SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

12. Juni 2018, 18:53 Uhr

Cebit 2018

Die Messe, die gerne mehr wäre

Von

Schluss mit Filterkaffee, Schlips und Kragen: Die Cebit will sich neu erfinden, als IT-Festival junge Besucher locken. Wir waren schon da.

Im Presseraum wird gescherzt, die Cebit wolle mit ihrer Neuausrichtung wohl eine Art "North by Northeast" werden. Das europäische Gegenstück sozusagen zur populären South by Southwest (SXSW) in Austin. Nur dass die Cebit sich in umgekehrter Reihenfolge entwickelt hat. War die SXSW anfangs ein reines Musikfestival, das später um ein Filmfestival und eine Konferenz zu interaktiven Medien erweitert wurde, ist die Cebit eine Computermesse, auf der jetzt auch Bands auftreten.

Immerhin nicht irgendwelche Bands: Am Dienstagabend rocken Mando Diao das Messepublikum, am Mittwoch bringt Jan Delay es zum Tanzen. Für die Auftritte wurde auf dem Freigelände, das jetzt d!campus heißt, eine Festivalbühne aufgebaut. Schon am Vormittag treten dort DJs auf, nachmittags gibt es auch mal einen Vortrag oder den sogenannten Science Slam, bei dem junge Wissenschaftler ihre Projekte in amüsanten Kurzvorträgen präsentieren.

Direkt daneben stehen reihenweise Kickertische - das ist wichtig, ab Donnerstag ist Fußball-WM - und sogar eine kleine Minigolfbahn wurde aufgebaut. Überragt wird all das freilich von einem 60 Meter hohen Riesenrad. Ein Softwarekonzern hat es aufgerichtet, um in den Gondeln Geschäftsgespräche zu führen. Keine dumme Idee, denn einen derart exponierten Meetingraum wird wohl niemand vorzeitig verlassen.

Neben all dem bunten Brimborium zeigt sich schon nach dem ersten Cebit-Tag, dass das Konferenzprogramm ein Erfolg zu sein scheint. Rund 5000 Teilnehmer hätten sich für den sogenannten Take-off-Monday angemeldet, an dem Internet-Stars wie Jaron Lanier in Vorträgen ihre Sicht auf Internet und Digitalisierung erklärten, sagte Oliver Frese vom Vorstand der Messe AG am Montag.

Auch an den folgenden Tagen dürften Talk-Runden und Vorträge reichlich Zuspruch finden. Platz genug hat die Messegesellschaft jedenfalls geschaffen. In vielen Hallen sind Auditorien für solche Veranstaltungen aufgebaut worden. Dass man daneben auch noch etliche Chill-out-Areas vorgesehen hat, mal mit Stühlen, Tischen und Kaffeebar, mal einfach mit Sitzkissen, zeigt zweierlei: Zum einen kann man als Cebit-Besucher endlich mal zwischendurch die Beine baumeln lassen. Zum anderen kann die Messegesellschaft auf diese Weise nicht-vermietete Flächen kaschieren.

Das ist wohl nötig. Insgesamt konnte die Messe AG rund 2800 Aussteller aus 70 Ländern in ihre Hallen locken, 200 weniger als im vergangenen Jahr. In ihren besten Zeiten zog die Cebit zweieinhalbmal so viele an. Interessante Exponate dürften in den Hallen trotzdem zu sehen sein. Wer sich für künstliche Intelligenz und Roboter interessiert, kommt ebenso auf seine Kosten wie jene, die autonom fahrende Autos oder fliegende Taxis bestaunen wollen. Und zwischendurch holt man sich an einem der Food Trucks ein Häppchen.

Draußen hip, drinnen wie immer

Bleibt die Frage, wie gut das neue Konzept bei den traditionellen Ausstellern ankommt, die sich von der Cebit vor allem gute Geschäftsabschlüsse erhoffen und deren Kunden eher mit Anzug und Krawatte anreisen, statt mit Shorts und Skateboard.

Sobald man nämlich die Freiflächen verlässt und wieder in die Messehallen eintaucht, fühlt man sich fast wie auf einer normalen Cebit, so wie sie schon immer war: Alles sieht genauso aus wie immer, von den oft einfallslosen Spannplattenkonstruktionen bis zu den Empfangstresen samt Standpersonal.

Die Messe hat den Wandel zum Digitalfestival offenbar schon fast vollzogen, die Aussteller noch nicht.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung