagen." Spyra hat sich eine einfache Regel auferlegt: "Ich mache nichts mit dem Computer oder einer App, was ich nicht auch in der Dunkelkammer machen könnte." Was bedeutet, dass er bestimmte Bereiche etwas heller oder etwas dunkler macht, um die Aussage eines Bildes zu betonen.

Für den "New York Times"-Fotografen Damon Winter gab es noch einen Grund, die Soldaten im Einsatz mit dem iPhone zu fotografieren: Viele von ihnen hatten selbst Handys dabei und machten Schnappschüsse. So fiel Winter nicht weiter auf und konnte auch in diskreten Momenten unauffällig fotografieren.

Die digitale Holga hat für Andy Spyra noch einen Vorteil: Er kann seine Fotos direkt ins Internet stellen. Denn es sei recht schwer, Fotos aus Bosnien an traditionelle Medien zu verkaufen. "Es klappt immer wieder, aber nur meine Agentur kauft mir regelmäßig Bilder ab." Deswegen zeigt er seine Bilder auch auf Facebook und auf seiner Website. "Das ist ein Weg, Menschen direkter an meinen Geschichten teilhaben zu lassen."

Am Samstag fotografierte Spyra eine Demonstration für den ehemaligen bosnischen General Jovan Divjak, der vergangene Woche verhaftet worden war. Divjak werden Kriegsverbrechen vorgeworfen - seine Anhänger gingen auf die Straße, Spyra zückte das iPhone.

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