Carbon 1 MK II Ein Smartphone wie ein Sportwagen - nur nicht so schnell

Dazu gehört Mut: Ein Berliner Start-up will neben Apple, Samsung und Huawei einen Platz auf dem Handymarkt erobern. Ein ungewöhnliches Material soll dabei helfen.
Das Carbon 1 MK II von Carbon Mobile

Das Carbon 1 MK II von Carbon Mobile

Foto: Matthias Kremp/ DER SPIEGEL

Dass ein Unternehmen in Deutschland Smartphones entwickelt und auch herstellt, ist eher selten. Die besser für ihre schnurlosen DECT-Telefone bekannte Firma Gigaset war lange das einzige Unternehmen, das diese Kombination wagte. Jetzt versucht sich ein Start-up aus Berlin daran, ebenfalls mit Handys "Made in Germany" zu punkten. Wobei es eigentlich heißen muss: "Assembled in Germany", denn die Bauteile werden aus China geliefert.

Das Unternehmen heißt Carbon Mobile und besteht laut Vermarktungschef Klaus Seibold aus rund zehn Mitarbeitern aus aller Welt. Eine wirklich kleine Firma also, die sich mit einem eher ungewöhnlichen Konzept eine Nische schaffen will: Statt aus Aluminium, Kunststoff oder gar Edelstahl und Glas besteht das Gehäuse des neuen Smartphones, das die Firma am Mittwoch vorgestellt hat, aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff, kurz Carbon.

Im Smartphone-Business hatte dieses Material bisher keinen großen Auftritt, und das aus gutem Grund. Carbon-Verbundwerkstoffe schirmen Funkstrahlen ab, erklärt Seibold bei einem Treffen in Barcelona, wo er eigentlich am Mobile World Congress teilnehmen wollte, der wegen des Coronavirus angesagt wurde.

Was ist HyRECM ?

Deshalb besteht das Gehäuse auch nicht komplett aus dem ungewöhnlichen Material. Oben und unten werden Streifen aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) eingebaut, unter denen die Antennen stecken. Die Firma hat sich für diese Bauweise das Kürzel HyRECM (Hybrid Radio Enable Composite Material) einfallen lassen.

Die Herstellung der Carbongehäuse sei sehr schwierig, betont Seibold. Zum einen, weil die Gehäuse bei der Herstellung bei hohen Temperaturen in speziellen Formen gebacken werden müssen. Damit hinterher alles nahtlos zusammenpasst, kommt es hier auf Genauigkeit an. Zum anderen, weil man in Carbon keine Schrauben hineindrehen kann. Man musste deshalb spezielle Metallgewinde in die Gehäuse einarbeiten, mit denen die elektronischen Komponenten verschraubt werden.

Gut sichtbare Leichtbauweise

Das Ergebnis dieser Materialspielerei macht sich sofort bemerkbar, wenn man das Carbon 1 MK II genannte Smartphone in die Hand nimmt: Es scheint fast nichts zu wiegen und ist extrem dünn. Laut Datenblatt bringt das Sechs-Zoll-Handy nur 125 Gramm auf die Waage und ist 6,3 Millimeter dick. Zum Vergleich: Ein iPhone 11 Pro mit 5,8 Zoll ist bei 188 Gramm 8,1 Millimeter dick. Apples robuster Edelstahlrahmen ist eben keine Leichtbauweise.

Doch genau darum geht es bei Carbon 1 MK II: Es soll leicht sein, und man soll ihm ansehen, woraus es ist. Es wäre kein Problem gewesen, die Rückseite zu lackieren, um den Eindruck zu erwecken, sie bestünde aus nur einem Teil. Doch der Blick auf die gewebte Carbonstruktur ist Teil der Markenidentität. Sie soll offenbar Assoziationen mit anderen Hightech-Produkten erzeugen, die aus diesem Material bestehen, Sportwagen beispielsweise.

Hoffnung auf gute iFixit-Scores

Unter dem aufwendig produzierten und in Szene gesetzten Carbon-Geflecht steckt allerdings keine Highend-Technik. Der Amoled-Bildschirm mit 2160 x 1080 Pixeln gefällt beim ersten Anschauen noch gut. Abzuwarten bleibt aber, was beispielsweise der Prozessor zu leisten vermag. Carbon Mobile verwendet das 2018 eingeführte Mittelklassemodell P90 von Mediathek - ein in Smartphones bisher eher selten verwendeter Chip. Ein Test wird zeigen müssen, ob der ausreicht, um das Android-10-Betriebssystem und rechenintensive Apps flottzumachen. Dasselbe gilt für die Kameras, hinten mit zweimal 16-Megapixeln, vorne mit 20 Megapixeln.

Zumindest auf den ersten Blick macht das Display Spaß. Für eine endgültige Beurteilung wird man mehr Zeit brauchen.

Zumindest auf den ersten Blick macht das Display Spaß. Für eine endgültige Beurteilung wird man mehr Zeit brauchen.

Foto: Matthias Kremp/ DER SPIEGEL

Eine interessante Lösung hat sich die Firma für die Kühlung einfallen lassen: Weil Carbon sich nicht als Wärmeleiter eignet, das Gehäuse also die Abwärme des Prozessors quasi einsperrt, wird das Display als Kühler benutzt. Zudem ist das Display auch die Wartungsöffnung. Weil es mit einer Art doppelseitigem Klebeband befestigt sei, sei es leicht abzunehmen, um an die innen verschraubten Komponenten zu kommen, sagt Seibold und hofft auf eine gute Bewertung durch das Reparaturportal iFixit.

Dem Prototyp, den wir in Barcelona ausprobiert haben, war noch deutlich anzusehen, dass er von Hand gemacht war.

Dem Prototyp, den wir in Barcelona ausprobiert haben, war noch deutlich anzusehen, dass er von Hand gemacht war.

Foto: Matthias Kremp/ DER SPIEGEL

Kaufen kann man das Carbon-Handy bisher nicht. Auf der Website der Firma werden lediglich Vorbestellungen angenommen, die Auslieferungen sollen "ab Sommer 2020" beginnen. Wann genau, ist derzeit nicht zu sagen. Die Fabrikschließungen wegen des Coronavirus in China haben den Nachschub an Bauteilen versiegen lassen. Das gibt Interessenten mehr Zeit, über den Kauf nachzudenken. Immerhin soll das Carbon 1 MK II 799 Euro kosten. Für ein Smartphone mit Mittelklassetechnik ein stolzer Preis.

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