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Brille statt Bildschirm: So sieht Brothers AirScouter-Cyberbrille aus

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Cyberbrille AirScouter Kabelkram im Star-Trek-Look

Google forscht noch daran, Brother verkauft sie schon: In Berlin hat der japanische Druckerhersteller eine Datenbrille vorgestellt, die der des Internetkonzerns in mancher Hinsicht ähnelt und doch ganz anders ist.

"Was kommt als nächstes?", diese Frage hat den Druckerhersteller Brother nach eigenen Angaben bewogen zu überlegen, welche Technik wohl die Zukunft prägen könnte. Ein Ergebnis dieser Überlegungen: Datenbrillen. Zu demselben Schluss war auch schon der Internetkonzern Google gekommen. Anfang April hatte das Unternehmen öffentlich gemacht, dass es an einer Datenbrille arbeite.

Eine Ankündigung, die Blogger und Beobachter erst einmal frohlocken ließ: Ist die Datenbrille das nächste große Ding? Wird sie das Smartphone erweitern oder gar ersetzen? Vorläufig weder noch. Auf der Website des Google-Projekts werden derzeit noch Vorschläge gesammelt, wie so eine Cyberbrille aussehen könnte, was sie können soll, was sie können muss und wie man sie am besten bedienen könnte.

Passend dazu verteilte Google Pressefotos von hübschen Models mit hübschen Brillen, die zeigen sollen, wie viel Spaß so eine Cyberbrille macht. Kurz nach der Veröffentlichung trat Google-Mitgründer Sergey Brin auf einer Benefizveranstaltung mit eben so einer Brille auf. Fotografieren durfte ihn damit jeder, anfassen oder gar selbst ausprobieren lassen wollte Brin die Brille aber niemanden. Vermutlich steht Google mit seiner Entwicklung noch so weit am Anfang, dass die Datenbrille in ihrer jetzigen Form einfach noch nicht so weit ist.

Bei Brother ist das anders. Die am 18 April in Berlin präsentierte Cyberbrille AirScouter ist nicht nur vorzeigbar, sie wird sogar schon in Serie produziert. In Brothers Heimatland Japan kann man sie schon kaufen. Rund 2000 Euro kostet die Hightech-Brille dort.

Gutes Gefühl im Star-Trek-Look

Was man dafür bekommt, hat allerdings wenig Ähnlichkeit mit der eleganten Sportbrille, die auf Googles Pressefotos und Sergey Brins Nase zu sehen war. Zwar basiert auch die Brother-Brille auf einem im Grunde sehr eleganten Gestell. Das dient aber nur als Träger für Technik, die nach heutigen Maßstäben zwar extrem miniaturisiert sein mag, aber immer noch ziemlich klobig aussieht. Umso mehr als die AirScouter über keine eigene Intelligenz verfügt, und man einen regelrechten Drahtverhau an Kabeln, Adaptern und Technikboxen braucht, um Zuspielgeräte anzuschließen. Im praktischen Einsatz bräuchte man eine Umhängetasche, um das alles zu verstauen.

Und doch erstaunt die AirScouter. Die Steuerelektronik und das optische System sind in einem Kasten untergebracht, der wahlweise links oder rechts auf die Brille gesteckt wird. Der Vorteil: Man muss nicht Brothers Brille nutzen, sondern kann die Technik auch auf die eigene aufstecken. Erstaunlich ist, dass sich die Brille trotz der Technikbox nicht schwer anfühlt und man auch nicht das Gefühl hat, sie würde sich zu einer Seite neigen. Für Betrachter von Außen sieht das freilich anders aus. Ihnen erscheinen Träger der AirScouter-Brille wie die Borg genannten Maschinenmenschen aus der TV-Serie "Star Trek - The Next Generation".

Ganz schön scharf

Doch selbst wenn die Brille nicht so dominant wäre, würde man ihren Träger unwillkürlich an seinem Gang erkennen. Sobald man die elektronische Brille trägt, hält man den Kopf leicht nach oben angewinkelt. Vermutlich, um unbewusst zu vermeiden, dass sie versehentlich abrutscht. Außerdem geht man etwas vorsichtiger, weil Technikkasten, Einspieloptik und das projizierte Bild den Sichtbereich einschränken. Zudem schauen meist beide Augen in Richtung des virtuellen Bildes, die Augen voneinander zu entkoppeln, ist einfach nicht möglich.

Das möchte man aber eigentlich auch nicht. Zumindest war das bei den ersten Experimenten mit der Brille der Fall. Der Grund dafür ist, dass die eingeblendeten Grafiken trotz der geringen Auflösung von 800 x 600 Bildpunkten sehr scharf und brillant im Blickfeld erscheinen. Das galt im Test allerdings vor allem für von Brother bereitgestellten Demo-Inhalte. Schließt man ein iPad oder iPhone an, sind die Bilder zwar immer noch brillant und scharf, könnten aber gerne etwas größer erscheinen.

So kann man sich zwar von einer Navi-App durch die Stadt führen lassen, bekommt dabei aber keine an die Brille angepasste grafische Ansicht eingespielt. Stattdessen sieht man, etwa bei angeschlossenem iPhone, den Inhalt des iPhone-Displays vor sich in der Luft wabern, nur ohne Handy drumherum. Das Bild ist dabei etwas transparent, seitlich davon ragt der Elektronikkasten ins Sichtfeld. Angepasste oder speziell für die AirScouter entwickelte Apps gibt es noch nicht.

"Das ist keine anwenderfreundliche Lösung"

Wirklich lästig ist aber der Trumm an Zusatzgeräten und Kabeln, die man braucht, um der Brille überhaupt ein Bild zu entlocken. Zuspielgeräte müssen über eine DVI-Buchse, wie man sie von PC kennt, angeschlossen werden. Das ist verwunderlich, denn Brother spricht selbst vor allem von iPhones und iPads als Datenlieferanten. Die haben aber kein DVI und müssen über eine Kombination aus DVI-zu-HDMI- und HDMI-zu-Dock-Connector-Adapterkabel angeschlossen werden.

"Das ist keine anwenderfreundliche Lösung", erklärte bei der Vorstellung der Brille in Berlin dann auch Brother-Manager Richard Thomas und ergänzte: "Wir glauben, die Brille wird zunächst für industrielle Anwendungen genutzt werden." In Japan, wo der Verkauf schon begonnen hat, hätten einige Firmen schon Interesse angemeldet. Wann die Brille auch in Europa angeboten wird, ist noch völlig offen.

Für normale Anwender ist das aber auch kaum wichtig. Im stationären Handel wird es die AirScouter vermutlich nicht zu kaufen geben, sie wird wohl dem Firmengeschäft vorbehalten bleiben. Und das ist gut so. Denn so charmant die Idee ist, sich Daten direkt ins Blickfeld einblenden zu lassen, so unpraktisch ist ihre aktuelle Umsetzung mit der AirScouter. Bevor man sich privat eine solche Cyberbrille auf die Nase setzen mag, müssen noch viele Details verbessert, die Datenübertragung drahtlos gemacht und vor allem der Preis gesenkt werden.

Ein paar Jahre wird das noch dauern.