Buchmarkt Papierliebe ist lebensgefährlich

Die Buchverlage sind dabei, die Fehler der Musik- und Filmbranche zu wiederholen: Sie machen ihren Kunden wenig befriedigende elektronische Angebote - und werben damit indirekt für illegale Alternativen. Doch Datenträgernostalgie ist lebensgefährlich. Und Papier nicht unsterblich.
E-Reader, Bücher: Datenträgernostalgiker und die Gefahr, den Anschluss zu verpassen

E-Reader, Bücher: Datenträgernostalgiker und die Gefahr, den Anschluss zu verpassen

Foto: Anonymous/ AP

Dieser Text ist ein gekürzter und aktualisierter Auszug aus Christian Stöckers Buch " Nerd Attack  - eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook". "Nerd Attack" gibt es auch als E-Book - für einen geringeren Preis als den der Druckausgabe.

Im Frühjahr 2011 teilte der Internetbuchhändler Amazon erstmals mit, dass er in den vorangegangenen Monaten in den USA mehr E-Bücher für sein digitales Lesegerät "Kindle" verkauft habe als gedruckte Buchausgaben. Das lässt keine Aussagen über den US-Buchmarkt insgesamt zu, denn Kindle- Bücher kann man nur bei Amazon kaufen, nirgends sonst.

Aber es ist doch eine erstaunliche Entwicklung - immerhin gibt es den Kindle erst seit Ende 2007. Bei der Frankfurter Buchmesse, die am Mittwoch beginnt, werden E-Books wieder ein großes Thema sein - doch die Verlage sind in der akuten Gefahr, die Fehler von Musik- und Filmbranche zu wiederholen.

Auch das Primat des Papiers wird eines Tages Vergangenheit sein

Auch die Auflagen von Tageszeitungen in den USA und hierzulande gehen kontinuierlich zurück, während eine wachsende Zahl von Menschen sich ausschließlich online über das Weltgeschehen informiert.

Trotzdem werden Unmengen von bedrucktem Papier verkauft. Das papierlose Büro, das man uns immer wieder angekündigt, angedroht, versprochen hat - noch liegt es in weiter Ferne.

In Redaktionen, Agenturen, Ämtern, Universitäten, Schulen, Bibliotheken und Büros wird gedruckt und kopiert, was das Zeug hält. Nach wie vor gibt es kaum jemanden, der längere Texte wirklich lieber am Bildschirm liest. Das aber ist eine Frage der verfügbaren Technik und auch der von klein auf erworbenen Gewohnheiten, und damit nur eine der Zeit.

Qualität, Komfort, Preis

Wenn es so kommt, wie es nun schon so oft gekommen ist, wird auch das Primat des Papiers irgendwann eine vorübergehende Phase gewesen sein. Noch um die Jahrtausendwende wurden unter Fotobegeisterten erbitterte Streitgespräche darüber geführt, ob die Digitalfotografie sich jemals durchsetzen würde, ob Profis irgendwann bereit sein würden, sich dieser unstofflichen, geisterhaft wirkenden Technik mit der miesen Auflösung anzuvertrauen. Doch die Qualität der Bilder wuchs rasant, während die Preise für Kameras im selben atemberaubenden Tempo fielen. Eine digitale Spiegelreflexkamera kostet heute so viel, wie 1998 eine gute analoge gekostet hat.

Und wer versucht, in einer Großstadt einen Diafilm zu kaufen, muss sich auf erstaunte Gesichter und längere Fußmärsche gefasst machen.

Damit das Digitale das Analoge aussticht, das hat die Geschichte vielfach gezeigt, braucht es nur drei Faktoren: Die Qualität muss stimmen, der Komfort - und der Preis. Das Totenglöcklein der CD begann in dem Moment zu läuten, in dem das MP3-Format erfunden wurde, das Musikdateien in akzeptabler Klangqualität ermöglichte, als Musiktauschbörsen diese Dateien dann für den besten Preis von allen verfügbar machten: gratis. Das Ende der VHS-Kassette begann, als die erste DVD gepresst wurde, und das der DVD, als die ersten Online-Videotheken Filme zum direkten Download anboten.

Filmdownloads kosten mehr als Leih-DVDs

Dass Film-Downloads sich noch nicht flächendeckend durchgesetzt haben, liegt vor allem an Faktor drei, dem Preis: Sie sind nicht, wie das eigentlich sein sollte, weil ja weder Ladengeschäfte noch Datenträger und Hüllen vorgehalten werden müssen, preiswerter als Leih- oder Kauf-DVDs. Sie kosten mehr.

Die Branche verteidigt das von ihr selbst als lukrativer betrachtete Geschäft mit einer restriktiven Preispolitik. Also verschafft sich die Kundschaft Produkte eben zum Nulltarif, wieder über Internet-Tauschbörsen oder illegale Download-Websites.

Den freien Fall der Musikbranche hat erst Apple mit der Einführung von iTunes und bezahlbaren Preisen für Musikdateien stoppen können. Für die Branche war das sehr unangenehm.

Noch heute sind Musikmanager auf Apple nicht gut zu sprechen, weil das Unternehmen ihnen auf sehr kompromisslose Weise die Bedingungen diktiert, nach denen das Geschäft zu laufen hat. Man wird der Film- und Fernsehbranche in den kommenden Jahren womöglich dabei zusehen können, wie sie die gleichen Fehler macht, in die gleichen Fallen stolpert wie die Manager des Musikbusiness. Aber wer weiß, vielleicht kriegt Hollywood die Kurve ja doch noch. Die Verlagsbranche beobachtet das Geschehen mit großem Interesse. Ihre digitale Revolution hat gerade erst begonnen.

