Buchmesse Warum es "Jim Knopf" nicht als E-Book gibt

Der digitale Wandel ist auf der Frankfurter Buchmesse allgegenwärtig - als Hoffnung und Schreckgespenst. Überall wird über E-Books gesprochen, wenn auch oft widerwillig. Denn verdient wird mit digitalen Buchausgaben bislang wenig. Und das Geschäft birgt viele Möglichkeiten, sich zu blamieren.
E-Reader, Bücherregal bei der Frankfurter Buchmesse: Neue Hürden für Verlage

E-Reader, Bücherregal bei der Frankfurter Buchmesse: Neue Hürden für Verlage

Foto: Arne Dedert/ dpa

Frankfurt - Verlagsmanager zu sein, ist in Zeiten des medialen Umbruchs kein uneingeschränkt dankbarer Job. Das eigene Geschäft mit bedrucktem Papier läuft noch ziemlich gut, aber draußen im Netz lauern mutmaßlich böse Raubkopierer, mit E-Books wird nur ein winziger Teil aller Umsätze erzielt. Und trotzdem stehen an jeder Ecke die Mahner und Besserwisser, die einem erklären wollen, dass digitale Bücher die Zukunft sind.

Tatsächlich werden derzeit nur etwa 1,5 Prozent aller Umsätze der Branche mit E-Büchern verdient, sagt Lutz Dursthoff, Cheflektor Sachbuch bei Kiepenheuer & Witsch. Einer aktuellen GfK-Studie zufolge wurden im ersten Halbjahr 2011 knapp 13 Millionen Euro damit umgesetzt. Mehr als je zuvor, aber immer noch vergleichsweise wenig.

Verkäufe im zwei- bis dreistelligen Bereich keine Seltenheit

Christian Damke, Geschäftsführer der Skoobe  GmbH, die demnächst eine Verkaufsplattform für E-Bücher eröffnen wird, erklärt: "Das ist ein langfristiges Geschäft." Will sagen: Im Moment wird in diesem Bereich eher investiert als verdient - auch wenn es Ausnahmen gibt. "Limit" von Frank Schätzing habe sich digital über 10.000 mal verkauft, sagt Dursthoff, "Der Schwarm" über 8000 mal. Aber: "Es gibt auch Titel, von denen wir nur zehn Stück verkauft haben."

Die meisten E-Bücher aus dem Bereich Belletristik würden sich tatsächlich nur "im zwei- bis dreistelligen Bereich" verkaufen, verrät ein Brancheninsider, der lieber nicht namentlich zitiert werden möchte. Bei Sachbüchern sehe es oft noch schlimmer aus. Dazu kommt, dass man es in diesem Bereich mit mächtigen und oft rücksichtslosen Partnern zu tun hat. Amazon und Apple gelten als ruppige Verhandlungspartner, die den Anbietern die Bedingungen diktieren. An Verkaufszahlen aus den Downloadshops ist schwer heranzukommen, und gerade bei Apple dauert der Zulassungsprozess manchmal ziemlich lang. Wenn es schlecht läuft, kommt die App drei Monate nach dem Buch auf den Markt, wenn alles Marketing schon verpufft ist. Dursthoff sagt, sein Verlag habe dieses Problem nicht, man bräuchte eben "einen direkten Draht zu Apple". Andere haben weniger Glück. Und dann gibt es da noch die mittlerweile Dutzenden Downloadshops für E-Bücher von kleineren Anbietern - der Markt ist sehr unübersichtlich, ihn zu bedienen, macht zusätzliche Arbeit.

"Im App Store kann man leicht untergehen"

Hinzu kommt, dass der iPad-Konzern zwei unterschiedliche Verkaufsplattformen anbietet: Eine Buch-App wie das aufwendig gemachte Multimediapäckchen "Rangas Welt" von Ranga Yogeshwar fürs iPad, mit Videos, Grafiken und schmucker Benutzeroberfläche landet im App Store, das E-Book des gleichen Autors aber im iBookstore. Und gerade im App Store ist die Konkurrenz gewaltig, dort könne man "leicht untergehen", sagt Dursthoff. Denn wenn die Top 20 mit Spielen und anderen preiswerten Apps voll sind, bekommt der Kunde die aufwendig produzierte und vergleichsweise teure Buch-App gar nicht erst zu Gesicht. Und dort, wo er nach Büchern sucht, im iBookstore, findet er sie nicht. Man sei mit den Verkäufen bislang durchaus zufrieden, bemühe sich aber darum, im iBookstore einen Verweis hinüber in den App Store platzieren zu dürfen, so Dursthoff.

Kiepenheuer & Witsch hat für die eigene Technologie für "enhanced ebooks" große Pläne: Sie soll an andere Verlage lizenziert werden, damit auch die ihre Bücher multimedial aufbrezeln können. So wird der Verlag zum Technologieanbieter. Und das Buch zum vernetzten Produkt, dass sich über Plattformen wie lovelybooks.de  dann auch noch in digitalen Leserunden mit Gleichgesinnten besprechen lässt. Die digitale Welt bietet den Verlagen durchaus Chancen - aber im Moment scheinen die Risiken vielen offenbar relevanter.

Büchermenschen interessieren sich für Papier, Typografie, Bindung

Neben dem wirtschaftlichen haben die Verlage noch ein anderes, ein emotionales Problem. Ein Insider formuliert es brutal: "In den Verlagen sitzen oben oft alte Menschen, die sehr konservativ sind." Positiver könnte man formulieren: Büchermenschen lieben Bücher, interessieren sich für Papierqualität, Bindung und Typografie. Christian Damke von Skoobe sagt: "Für die Verlage ist es nicht einfach, die hochwertige Darstellung, die sie bei einem gedruckten Buch garantieren können, auch auf elektronischen Endgeräten zu gewährleisten." Denn da variieren Bildschirmarten und -größen, Helligkeit, Kontrast und andere Faktoren. Ein Buch aber wird so gesetzt, dass es in genau dieser Form perfekt aussieht.

Das sei auch einer der Gründe, warum die Verlage ihre teils gewaltigen Archive nicht schon längst digitalisiert haben: Es sei ungemein schwierig, ein vor 30 oder 40 Jahren in nicht digitaler Form hergestelltes Buch in eine E-Version zu verwandeln. Lutz Dursthoff erklärt: "Das Buch muss neu umbrochen werden, man braucht einen neuen Satz, es muss noch einmal korrekturgelesen werden, um Umbruchsfehler auszuschließen." Zudem gibt es Probleme mit den Rechten: Verträge von vor 20 oder 30 Jahren beinhalten keine Vereinbarungen über elektronische Nutzung. Die müssten jetzt nachverhandelt werden, mit den Autoren selbst oder mit deren Erben. Dafür aber bräuchte man Personal.

Die eigene Kundschaft kriminalisiert, den Piraten in die Hände gespielt

So kommt es, dass Krimis aus den Fünfzigern oder Kinderbücher aus den siebziger Jahren eben nicht legal elektronisch verfügbar sind, während man viele davon als illegal eingescannte Versionen im Netz finden kann. Davor fürchtet die Branche sich so sehr, dass sie droht, die Fehler der Musikbranche zu wiederholen: Die eigene Kundschaft zu kriminalisieren, aber selbst keine attraktiven Angebote zu machen.

Der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis etwa wünscht sich Warnhinweise für Nutzer "von sogenannten Filesharing-Plattformen" und zwar "bei jedem illegalen Download". Das forderte Skipis laut dpa. Für die Hinweise sollten die Internet-Provider sorgen, "diese versagen sich aber bislang".

Die Provider tun das mit gutem Grund: Um Skipis' Wunsch zu erfüllen, müssten sie den gesamten Internetverkehr in Deutschland kontinuierlich überwachen. Dagegen wäre das, was Ursula von der Leyen einst im Kampf gegen Kinderpornografie im Web vorschlug (das Ergebnis des Vorstoßes ist bekannt) ein Witz. Genau solche Forderungen - Bürgerrechte einschränken zugunsten von Urheberrechten - spielen der Piratenpartei in die Hände.

"Lautstarke Gruppe von Internetaktivisten"

Als Basis für seine Forderung zog Skipis einmal mehr eine Studie heran, die im Auftrag diverser Branchenverbände erstellt wurde und die unter anderem belegen soll, dass im Jahr 2010 Abermillionen von E-Büchern in Deutschland illegal heruntergeladen worden seien. Es gibt gute Gründe, diese Studie und ihre Datenbasis in Zweifel zu ziehen.

Bei der Eröffnung der Buchmesse stieß Börsenvereinsvorstand Gottfried Honnefelder noch einmal ins gleiche Horn. Er ermahnte die politischen Parteien in Deutschland, sich nicht "aus wahltaktischen Gründen einer kleinen Gruppe von lautstarken Netzaktivisten" (gemeint waren die Piraten) anzunähern, wie heise.de berichtet . Das erinnert stark an die Tiraden von Musikmanagern nach der Jahrtausendwende, die ihre eigene Kundschaft unverhohlen als "Diebe" beschimpften, ihnen aber trotzdem kein ordentliches digitales Angebot machten. Bis Apple kam und die Sache mit iTunes richtete.

Die Piraten bekamen in Berlin von knapp 130.000 Menschen eine Stimme, bundesweit liegen sie Umfragen zufolge derzeit bei etwa neun Prozent (die FDP bei drei). Eine "kleine Gruppe von lautstarken Netzaktivisten" ist das längst nicht mehr.

Tatsächlich aber existiert eine wachsenden Gruppe von Menschen, die auch in der digitalen Welt gerne Zugriff auf ihren Lesestoff haben möchte, überall, jederzeit, zu einem fairen Preis. So bleibt es für die Verlagsbranche bei der unangenehmen Aufgabe, in einer sich rasant wandelnden Welt einer derzeit noch ziemlich kleinen Zielgruppe schnell komfortable und attraktive Angebote zu machen - damit ihnen nicht tatsächlich ein Buch-Napster den Rang abläuft, wie Skipis, Honnefelder und andere es immerfort beschwören.

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