Napster und die Folgen als Menetekel für Verlage

Manche Leser werden das Vorangegangene mit einem Stirnrunzeln oder heftigem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen haben. Für jeden, wirklich jeden der genannten sterbenden Datenträger finden sich Fans, Aficionados, manchmal Besessene, die bereit sind, ihn bis aufs Blut zu verteidigen. Datenträgernostalgiker.

In ihren Predigten kommt immer das Wort "niemals" vor, meistens kombiniert mit Begriffen wie "Sinnlichkeit", "haptisch " oder "emotional". Gerade in der Altersgruppe unter 40 gibt es beispielsweise eine große Zahl von glühenden Verehrern der Vinylschallplatte. Vinyl erlebt seit Jahren einen sensationellen Aufschwung, Plattenläden und Versandhändler verzeichnen erfreut und verwundert, dass eine wachsende Zahl von Menschen lieber einen großen, glänzenden Datenträger aus Plastik in einer Papphülle kauft als eine CD oder ein Bündel Dateien. Plattenspieler sind jetzt Luxusobjekte, die Tausende, ja Zehntausende von Euro kosten können.

Die Verfechter der Schallplatte preisen einen Klang, den sie als "wärmer" empfinden, die haptischen Eigenschaften der Platten selbst, ihr Gewicht, natürlich die großen Hüllen, das Artwork, die "Liner Notes". Sie begeistern sich aber auch für das Unpraktische an der Platte, für das Ritual des Aus-der-Hülle-Nehmens, die eigentlich doch ziemlich lästige Notwendigkeit, eine Platte vor dem Hören mit einem Miniaturbesen zu fegen, ja sogar für die Tatsache, dass man nach der Hälfte eines Albums aufstehen und die Platte umdrehen muss. Es ist eine gewissermaßen kantianische Begeisterung für Schwierigkeiten, die da durchscheint: Nur, was hart erarbeitet werden muss, ist wirklich etwas wert.

Stimmen müssen: Preis, Qualität und Komfort

Dass man mit der gleichen Begründung Fernbedienungen für TV-Geräte ablehnen könnte, kommt Vinylnostalgikern nicht in den Sinn. DJs, die darauf verweisen können, dass das Handwerk des Musikmischens nun einmal traditionell mit Plattenspieler, "Pitch Control" und Crossfader ausgeübt wird, sind die wenigsten von ihnen.

Der meistverteidigte Datenträger aber ist derzeit das Papier: Immer wieder ist zu lesen, das Internet könne die Zeitung als Nachrichtenmedium niemals ersetzen, weil Papier so schön raschelt, weil man Seiten von Hand umblättern muss, wegen des Geruchs der Druckerschwärze. Und weil, das allerdings wird nie so recht begründet, Journalismus auf Papier irgendwie "besser" sei.

Das erinnert ein bisschen an die These, Platten klängen besser, weil man sie von Hand umdrehen muss. Ich habe dafür viel Verständnis. Ich bin, was das Papier angeht, selbst Datenträgernostalgiker. Ich habe eine Tages- und eine Wochenzeitung abonniert und natürlich den SPIEGEL.

Kaufen Sie "Jim Knopf" mal elektronisch

Das Bücherregal ist das raumgreifendste Möbelstück in meinem Wohnzimmer, und ich habe in meinem ganzen Leben noch nie ein Buch weggeworfen. Ich liebe Bücher in Papierform und möchte sie auch in Zukunft nicht in einem Standardfont auf einem E-Ink-Bildschirm lesen oder gar auf einem PC-Monitor. Sie brauchen keine Batterie, Sand macht ihnen nichts aus, und man kann sie sogar in die Badewanne fallen lassen und mit einem bisschen Glück anschließend trotzdem noch zu Ende lesen. Mit einem Kindle geht das nicht.

Aber ich bin auch Realist: Sobald Preis, Qualität und Komfort stimmen, werden gedruckte Bücher den gleichen Weg gehen wie Vinylschallplatten: Sie werden zu kostspieligen Nostalgieobjekten werden, die sich nur leistet, wer bereit und fähig ist, für nostalgisches Wohlgefühl einen Aufpreis zu entrichten. Und wenn die Verlagsbranche nicht sehr aufpasst, wird sie die gleichen Fehler wiederholen wie Musik- und Filmbranche: Sie wird ihren Kunden keine günstigeren, sondern schlechtere Angebote in digitaler Form machen. Die Kunden werden dann dorthin gehen, wo die gesuchte Ware gar nichts kostet.

Die Musikbranche hat das, was der Verlagsbranche möglicherweise bevorsteht, nach dem Siegeszug der Musiktauschbörse Napster sehr anschaulich vorexerziert. Was die Großen der Branche entwickelten, war nur halb so komfortabel wie Napster und kostete obendrein noch Geld. Nach einigem Hin und Her gab es schließlich einen gemeinsamen Download-Shop von Warner, BMG und EMI und einen weiteren von Sony und Universal. Dieser Rückschritt - welcher Kunde wusste schon, bei welcher Plattenfirma sein Lieblingskünstler unter Vertrag war? - sorgte für das vorhersagbare Ergebnis: Beide Modelle floppten. Komfort und Preis stimmten nicht.

Ein Tipp für einen Selbstversuch: Probieren Sie mal "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" von Michael Ende legal als elektronisches Buch zu bekommen. Und dann suchen Sie einfach so noch mal nach einer elektronischen Version im Netz.